band sie an die nächste Linde . Von der Dienerschaft mußte noch kein einziger vom Jahrmarkt in A. zurückgekehrt sein , es war totenstill im ganzen weiten Garten . Nur durch das ferne Gebüsch in der Nähe des Schlosses leuchteten , hier und da auftauchend , ein helles Frauenkleid und der Strohhut eines Herrn – es schien der jungen Dame , als ob Frau von Herbeck in Begleitung des Arztes eilig auf und ab gehe . Sie trat wieder vor das Tor und schritt die obere Dorfgasse hinab . Da standen zu beiden Seiten die neugebauten Häuser der Neuenfelder Hüttenarbeiter . Noch nie hatten die Füße der jungen Dame dieses Pflaster betreten – fremdartiger kann sich der Besucher von Pompeji nicht angemutet fühlen , als die Herrin des Dorfes inmitten dieser Wohnstätten und des Lebens , das sich vor ihren Augen entwickelte . Man hatte die Habseligkeiten aus den brennenden Häusern hierher gerettet ... Welch ein armseliger Haufe ! Und diesem wurmstichigen , verbrauchten Gerümpel , das sie nicht mit dem Fuß berühren mochte , gab man die hochtönende Bezeichnung : Eigentum ! Eine Gruppe wehklagender Frauen stand dabei . Sie rangen die Hände und erschöpften sich in Mutmaßungen , wie der Brand ausgekommen sein möge . Die Kinder dagegen hatten sichtlich große Freude an dem seltenen Ereignis und seinen Folgen . Es war doch zu wunderbar , daß Tische und Bänke auf einmal unter Gottes freiem Himmel standen , und das schmutzige Bettzeug erschien in der dumpfen Kammer sicher nicht so einladend , wie hier auf dem Pflaster ; die kleinen Köpfe guckten seelenvergnügt aus dem improvisierten » Häuschen « , das sie sich zurechtgewühlt hatten . Gisela schritt auf die Frauen zu . Sie verstummten erschrocken und stellten sich scheu und ehrerbietig zur Seite . Wäre der Mond vom Himmel heruntergestiegen und durch die Straße gewandelt , es hätte sie vielleicht weniger befremdet , als die weiße Gestalt , die so plötzlich an sie heranschwebte ; denn der Mond war ja ein so guter , alter Freund , dem sie von Kindesbeinen an ungescheut ins gemütliche Antlitz sehen durften – dieses vornehme Mädchengesicht jedoch kannten sie nur » bedeckt vom Schleier « und fern zu Roß oder Wagen an ihnen vorüberfliegend . » Ist jemand beim Brande verletzt worden ? « fragte die junge Dame gütig . » Nein , gnädige Gräfin , bis jetzt – Gott sei Dank – niemand ! « erscholl es von allen Lippen . » Nur dem Weber seine Ziege ist mitverbrannt « , sagte eine alte Frau . » Dort unten steht er – er weint sich fast die Augen aus dem Kopf . « » Und wir haben keine Unterkunft für die Nacht « , klagte eine andere . » Drei Familien können in den neuen Häusern untergebracht werden , mehr aber nicht – wir sind übrig und ich habe ein kleines Kind , das zahnt . « » So kommt mit mir « , sagte Gisela . » Ich kann euch alle unterbringen . « Die Frauen standen wie versteinert ; sie sahen sich scheu untereinander an . Damit war doch unmöglich das Schloß gemeint ! Denn dort konnten sie doch nirgends den Fuß hinsetzen , ohne vor » untertäniger « Angst zu vergehen ! Und gar darin schlafen mit dem Kind , das Zähne kriegte und Tag und Nacht schrie ! Bei jedem Tritt und Schritt hallte es ja in den vornehmen Hallen , Gängen und Sälen , daß man sich vor seiner eigenen unverschämten Stimme fürchtete ... Und das mochte alles noch sein – aber die böse , böse gnädige Frau ! Vor der versteckten sich selbst die Männer im Dorf ! Gisela ließ den Frauen nicht länger Zeit zum Überlegen . » Nehmen Sie nur Ihr Kind , liebe Frau « , ermutigte sie das Weib , das gesprochen hatte , » und gehen Sie mit . Und wer ist noch obdachlos ? « » Ich « , sagte ein junges Mädchen schüchtern . » Unser Häuschen steht zwar noch , und die Männer sagen , es würde nun auch nicht abbrennen – die Neuenfelder Spritzen sind gerade noch zur rechten Zeit gekommen ... ' neinziehen können wir freilich so bald nicht wieder , es wird zu sehr eingeweicht ... Gnädige Gräfin , ich bin aber nicht allein ; da ist der Großvater und die Eltern und Bruder und Schwester und die alte , blinde Muhme – « Gisela lächelte – wie ein tröstender , erquickender Strahl ging es von diesem jungen , holdseligen Gesicht aus . » Nun , die werden wir doch nicht draußen lassen « , sagte sie . » Holen Sie getrost Ihre ganze Familie – ich werde sogleich für eine Wohnung sorgen . « Das junge Mädchen sprang fort ; die Frau aber nahm ihr leidendes Kind auf den Arm , während zwei andere sich an ihren Rock hingen . Sie bat eine Nachbarin , ihrem Mann , der noch nicht von A. zurück war , zu sagen , wo sie sei , und folgte , wenn auch mit beklommenem Herzen , der jungen Gräfin nach dem Schloßgarten . Gisela band ihr Pferd los , nahm es beim Zügel und betrat den Hauptweg , der nach dem Schloß führte . Jetzt kam das helle Frauenkleid , wie vom Sturmwind getrieben , auf sie zugeflogen . Das junge Mädchen fühlte doch eine Art von Mitleiden für die kleine , fette Frau , die den Stempel des Entsetzens und der Angst auf dem erhitzten Gesicht trug . Zuerst kam sie mit ausgebreiteten Armen gelaufen , wobei sich ihr großer Umhang wie ein Segel aufblähte , dann schlug sie die Hände zusammen und ließ sie gerungen wieder sinken . » Nein , nein , liebe Gräfin – das war mehr als sich ertragen läßt ! « rief sie mit halb erstickter Stimme . » Das Dorf brennt , unserer gottverlassenen Dienerschaft fällt es nicht ein , wieder nach Hause zu kommen , und Sie verschwinden