der Marchese ; » ich weiß wirklich nicht , wenn ich der Mann gewesen wäre und den Handel entdeckt hätte - wer kann einen schwachen Augenblick hart bestrafen . « - » Beim Himmel « , rief der Graf , » hart nennen Sie das , das nennen Sie einen schwachen Augenblick , der die starken Bande langer Gewohnheit , geschworner Treue , alter Liebe vernichtet ; das ist eine fürchterliche Stärke im Menschen , die das nur vermag , die muß vernichtet werden , oder die Welt bestände nicht mehr . Gott bewahre mich vor dem Falle , aber ich hätte es nicht lassen können , die beiden umzubringen . « - » Sie können recht haben « , sagte der Marchese ruhig , » die Gewohnheit , über dergleichen unselige Vorgänge in der Welt gleichgültig reden zu hören , gibt auch der Beurteilung dieselbe Gleichgültigkeit , die sich vielleicht auch in mir bei einem solchen Ereignisse , wo es mich beträfe , verleugnen möchte . Wenn Sie aber , lieber Graf , bestimmt so denken , so verwundert es mich , wie Sie Ihre Frau so in der Fülle aller Reizungen allein zurücklassen können ; sie mag eine sehr vollkommene sittsame Frau sein , lieber Graf , sie ist doch auch nur eine Frau ; in Spanien dürfte das kein Ehemann wagen . « - » Wir Deutsche « , meinte der Graf ungestört , » wir sind entweder anders , oder denken darüber anders ; wir schenken einer Frau mit unsrer Liebe unser ganzes Zutrauen ; meine Frau betrachte ich wie mich selbst , nicht als aus einer besondern Rasse schwächerer Wesen ; ich bin gewiß , so wenig ich ihr eine fremdartige böse Neigung verschweigen würde , so wenig würde sie ungewarnt meine Ehre , mein ganzes Glück , verraten . « - So endigte sich diese merkwürdige Unterredung , in welcher die übermächtige Klugheit so arm neben dem reichen zutraulichen Glauben erscheint , und der Glauben in so schwerer Prüfung neben der Bosheit ; doch ließ sie in dem Gefühle des Grafen , verbunden mit dem Fremdartigen in dem Wesen seiner Gemahlin , eine gewisse Besorglichkeit zurück , die er gern einem eignen Übelbefinden zuschreiben wollte . Man irrt aber eben so oft , wenn man jeden ungewöhnlichen geistigen Zustand einem körperlichen Leiden zuschreibt , als wenn man umgekehrt jede Krankheit aus einem Leiden der Seele , einer Sehnsucht , herleiten möchte , wie es den Frauen häufig eigen . - Die beiden Reisenden wendeten bald ihr Gespräch auf die Liebe ; der Graf in dem schönen frommen Sinne , der dem glücklichen Neulinge eigen ; er war als Vater noch unschuldiger als manches Kind . Der Marchese überschüttete ihn mit einem kalten Stürzbade der wunderbarsten Geschichten , welche Lust und Not einem gebildeten barbarischen Zeitalter aufgezwungen haben ; dabei flossen ihm die Geschichten zum Munde hinaus , als spülte er ihn sich aus , und würde er reiner . Auch die Liederlichkeit fordert eine gewisse Bestimmung , und so ein geriebener Himmelsstürmer läßt sich in seiner pestilenzialischen Wirkung den Soldaten vergleichen , die nach langem Biwakieren in ein ordentliches Haus kommen ; ihr Geruch vergiftet alle , während sie sich wohlbefinden . Der Graf fühlte dabei eine wunderliche Neigung in sich , auch die Welt so kennen gelernt zu haben , in allen ihren Tiefen und Höhen ; sein Leben kam ihm so arm vor ; er hätte ihm auch gerne etwas erzählt , aber mit Staunen bemerkte er , daß er diese Seite geselliger Bildung eigentlich ungekannt immer verachtet habe . Der Graf , immer aufrichtig und wahr , sagte dem Marchese : » Sie haben nicht umsonst gelebt , Sie haben einen reichen Schatz von Weisheit aus dem Abschaume der Menschheit entwickelt , den ich mit leerem Bedauern angesehen habe , daß er zu keinem ruhigen hellen Tropfen mehr zusammenfließen könne . Ich versichere Ihnen , es gab eine Zeit , wo ich öffentliche Mädchen gar nicht für Menschen gehalten habe , sondern für eine Art Wundertiere mit ihren geschminkten Wangen , für eine Art schändlicher Götzen aus dem alten Heidentume , denen Menschen geopfert würden . Erst auf der Universität lernte ich an einem Mädchen , das mir gegenüber wohnte , wie alles so gewöhnlich menschlich , mehr nachlässig als böse , zugehe . Sie war erst sehr ordentlich sparsam und fleißig , half fleißig den Eltern , die einen kleinen Handel trieben . Die Mutter starb , der Vater war alt ; er hatte kein Ansehen über sie und sie mußte ihn zum Teil ernähren ; darum schwieg er zu allem , was sie tat . Bald bemerkte ich , daß sie ein schönes Tuch , bald auch ein besseres Kleid trüge ; bald saß sie am Fenster und beschäftigte sich nur mit Putzmachen und Stickerei ; ich dachte , die Leute hätten eine Erbschaft getan . Endlich saß sie aber ganz müßig an ihrem Fenster , das halb mit Blumentöpfen verbaut war ; ihre Backen sahen mir so unnatürlich rot aus ; sie winkte mir ; aber das Mädchen , mit dem ich eine kleine Liebesgeschichte ganz in mir nach meiner Art gespielt hatte , daß sie in hundert Jahren nichts davon erraten hätte , war mir im Augenblicke so verhaßt , daß ich ihr den Rücken zukehrte . Bei einer Gelegenheit warf ich ihr ein Gedicht ins Fenster , womit ich sie zu bekehren meinte . « - DER MARCHESE : » Sagen Sie es doch her , wenn Sie es noch wissen , die Geschichte hat etwas so Unschuldiges , das mich ungemein reizt . « - DER GRAF : » Aus der Zeit vergißt man nichts . « Die arme Schönheit Mir gegenüber das schöne Kind , Strickte sonst fleißig ums liebe Brot , Barfuß doch lief sie bei Regen und Wind , Schwarz war ihr Kopftuch , ihr Röckchen war rot ; Wenn ich sie grüßte , dankte sie schön , Und ich mocht gern