, ängstlich erweiterten Augen , faßte er nach ihrer Rechten . „ Du hast recht gethan , “ sagte er gepreßt , „ sehr recht , ich gratuliere dir , Hede , von ganzem Herzen ! “ „ Er will morgen bei dir anfragen , um – – “ „ Laß doch ! “ murmelte er , sie unterbrechend . „ Du bist doch dein eigner Herr , Kind . Aber – natürlich ist er mir willkommen , sehr willkommen – selbstverständlich ! Und wenn ich dir sonst irgendwie nützlich sein kann , Hede , du weißt ja – du hast recht gethan sehr recht ! Er hielt ihr die Hand hin . „ Ich bin müde , ich habe ein wenig Kopfweh , schlaf ’ wohl und träume glücklich ! Gute Nacht , Hede ! “ Sie ging ohne ein Wort , ganz erschüttert , hinaus . „ Will die Tante nicht hier bleiben , Papa ? “ fragte Heini nach einer Weile , der nicht verstanden hatte , was die Unterhaltung bedeutete . „ Nein , Heini , “ sagte er und die ganze schneidende Bitterkeit seiner Seele brach aus den Worten , „ nein , Heini , sie hat die kleinen Günthers lieber als uns , sie will ihre Mama werden . “ Zum zweitenmal war er zu spät gekommen mit seinen guten Vorsätzen . Und er küßte seinen Jungen – der wenigstens blieb ihm . Die Nachtigallen sangen wieder im Park von Breitenfels ; sie waren zahlreicher gekommen als je , denn nichts störte sie mehr in diesen verlassenen Fürstengärten . Im Frühjahr haben die Herrschaften mit dem kranken Erbprinzen herkommen wollen , aber die Aerzte waren dagegen gewesen . Die Luft sei zu herb , die Lage zu hoch für seine kranken Lungen . So hatte man denn eine Villa gemietet in Badenweiler und hoffte dort auf ein Wunder . In Breitenfels blieben die Läden geschlossen und die Möbel verhängt , die Schloßwache gähnte auf ihrem Posten die paar Beamten gähnten in den Bureaus wie die wenigen Bediensteten ebenfalls , und auch die zwei Braunen im Stalle gähnten auf ihre Weise , und dabei standen sie sich die Beine steif , wie der Kutscher versicherte , denn der Herr Schloßhauptmann scheine ganz und gar vergessen zu haben , daß er über die Equipage verfügen könne . Das letzte Mal waren sie in Geschirr gegangen , als Ostern die Schwester mit dem Herrn Oberförster Hochzeit gemacht hatte . War auch eine Hochzeit gewesen ! Um zehn Uhr früh getraut in der Kirche in Gegenwart des Herrn Schloßhauptmanns und des Rentmeisters , keine Seele sonst , dann stehenden Fußes droben im Zimmer des ersteren ein Glas Champagner , ein belegtes Brötchen , und das junge Paar stieg in den Wagen um nach der neuen Heimat zu fahren . Der Oberförster war nämlich zu Neujahr plötzlich nach Wolfsrode , einem einsamen Jagdschloß inmitten ausgedehnter Waldungen , versetzt , nicht allzuweit von der Residenz , und drunten in der Oberförsterei saß ein anderer , ein neugebackener , eben verheirateter Oberförster , der sich und sein junges Eheglück förmlich vergrub in dem großen Hause , und den die Breitenfelser ebensowenig zu Gesicht bekamen wie den Schloßhauptmann droben . Im Doktorhause wohnte der neue Arzt . Er hatte wirklich nicht zu bereuen , dort eingezogen zu sein , der Herr Doktor Lehmann . Nicht nur , daß es auf der ganzen Gotteswelt keine sauberere freundlichere Wohnung gab mit so ausgezeichnetem Kaffee und stets frischer Butter mit einer so mütterlich freundlichen Wirtin , die es verstand , die alte Kundschaft ihres verstorbenen Gatten dem jungen Nachfolger zuzuführen – nein , es war da auch noch ein besonderer Anziehungspunkt , ein schönes schlankes Mädchen , dessen große braune Augen mit einem fesselnden Ausdruck von Schwermut und Sehnsucht in die Welt schauten . [ 282 ] Wenn der Herr Doktor von seiner Landpraxis heimkehrte , durch den lenzgrünen Schloßgarten fuhr und das kleine Haus vor sich sah , hinter dessen spiegelnden Scheiben der Mädchenkopf sichtbar wurde , dann ward es ihm wieder zu Mute , als sei er noch einmal siebzehn Jahre alt und laufe als schüchterner Primaner einher , und er hatte ebensolches Herzklopfen wie zur Zeit seiner ersten Liebe . Und er , der ein bißchen sehr flott gewesen war , der sich groß gethan hatte auf der Universität im Punkte der Weiberverachtung , er machte die lächerlichsten Manöver , um einen Blick Aennes zu erhaschen , und da dies immer mißlang , so klammerte er sich mit seinen Wünschen an die Mutter und huldigte ihr in einer so ehrerbietigen Weise , daß er der Frau Medizinalrat als Inbegriff aller männlichen Tugend und Vollkommenheit erscheinen mußte , und daß sie jeden Abend , so ähnlich wie Karoline während der Weihnachtspredigt , betete . „ Lieber Gott , laß es doch etwas werden ! “ Aenne war recht still geworden und recht blaß , die Unthätigkeit drückte sie zu Boden . Sie hatte in der Zeit der tiefen Trauer auch nicht singen dürfen , nur ein einziges Mal widerstand sie nicht , und da war Frau Rat so fassungslos und erschüttert gewesen von der Pietätlosigkeit der Tochter , daß Aenne den Deckel des Instruments nicht wieder geöffnet hatte . Tante Emilie litt mit ihrem Liebling , ja sie war ein paarmal auf Leben und Tod mit der kurzsichtigen Schwägerin zusammengeraten . Aber , mein Gott , wer kämpft gegen tief eingewurzelte Vorurteile ! In der Trauerzeit durfte man nicht singen , was sollten die Leute denken ! So behauptete Frau Rätin . Aenne klagte nicht , sie machte auch keinerlei Versuche mehr , die Mutter zu überreden . Sie ging im Hause umher , wie wenn sie nie fortgewesen wäre , nie da draußen in der Welt Triumphe erlebt hätte . Aber Tante Emilie sah es und fühlte , wie das Kind seelisch und körperlich litt . Und als es Frühling wurde , da verlor Aenne alle Fassung . „ Könnt ’ ich