die poetischen Menschen verfallen am ersten in diese Illusion . Denn der Begabteste sucht vor allem nach vollkommeneren Zuständen . Diese Illusion völlig verwischen , hieße die platte Prosa ins Leben einführen , und die edleren Demokraten wollen wohl nicht alle Unterschiede aufheben , sondern sie mildern , sie auf richtigere Unterschiedsmerkmale gründen und die Aussicht auf eine einstige völlige Ausgleichung eröffnen . Denn sie glauben an ein zukünftiges Äußerstes der menschlichen Zivilisation . Aber all diese Dinge , welche sich Valerius auf dem Wege nach seiner Wohnung vorsprach , halfen ihm nicht von dem unbehaglichen Gefühle , das in ihm erregt war . Jenes geheime Etwas - jenes geheime Etwas , das glaubte er wie ein Wild verfolgen zu müssen , das war der unbestimmte Makel , auf den er alle seine Aufmerksamkeit richten wollte . Darüber hatte er sich in den Straßen verirrt und war in eine enge Sackgasse geraten . Das Quergebäude , das die Gasse schloß , hatte ein großes Tor , er glaubte eine Spalte davon offen und einen Menschen zwischen den Flügeln zu sehen . Der Mondschein fiel eben auf das Tor , Valerius sah , daß der Mensch eingeschlafen war , er wußte indessen keinen Ausweg aus diesem Straßengewinde und sah sich genötigt , den Schläfer zu wecken , um Bescheid zu erhalten . Als er ihn rüttelte und nach dem Wege fragte , fuhr dieser bestürzt in die Höhe » ja , ja , Herr ! « nahm Valerius bei der Hand und führte ihn durch einen schmalen , dunklen Hof , nach einem alten Stallgebäude . Dabei bat er fortwährend mit leiser Stimme , der Herr möge ihn nur nicht verraten , daß er geschlafen , er müsse den ganzen Tag Holz hauen , um sein krankes Weib und seine Kinder zu ernähren , und es sei jetzt schon die dritte Nacht , daß er am Tore stehen , und den Fremden den Weg weisen müsse , da sei es ihm wohl zu vergeben . Dies und dergleichen sprach der Mann , und ehe noch Valerius über die wunderliche Erscheinung zu sich gekommen war und ein Wort gesprochen hatte , sah er sich von dem Führer in das Stallgebäude geschoben . In dem weiten Raume brannten nur einige Handlaternen , welche durch die Hände , in denen sie schwankten , ihr flüchtiges Licht bald hier , bald dorthin verbreiteten . Bei diesen Streiflichtern erkannte Valerius , daß er unter eine Versammlung geraten sei , die sich eben aufzulösen schien . Niemand hatte sein Eintreten bemerkt , wenigstens nahm niemand Notiz davon . Er hörte noch die Worte : » Also nichts von Skrzynecki , alles für den Alten , und den Tod den Hunden « und ein beifälliges Gemurmel . Die Versammlung zerstreute sich ; und Valerius hüllte sich tief in den Mantel und ging mit von dannen , als ob er zu ihnen gehörte . Die Laternen waren verlöscht , er konnte niemand erkennen . Drinnen glaubte er einige bärtige Bauerngesichter erblickt zu haben , ein flüchtiger Mondblick zeigte ihm einige Militärmäntel , die vor ihm aus dem Tore traten , an welchem der schläfrige Pförtner mit abgezogener Mütze stand . Es war ein altes , zerhacktes Gesicht , ein roter Säbelhieb lief wie ein Blutstrich über dasselbe . Er lächelte vertraulich , als Valerius vorbeischritt , und flüsterte ihm ins Ohr : » Herr , das lohnte ja nicht der Mühe . « Ein Teil der Versammlung , die nicht eben zahlreich zu sein schien , blieb noch im Hofe zurück , wahrscheinlich , um kein Aufsehen durch ihre Menge zu erregen . Der erste Teil , mit welchem Valerius fortschritt , zerteilte sich ebenfalls am Ende der Sackgasse , und dieser schlug auf gut Glück den ersten besten Weg ein , denn er hielt es nicht für ratsam , hier zu fragen . Es ist immer gefährlicher , zuviel zu wissen , als zuwenig . Ein Bauer war ihm gefolgt , und es schien ihm , als ob er schon am Tore aufmerksam von demselben Gesellen betrachtet worden sei . Der Mond trat eben in eine Lücke der Häuser , und das Gesicht des Bauers beugte sich plötzlich vor das seine . Es war Slodczek , der ihn forschend ansah , und gleich darauf wie ein Pfeil einem Trupp der übrigen nachstürzte , deren Schritte man noch in der Ferne hörte . Valerius erkannte das Drängende der Gefahr und ging raschen Schrittes nach der entgegengesetzten Seite . Im Gehen zog er leise seinen Säbel aus der Scheide und drückte ihn unter den Arm . Schritte kamen hinter ihm drein ; sie konnten aber auch dem zweiten Trupp angehören , schnelles Laufen konnte ihn am leichtesten verdächtigen . Es bot sich eben eine Querstraße , er bog hastig hinein und rannte an eine Gestalt , der Mantel flog ihm zurück , sein nackter Säbel flimmerte in der Dunkelheit . » Pardon , « sprach eine höfliche Stimme . Die Tritte näherten sich schnell . Valerius fragte den Unbekannten , der ebenso in seinen Mantel vergraben zu sein schien , nach welcher Richtung zu der sächsische Platz läge . Die Stimme gab Bescheid , und er ging rasch die Quergasse entlang und bog in eine breitere Straße . Eine reitende Patrouille begegnete ihm , und er hatte nichts mehr von jenen Schritten zu besorgen . Jene Stimme beschäftigte ihn aber , er glaubte sie schon gehört zu haben , es schien ihm , als hätte sie die Worte : » Joachim Lelevel « gesprochen . Jetzt sah er sich auf bekanntem Wege , es war die Straße , in welcher Hedwig wohnte . Als er an dem Hause vorbeiging , welches ihrer Wohnung gegenüberlag , glaubte er eine Bewegung unter der dunklen Haustüre zu bemerken . Genauer hinsehend erkannte er eine Mannsfigur , die in den Mantel gehüllt am Boden lag - ein schwerer Seufzer drang zu ihm auf . Valerius dachte , es sei ein Verunglückter , welcher der