Schattengestalt mußte den erstarrenden Blick der Klapperschlange haben ; denn der angeredete Mann stand da wie gelähmt – er brachte kein Wort zu seiner Verteidigung über die Lippen . Der Bediente Robert war entschlossener . » Dafür können wir Dienstleute nicht , gnädige Frau Baronin , « sagte er achselzuckend . » Mit Erlaubnis zu sagen , wir machen selbst die Faust in der Tasche über die polnische Wirtschaft , die wir nun seit so und so viel Wochen im Schillingshof mit ansehen müssen ... Die Haustür hat der einfältige Bäckerjunge , der die Abendsemmeln gebracht hat , wieder einmal offen gelassen – zuschließen darf man ja nicht , weil die Zugglocke – nicht verrostet , wie gnädige Frau Baronin denken – sondern einfach abgenommen ist . Das Gas draußen brennt nicht , die Brunnenröhren sind zugeschraubt , und das Stroh liegt auf den Wegen – kurzum , die ganze heillose Wirtschaft ist nur um deswegen , weil der fremde kleine Junge den Typhus , oder so was Ähnliches gehabt hat . « In Donna Mercedes wallte das Verlangen auf , hervorzutreten und der Dame zu sagen , daß die Krankheit des Kindes nicht der Typhus , überhaupt keine ansteckende gewesen sei ; trotzdem blieb ihr Fuß wie festgewurzelt stehen , und instinktmäßig bog sie ihre Gestalt aus dem herausfallenden Licht , das sie streifte ... Nein , die erste Begegnung mit der Herrin vom Schillingshofe durfte nicht in Gegenwart der gehässigen Dienstboten stattfinden ! ... Ob sie es überhaupt je über sich gewinnen würde , dieser Frau mit Worten der gebührenden Höflichkeit , des Dankes für die gewährte Gastfreundschaft zu nahen ? – Etwas Abstoßenderes an Gestalt und Wesen , an Linien und Ausdruck , wie diese Heimkehrende mit dem unkleidsamen , grauumschleierten Glockenhut über dem langen Gesicht , ließ sich nicht denken . Und die Stimme , dieses Gemisch von weinerlicher Bosheit und schneidender Impertinenz , berührte sie , als werde ihr eine kalte , scharfe Messerklinge über bloßgelegte Nerven gestrichen . » Typhus ? ! « wiederholte die Baronin und fuhr mit dem Taschentuch durch die Luft – Donna Mercedes sah eine starke Röte wie infolge eines heftigen Erschreckens über ihr Gesicht hinfliegen . – » Ich will doch nicht hoffen , daß der Baron während dieser Zeit hier im Hause geblieben ist ? « Die Leute sahen sich scheu an . » Der gnädige Herr kennt keine Furcht ; er ist Tag und Nacht in der Krankenstube geblieben und hat das Kind gepflegt , als wenn ' s ein – eigenes wäre , « versetzte der Bediente mit dem Gesicht und der Haltung eines echten Duckmäusers . Ein zornmütiges Lächeln entblößte flüchtig die langen weißen Zähne der Dame – sie sah ihre Reisebegleiterin an , die den Blick mit einem gleichgültigen Achselzucken erwiderte . » Wundert dich das , Clementine ? « sagte sie kalt . Die Baronin antwortete nicht . Sie schob mit der Spitze ihres Sonnenschirmes einen Strohhalm von ihrem Rockbehang . » Ist das Kind noch krank ? « fragte sie mit einem halben Aufblick nach dem Bedienten . » Jawohl , gnädige Frau – an ein Aufstehen ist noch lange nicht zu denken . « » Mein Gott , wie verdrießlich ! – Ich habe entschieden keine Lust , die verpestete Krankenluft zu atmen – sorgen Sie dafür , daß sofort Kohlenbecken mit Räucherung hier in der Flurhalle aufgestellt werden ! ... Wo ist der Baron ? « » Der gnädige Herr ist heute nachmittag mit dem Fünfuhrzug nach Berlin gereist , « berichtete er so prompt und eilig , als habe er schon längst auf diese Frage gewartet – er rieb sich vor innerer Genugtuung die Hände . Hatte er gehofft , seine Herrin werde vor Überraschung die Fassung verlieren , dann war er im Irrtum gewesen . Sie hatte seine Bewegung sehr wohl bemerkt und verzog keine Miene , wenn sie auch abermals die Farbe wechselte . Wieder richtete sie den Blick auf die schwarze Dame ... Lucile hatte stets behauptet , die Frau dort habe glanzlose , tote Augen ; das war falsch – es glomm im Gegenteil ein intensives Feuer in den grauen Sternen ; sie flackerten unruhig wie Irrlichter unter den halbzugesunkenen dünnen Augendeckeln . » Erinnerst du dich , im letzten Brief etwas über diese Abreise gelesen zu haben , Adelheid ? « fragte sie ihre Reisebegleiterin anscheinend gelassen . Die Dame schüttelte den Kopf . » Ach , gnädige Frau Baronin , das ist wohl auch nicht gut möglich ! « wagte der Bediente einzuwerfen . – » Heute morgen hatte noch niemand im Hause auch nur die blasse Ahnung von der Berliner Reise – die Sache hat sich ganz schnell gemacht . Das ist jetzt immer so bei uns , gnädige Frau . Vor ein paar Tagen ist auch die eine fremde Dame so schnell und heimlich nach Berlin abgereist , als ob – ja wirklich und wahrhaftig so ist ' s gewesen – als war ' sie durchgebrannt . « Die letzten Worte sprach er im halben Flüsterton , wobei er scheu nach dem hinter der nördlichen Zimmerflucht hinlaufenden Gang schielte . Jetzt hatte er doch einen empfindlichen Nerv getroffen . Die Baronin fuhr empor . – Die zusammengesunkene Haltung verwandelte sich im Nu in eine hochaufgereckte ; mit nervöser Hast griffen die langen , schlanken Finger prüfend nach der Hutschleife unter dem Kinn , oh sie noch festsitze , die Strohhalme wurden von der Schleppe geschüttelt , der Schleier über das Gesicht gezogen . » Wir fahren mit dem Neunuhrzug nach Berlin , « sagte sie kurz , aber mit fieberischer Aufregung in jedem Ton zu ihrer Reisebegleiterin . » Mit Nichten , Clementine – du bist erschöpft und bedarfst dringend der Erquickung , der Ruhe – wir bleiben hier , « versetzte die Dame vollkommen gelassen , mit jener ernsten , unerschütterlichen Würde , die ein tüchtiger Mentor gegen seinen widerspenstigen Zögling herauskehrt . » Ruhe ? « lachte die Baronin