duldete , daß an dem Namen Gerold ein Makel haftet . Er hat mich an sich gezogen – der Familienehre halber , um weiter nichts , nichts ! « Sie schwieg erschöpft , aber das bittere leidenschaftliche Schluchzen dauerte fort . Joachim antwortete nicht . Noch immer lag seine Hand auf ihrem blonden Haar . Endlich sagte er mild : » Und wenn er dich doch liebte ? « Sie stand plötzlich auf den Füßen . » O mein Gott ! « sprach sie , und auf ihrem verweinten Gesicht drückte sich etwas wie Mitleid aus . » Nein , du argloser guter Mensch , er liebt mich nicht ! « » Aber wenn er es doch täte ! Er ist niemals einer von denen gewesen , die Gefühle zu heucheln verstanden . Du weißt , er hätte sich von je lieber die Zunge abgebissen , ehe er ein unwahres Wort redete . Immer war er so , Klaudine . « » Ja , gottlob ! « rief sie flammend und richtete sich hoch auf , » das hat er auch nicht gewagt ! Du denkst , Lothar hätte um mich geworben mit Liebesheucheln ? O nein , unwahr ist er nicht . Und als ich ihm die Komödie vorschlug , da fiel es ihm nicht ein , zu beteuern , daß er etwa sehr betrübt sein werde , wenn wir uns später trennen . Nein , ehrlich ist er – bis zum Verletzen ehrlich ! « Sie schien sich plötzlich zu fassen . » Du Armer « , sagte sie weich , indem sie des Bruders Hand ergriff , » so störe ich deine Arbeit mit meinen bösen Nachrichten . Ertrage mich , Joachim , ich werde ruhiger werden , ich will nun wieder dein Hausmütterchen sein , dein guter Kamerad . Daß ich doch nie hinausgegangen wäre ! Und allmählich werde ich alles , alles überwinden , Joachim ! « Sie küßte ihn auf die Stirn und ging in ihr Stübchen , dessen Tür sie hinter sich verriegelte . Wie frisches kühles Quellwasser wirkte die Ruhe dieses eigenen kleinen Heims auf ihre Seele . Sie ging von Möbel zu Möbel , als müsse sie jedes einzelne begrüßen , und stand endlich still vor dem Bilde der Großmutter . » Du warst eine so kluge alte Frau « , flüsterte sie , » und welch törichte Enkelin hast du erzogen ! Sie bezahlt die zu spät erworbene Klugheit mit ihrem Lebensglück ! « Dann legte sie mühsam das Spitzenkleid ab , hüllte sich in ein einfaches graues Hauskleid , setzte sich still ans Fenster in den alten Lehnstuhl und schaute in den dämmerigen Abend hinaus . Unten in der Wohnstube schlich inzwischen die kleine Elisabeth betrübt um den freundlich gedeckten Tisch , er sah doch schön aus mit der rosengefüllten Porzellanschale in der Mitte , den kunstvoll gebrochenen Servietten und den rosenumkränzten Stühlen für das Brautpaar . Und gar der schöne Kuchen , von Ida selbst gebacken ! Der dicken Wachspuppe hatte die Kleine ein neues blaues Kleid angezogen . Wo blieben sie denn nur alle so lange ? Sie lief hinunter in Fräulein Lindenmeyers Stube . » Wann ist denn endlich Hochzeit ? « fragte sie ungeduldig . Sie hatte gemeint , die festliche Vorbereitung bedeute schon die Hochzeit . » Ach , mein Liebling « , seufzte das alte Fräulein und sah kopfschüttelnd zu Ida hinüber . War das auch ein Brautpaar , das am ersten Verlobungstage nicht einmal zusammenblieb ? Oder sollte das eine neue Mode sein ? Zu ihrer Zeit war das anders gewesen , da mochte man sich gar nicht trennen und saß beieinander und sah sich in die Augen . Sie seufzte . » Räume ab , Ida « , flüsterte sie , » die Wespen kommen in die Stube nach dem Kuchen , er wird nur trocken . Ach , unsere duftigen Kränze ! Das ist das Los des Schönen auf der Erde ! Ida , Ida , mir ist ganz unheimlich zumute ! « » Elisabeth möchte Kuchen haben « , sagte die Kleine und trippelte hinter dem Mädchen hinaus . 27. Der erste Schnee in den Bergen ! Dort oben fällt er früh . In der Ebene fliegen vielleicht noch die Sommerfäden , da flimmert und stiebt es schon hier oben und liegt duftig weiß und glitzernd auf den Tannen . Dann ist es behaglich in den Häusern der Menschen , die großen Kachelöfen tun ihre Schuldigkeit und die Fenster sind mit grünem Moos umkränzt , daß der kalte Wind keine noch so kleine Öffnung findet , ins Innere zu dringen . Köstlich ist es dann besonders abends , wenn die Lampe über dem Tische schaukelt und ihr Licht auf spiegelndes Teegerät fällt . Aber so heimlich warm , so wohnlich , so altväterlich behaglich war es doch nirgends in dem ganzen Gebirge , wie in der Wohnstube des Neuhäuser Schlosses . Draußen flimmerte und stiebte es , hier innen brannte die Lampe auf der Platte des altmodischen Schreibtisches . Beate schrieb : » Also , dies wären die Wirtschaftsfragen gewesen , Lothar , jetzt zu den Herzensangelegenheiten ! Ich war vorhin im Eulenhause und traf Klaudine in der Wohnstube , sie gab der kleinen Elisabeth Unterricht . Ich möchte Dir ja gern etwas besonders gutes schreiben diesmal , aber es ist immer das nämliche . Sie spricht nie von Dir , und wenn ich davon anfange , so erhalte ich keine Antwort , wenigstens keine , die mich befriedigt . Sie zeigt nur ein Interesse , und zwar das an dem Befinden der Herzogin . Sie lebt wie eine Nonne und sieht bleich aus zum Erbarmen , ihre einzige Abwechslung sind stundenlange einsame Spaziergänge . Joachim , der Egoist , scheint es nicht zu bemerken oder will es nicht sehen . Ich habe ihm aber heute den Star gestochen . Er brachte gerade wieder ein dickes Manuskript , das Klaudine abschreiben sollte , ich nahm es ihr vor der