Rother stützte sein Haupt in beide Hände . Große Thränen quollen aus seinen Augen und jede Thräne brannte . Dann stürzte er sich auf sein Schreibzeug und entwarf in einem Zuge folgenden Brief : » Verzeihen Sie , wenn Ihr Brief mich drängt , auf einige Punkte desselben noch einmal zu antworten . Hätte ein Mann diesen Brief mit seiner ruhigen Vornehmheit der Gesinnung , in ehrlichem Eingestehen eigener Verschuldung und doch Bewahrung der eigenen Würde , geschrieben , so würde ich nicht anstehen zu urtheilen : Diesen Brief hat ein Gentleman geschrieben . « Sie täuschen sich aber in zweierlei Dingen . Sie meinen , ich müsse auf Sie » böse sein « , wenn ich Charakter hätte . » Charakter « zeigt sich aber nicht in kleinlichem Nachtragen , sondern in großmüthigem Verzeihen und vor allem in Beherzigung des französischen Sprüchworts : » Alles verstehen heißt alles verzeihen . « - Ich bin eigentlich nie » böse « gegen Sie gestimmt gewesen , sondern habe nur Mitleid und Bedauern empfunden . Daß ich wie gewöhnlich auf den ersten Blick den Charakter jenes K. durchschaute , ist ja natürlich ; daß Sie meine Warnung so sehr berechtigt finden mußten , freut mich wahrlich nicht , sondern betrübt mich tief . Es ist aber ein altes Porrecht der Frauen , oft den erbärmlichsten Wicht dem Besten vorzuziehen . » Schwachheit , dein Name ist Weib . « Wenn Sie aber wähnen , daß ich jedes Interesse für Sie verloren hätte , so irren Sie sich leider sehr über die Tiefe der Empfindung , welche Sie mir eingeflößt haben . Stolze Naturen wie die meine , welche innerlich stets einsam sind , pflegen Liebe und Haß nicht täglich wie ein Hemd zu wechseln . Die landläufige Verliebtheit ist , bei Männern wenigstens , eine Sache , die mit Essen und Trinken auf einer Stufe steht . Solche » Liebe « ist Eitelkeit und Sinnlichkeit , wenn sie nicht Wahnsinn ist . Bei meiner großen Geringschätzung der weiblichen Natur habe ich das stets nur als Spiel und Sport betrachtet und behandelt . Bei Ihnen aber liegt die Sache anders . Ich glaube kaum , daß ich je wieder fähig bin , ähnlich selbstlose Gefühle für irgend ein weibliches Wesen zu hegen . Die Liebe hat ein sehr sicheres Warum , sie ist ein Naturtrieb . Ich zweifle daher nicht , daß Sie eine naturnothwendige Ergänzung meiner Natur geworden wären . Doch das Leben ist rauh und erbarmungslos , und die Verhältnisse meist unüberwindlich , - wenn sie es auch im äußersten Nothfall für Menschen von meiner Energie niemals sind . Doch - geschehn ist geschehn und vorüber ist vorüber . Doch werden Sie begreifen , daß nach solchen Erlebnissen ein völliges Vergessen unmöglich ist und daß ich , wann und wo ich Sie auch je im späteren Leben wiedersehen mag , Sie niemals ganz gleichgültig für mich sein werden , ebenso wie Sie nie meinen Namen lesen werden , ohne daß ein seltsames Erinnerungsgefühl Sie beschleicht . Jedenfalls aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Brief , und danke Ihnen , daß Sie mir » größte Achtung im Herzen « bewahrt haben . Ich erwiedere diese Achtung und bleibe Ihr schweigender Freund , der Ihnen für alle Zukunft aufrichtige Theilnahme ohne alles Nebeninteresse heimlich bewahrt und Ihnen mehr Glück und Seelenfrieden wünscht , als Ihr Schicksal es bisher Ihnen bescheert hat . Schon wollte Rother diesen Brief absenden - natürlich an die alte Adresse in der Gerichtsstraße - , als sein Blick zufällig auf das Couvert fiel , das er natürlich nach Erkennung der Handschrift sofort erbrochen hatte , ohne den Poststempel zu beachten . Jetzt fiel ihm dieser ins Auge : - Hamburg ! Was bedeutete das ? Sie hatte sich dieses Kohlrauschs entledigt und ging nun dennoch nach Hamburg zurück ? ! Ohne zu zögern , eilte er sofort zu Frau Lämmers . Diese empfing ihn mit größter Verlegenheit . Sie habe Herrn Rother aufgesucht , um ihm Mittheilung zu machen - obschon sie ihn ja kaum kenne , sei dies doch ihre Pflicht gewesen . Und nun grade mußte sie erfahren , daß er verreist sei ! Worum es sich handele ? O ganz einfach . Erstlich wollte Kathi durchaus nicht dulden , daß Rother in Ungelegenheiten gebracht werde , und erklärte , dabei werde sie nie gegen ihn zeugen . Und dann , sobald sie unter den dringenden Umständen mit Kohlrausch wirklich Ernst machen wollte , habe sich dieser unter allerlei Vorwänden » glatt wie ' n Aal « zurückgezogen . Endlich sei es klar geworden , daß er im Grunde auch nur darauf spekulirt hatte , das schöne Mädchen herumzukriegen . Endlich in einer heftigen Scene , als sie ihm Vorwürfe machte , erklärte er brutal gradheraus , daß es ihm nicht einfallen werde , ein Mädel ohne einen Pfennig in der Tasche zu heirathen . In einer Aufwallung wahnsinniger Wuth hatte sie ihn darauf geohrfeigt , ihm die Thür gewiesen und einen heiligen Eid geschworen , sie wolle ihn niemals wiedersehn . - Stundenlang , erzählte Frau Lämmers , habe sie sich auf dem Sopha in Weinkrämpfen gewälzt und immer wieder gerufen : » Das ist die Strafe ! O Rother , Rother ! « Daraufhin sei sie , die Wirthin , heimlich zu Rother gegangen . Als sie dann Kathi mittheilte , was sie gethan - worüber diese aufgefahren sei : » Ich sterbe vor Scham ! « - habe diese , sobald sie erfuhr , Rother sei nach England gereist ( also jedenfalls für lange ) , sich würdig gefaßt . Das freue sie . Er sei nun wenigstens erlöst und gerettet . Nie werde sie ihm mehr unter die Augen treten können . Was aber nun ! Wovon leben ! Wieder die alte Geschichte , wie im vorigen Sommer ! Einen ihrer alten Verehrer beglücken - ja , dazu war noch immer Zeit . Aber ehe sie das that , eher sterben !