« rief Leontin . - Der Reiter , welcher der Herr des Schlosses zu sein schien , stieg schnell ab und ging hinein , die Windlichter verschwanden mit ihm , und es war plötzlich wieder dunkel und still wie vorher . Leontin war sehr bewegt , sie beide blieben noch lange voll Erwartung am Fenster , aber es rührte sich nichts im Schlosse . Ermüdet warfen sie sich endlich auf die großen , altmodischen Betten , um den Tag zu erwarten , aber sie konnten nicht einschlafen , denn der Wind knarrte und pfiff unaufhörlich an den Wetterhähnen und Pfeilern des alten , weitläufigen Schlosses , und ein seltsames Sausen , das nicht vom Walde herzukommen schien , sondern wie ferner Wellenschlag tönte , brauste die ganze Nacht hindurch . Zweiundzwanzigstes Kapitel Kaum fing der Morgen draußen an zu dämmern , so sprangen die beiden schon von ihrem Lager auf und eilten aus ihrem Zimmer auf den Gang hinaus . Aber kein Mensch war noch da zu sehen , die Gänge und Stiegen standen leer , der steinerne Brunnen im Hofe rauschte einförmig fort . Sie gingen unruhig auf und ab ; nirgends bemerkten sie einen neuen Bau oder Verzierung an dem Schlosse , es schien nur das Alte gerade zur Notdurft zusammengehalten . Bunte Blumen und kleine grüne Bäumchen wuchsen hin und wieder auf dem hohen Dache , zwischen denen Vögel lustig sangen . Sie kamen endlich über mehrere Gänge in dem abgelegensten und verfallensten Teile des Schlosses in ein offenes , hochgelegenes Gemach , dessen Wände sie mit Kohle bemalt fanden . Es waren meist flüchtige Umrisse von mehr als lebensgroßen Figuren , Felsen und Bäumen , zum Teil halb verwischt und unkenntlich . Gleich an der Tür war eine seltsame Figur , die sie sogleich für den Eulenspiegel erkannten . Auf der andern Wand erkannte Friedrich höchst betroffen einen großen , ziemlich weitläufigen Umriß seiner Heimat , das große alte Schloß und den Garten auf dem Berge , den Strom unten , den Wald und die ganze Gegend . Aber es war unbeschreiblich einsam anzusehen , denn ein ungeheurer Sturm schien über die winterliche Gegend zu gehen , und beugte die entlaubten Bäume alle nach einer Seite , sowie auch eine wilde Flammenkrone , die aus dem Dache des Schlosses hervorbrach , welches zum Teil schon in der Feuersbrunst zusammenstürzte . Friedrich konnte die Augen von diesen Zügen kaum wegwenden , als Leontin einen Haufen von Zeichnungen und Skizzen hervorzog , die ganz verstaubt und vermodert in einem Winkel des Zimmers lagen . Sie setzten sich beide auf den Fußboden hin und rollten eine nach der andern auf . Die meisten Blätter waren komischen Inhalts , fast alle von einem ungewöhnlichen Umfange . Die Züge waren durchaus keck und oft bis zur Härte streng , aber keine der Darstellungen machte einen angenehmen , viele sogar einen widrigen Eindruck . Unter den komischen Gesichtern glaubte Friedrich zu seiner höchsten Verwunderung manche alte Bekannte aus seiner Kindheit wiederzufinden . Der erste Morgenschein fiel indes soeben durch die hohen Bogenfenster , und spielte gar seltsam an den Wänden der Polterkammer und in die wunderliche Welt der Gedanken und Gestalten hinein , die rings um sie her auf dem Boden zerstreut lagen . Es war ihnen dabei wie in einem Traume zumute . - Sie schoben endlich alle die Bilder wieder in den Winkel zusammen und lehnten sich zum Fenster hinaus . Alles war noch nächtlich und grenzenlos still , nur einige frühe Vögel zogen pfeifend hin und her über den Wald und begrüßten die ersten Morgenstrahlen , die durch die Wipfel funkelten . Da hörten sie auf einmal draußen in einiger Entfernung folgendes Lied singen : » Ein Stern still nach dem andern fällt Tief in des Himmels Kluft , Schon zucken Strahlen durch die Welt , Ich wittre Morgenluft . In Qualmen steigt und sinkt das Tal ; Verödet noch vom Fest Liegt still der weite Freudensaal , Und tot noch alle Gäst . Da hebt die Sonne aus dem Meer Eratmend ihren Lauf : Zur Erde geht , was feucht und schwer , Was klar , zu ihr hinauf . Hebt grüner Wälder Trieb und Macht Neu rauschend in die Luft , Zieht hinten Städte , eitel Pracht , Blau ' Berge durch den Duft . Spannt aus die grünen Tepp ' che weich , Von Strömen hell durchrankt , Und schallend glänzt das frische Reich , So weit das Auge langt . Der Mensch nun aus der tiefen Welt Der Träume tritt heraus , Freut sich , daß alles noch so hält , Daß noch das Spiel nicht aus . Und nun geht ' s an ein Fleißigsein ! Umsumsend Berg und Tal , Agieret lustig groß und klein Den Plunder allzumal . Die Sonne steiget einsam auf , Ernst über Lust und Weh , Lenkt sie den ungestörten Lauf In stiller Glorie . - Und wie er dehnt die Flügel aus , Und wie er auch sich stellt : Der Mensch kann nimmermehr hinaus , Aus dieser Narrenwelt . « Die beiden Freunde eilten Sogleich auf das sonderbare Lied hinunter und aus dem Schlosse hinaus . Die Wälder rauchten ringsum aus den Tälern , eine kühle Morgenluft griff stärkend an alle Glieder . Der Gesang hatte unterdes aufgehört , doch erblickten sie in jener Gegend , wo er hergekommen war , einen großen , schönen , ziemlich jungen Mann an dem Eingange des Waldes . Er stand auf und schien weggehn zu wollen , als er sie gewahr wurde ; dann blieb er stehen und sah sie noch einmal an , kam darauf auf sie zu , faßte Friedrich bei der Hand und sagte sehr gleichgültig : » Willkommen Bruder ! « - Wie dem Schweizer in der Fremde , wenn plötzlich ein Alphorn ertönt , alle Berge und Täler , die ihn von der Heimat scheiden , in dem Klange versinken , und er die Gletscher wiedersieht , und den alten , stillen Garten am