er noch einmal . Da schmiegte sie sich an ihn , Schutz suchend . Der Zug verschwand durch die Kirchenpforte . Ihr Weg war wieder frei . Aber noch lange tönten die Totenlitaneien ihnen nach . Achtes Kapitel Wie Konrad das Glück und das Ziel zu finden glaubte und wie es entschwand Vom Domturm zu Bamberg läuteten die Glocken , - die kleinen , die eine süße , helle Stimme haben , als sängen pausbäckige Englein über dem Christuskind in der Wiege ; die große , deren dunkler , tiefer Ton , getragen von den Wellen der Luft und vom Winde , bis weit über die Stadt hinaus in Wäldern und Wiesen widerklingt wie die Posaunen der Erzengel am Tore der Ewigkeit . Aus all den vielen engen Straßen , die von der Stadt hinauf zum Domplatz führen , strömten die Kirchgänger , alte Weiblein , die die Gewohnheit eines langen Lebens führte , schon auf dem Wege den Rosenkranz gedankenlos drehend ; junge Mädchen , sich ihres weißen Kleides freuend , das für sie des Festtags frohes Zeichen und wichtigstes Ereignis war ; würdige Männer , für die diese Teilnahme an der Sonntagsmorgenandacht einen stets erneuten Beweis für ihre staatserhaltende Gesinnung bedeutete ; dazwischen Kinder und Soldaten , die dem Befehle gehorchten , während ihre Gedanken auf den Spielplätzen und in den Wirtsstuben waren . Sie gingen alle mit gesenktem Kopf ; erfüllt von ihren Werktagssorgen , die nur hier und da auf jungen Gesichtern eine kleine , dünne Sonntagshoffnung verklärte . So kamen sie über die Regnitzbrücke , die einst eine kraftvolle Bürgerschaft kühn über den Fluß gespannt hatte , in dessen Mitte , eine stolze Trutzwehr wider die befestigte Domburg droben , sie ihr Rathaus als ein uneinnehmbares Wasserschloß auf Pfahlroste setzten . Kein dankbarer , kein bewundernder Blick sah zu ihm auf , keiner verlor sich nach drüben zu den winkeligen Fischerhäusern am Fluß mit den braunen Booten davor , über denen zwischen hohen Stangen die Netze trockneten . Niemand blieb in der schmalen Gasse stehen , um sich in die Terrassengärten zu träumen , die hinter den Mauern und Balustraden am Stephansberg aufwärts steigen , oder staunend an dem alten Patrizierhaus daneben empor zu schauen , dessen Masse eines Künstlers reiche Phantasie aufgelöst hatte in ein Gewoge von Ranken und Muscheln und bewegten Gestalten . Und keiner der Kirchgänger dachte daran , angesichts seines Ziels , des hohen , viertürmigen Domes , auch nur einmal den Kopf zu wenden , um , rückwärts blickend , über die zackigen Giebel und Türme der Stadt hinweg seine Gedanken zu den waldigen Höhen drüben wandern zu lassen , die in leichter Wellenbewegung den Horizont begrenzten . Sah sich einer oder der andere um , so reichte Blick und Gedanke nicht weiter als bis zum Kleide oder bis zum Hute der Nachbarin oder zum neuen Ordensband im Knopfloch des nächsten . Nur zwei , die mitten unter ihnen desselben Weges gingen , trugen das Haupt erhoben , die Augen offen , um allen Zauber ringsum in sich aufzunehmen . » Fremde ! « meinte ein wenig geringschätzig , wer ihr Stehenbleiben , ihre Freude , ihr Staunen bemerkte . Wer müßte sich solcher Gefühlsäußerungen nicht schämen , wenn es ein Einheimischer wäre ! Sich niemals verwundern , ist das eigentliche Kennzeichen kleinbürgerlicher Bildung . Konrad Hochseß aber war kein Fremder . Er kannte hier jeden heimlichen Winkel , jede verborgene Gasse , jeden altertümlichen Hof , und er führte Norina , seine junge Frau , in alles ein , was ihm heimatlich war , daß es auch ihr eine Heimat werden möchte . Seit der stillen Trauung in Florenz waren sie langsam , überall auf dem Wege Tage , selbst Wochen weilend , nordwärts gezogen . Von Carlo Savellis lärmendem Hochzeitsfest hatten sie Nachricht erhalten , als sie angesichts der Dolomiten hoch oben auf weichem Bergmoosteppich , unter hellgrünen Lärchen den Sommer verträumten . Nur ganz flüchtig hatte sich dabei Norinas Stirn in finstere Falten geschoben . War es das Glück , in das Konrads Liebe sie hüllte wie in einen Panzer , waren es die weißleuchtenden oder rotglühenden Felsentürme , die sich zwischen sie und die Heimat geschoben hatten ? - Sie wußte nicht , was es war , sie fühlte nur , daß kein Weh sie mehr berührte . Am stillen , westlichen Ufer des Tegernsees , diesem lieblichsten unter allen Seen Bayerns , in dessen hellem , blauem Spiegel die Gebirgslandschaft zu einer Idylle wird , hatten sie zuletzt viele Wochen zugebracht , ganz glücklich , ohne jede Berührung mit der Welt nur sich selbst leben zu können . Von da aus war Konrad einmal allein nach Hochseß gefahren , um zum Empfang der Herrin alles vorzubereiten . Dabei hatte er auch durchgesetzt , daß die Tanten in den seit dem Fortzug der freiherrlichen Familie leergebliebenen Eckartshof hinunterzogen . Obwohl ihnen nunmehr ein ganzes Haus allein zur Verfügung stand , fühlten und gebärdeten sie sich doch wie gewaltsam Vertriebene : Sie , die auf Hochseß Geborenen , mußten der Fremden - wieder einer Fremden , wieder einer Katholikin ! - weichen . Es konnte nicht ausbleiben , daß hinter Konrads Rücken die ganze Nachbarschaft gegen ihn und seine Frau Partei nahm . Er empfand davon nichts , denn die kurze Zeit , die er in Hochseß blieb , war mit Überlegungen und Anordnungen für eine Norinas würdige Einrichtung des Schlosses ganz ausgefüllt gewesen , und ließ seine Tätigkeit ihm Stunden der Muße , so waren Gedanken und Gefühle so ganz bei ihr , daß er alles um sich her vergaß . Die Tage der ersten Trennung zeigten ihm , was er bis dahin nicht gewußt hatte : daß sein Glauben ein Glauben an Norina , sein Leben ein Leben in ihr geworden war ; daß seine Sehnsucht sie - nur sie - immer suchen würde . Sie war nicht wie andere Frauen , deren erste Hingabe eine Preisgabe ist , die dem Manne allzu rasch nichts