« murmelte er , » aber der Teufel soll mich holen , wenn ich sie nicht dennoch auf meine Platte zwinge . « Der Höllenzwang versagte seine Wirkung . Auch den Onkel bekam er nicht vor sein Objektiv , so sehr er ihn umschmeichelte . » Aber bester Onkel , bei Albrecht hast Du Dich neunundneunzigmal in allen erdenklichen Posen abkonterfeien lassen und Du bist inzwischen wirklich nicht häßlicher geworden ... « » Ja damals ! « grunzte der Kommerzienrat und rieb sich die Glatze . » Bockbeinige Bande ! Der Teufel soll ... « Vorläufig begnügte sich der durchlauchtigste Höllenfürst , seinen Schwanz in die Raßlerschen Mittwochsabende zu stecken und die schöne Gesellschaft zu sprengen . Ton und Formen des Umgangs waren nach und nach bedenklich ungezwungen geworden . Es riß eine Gemütlichkeit ein , die nichts Arges darin finden wollte , wenn ein Herr Künstler hinter dem Fenstervorhang sich handgreiflich von der Modellfähigkeit einer Dame für sein neuestes Venusbild überzeugen wollte , oder wenn sich eine üppige » höhere Tochter « in höheren Semestern in den kleineren Salon zurückzog und sich auf das Ruhebett warf , während ein Herr Piano- oder Geigen-Zauberer vor ihr auf dem Teppich kauerte und geeignete Teile ihres flott hingegossenen Leibes als Tastbrett für virtuose Fingerübungen benützte . Frau Raßler erlaubte sich zwar , ihren Gatten mit unmutsvollen Bemerkungen auf diese Exzesse künstlerischer Phantasie aufmerksam zu machen , fand aber wenig geneigtes Gehör . Das mache der Liebe kein Kind , meinte er lachend , und ein vornehmes Haus in der Kunststadt München sei kein Kloster ; es sei ihm erzählt worden , daß es in den berühmten Soireen der Baronin Paurexins , wo auch hauptsächlich Künstler verkehren , und an den Donnerstag-Abenden des Akademieprofessors Franz v. Kraxelheim noch viel bunter zugehe . Das sei nun einmal der herrschende Ton . Es wäre doch lächerlich , sich über Scherze zu skandalisieren , welche bei den feinsten und gebildetsten Herrschaften ganz anstandslos passieren . Gegen ernste Unzukömmlichkeiten würde er der Erste sein sich aufzulehnen . Man dürfe sich nicht in den Ruf der Spießbürgerlichkeit bringen , zumal bei den Gelehrten und Künstlern immer noch die Neigung bestehe , die kaufmännischen und industriellen Inhaber der modernen Million unrühmlich zu behandeln , fast wie Menschen zweiter Klasse ... » Sei unbesorgt , mein Leo , auch ein Geldmann wie ich versteht sich so gut aus aristokratischen Schliff und Schick wie die Herren Barone und Grafen von Habenichts und wie die großthuerischen Künstler , die ihren Bettelsack erst an unserer Kasse füllen und uns dafür ihre Ölschwarten aufhängen . Also mach ' s wie ich und drücke anderthalb Augen zu . Ich weiß , Du amüsierst Dich doch , verstell ' Dich nicht , mein Leo ! Wie gesagt , so lange keine Unzukömmlichkeiten ... « Der Herr Kommerzienrat wurde erst stutzig , als in der nächsten Woche , am Gedächtnistage seiner Hochzeitsfeier , wo ein Souper und ein Tänzchen die Lustbarkeit des Abends erhöhen sollte und der Kreis der Geladenen erweitert wurde , zahlreiche Absagen einliefen . Der freundnachbarliche Konsul Schmerold schrieb , daß er bedauere ablehnen zu müssen , geschäftliche Verpflichtungen u.s.w. ließen ihn nicht frei über seine Abende verfügen . Das war glaubwürdig . Ebenso , daß sich der Fabrikbesitzer und Handelsrichter Hans Deixlhofer damit entschuldigte , daß er der Entbindung seiner Frau entgegensehe . Die blonde Frau Deixlhofer kam ja überhaupt nicht mehr aus den interessanten Umständen heraus . Kaum eins angekommen , war schon ein anderes unterwegs . Wie die Orgelpfeifen . Und alles frisch und gesund ... Hauptsache ... Der Professor Hirneis und die Dichterin Thusnelda Wechsler dankten , weil sie zur Zeit die Zahl ihrer geselligen Verpflichtungen nicht vermehren dürften . Das waren faule Ausflüchte , offenbar . Der Bankier Guggemoos , den die jüngste Gemeindewahl zur Würde eines Stadtvaters erhoben hatte , dankte , auch im Namen seiner Frau und Schwägerin , ohne sich die Mühe zu geben , seine Ablehnung zu begründen . Das war unhöflich . Der Kunsthändler Feldmann , der Goldwarenfabrikant Zwicker , der Magistratsrat Rohleder , der Oberst a.D. Gotteswinter und die Baronin Kleebach-Kilpo schickten einfach ihre Karten mit dem Ausdrucke des Bedauerns . Das war beleidigend . Was sollte das alles bedeuten ? Rasch wurden die Vorbereitungen eingeschränkt und der Tanz vom Programm gestrichen . Man wollte Unwohlsein eines Kindes vorschützen . Außer dem leichten Volk der gewöhnlichen Jourfix-Gäste waren nur fünfzehn besonders geladene Personen erschienen . Einer der Getreuen des Hauses hatte einen ungeladenen Gast angemeldet und mitgebracht : den Hauptmann a.D. Baron Max v. Drillinger . » Die ungeladenen Gäste sind die willkommensten , « sagte der Kommerzienrat geschäftsmäßig begrüßend und führte den Baron seiner Frau zu . » Sie sind uns kein Fremder , wir haben schon von Ihnen gehört ... Hier meine liebe Gattin Frau Leopoldine . « Sie verneigte sich kühl und düster . Vierzig Personen saßen zu Tische . Den Hauptgenuß des Abends bot der Mehrzahl der Gäste das Essen und Trinken . Alles war in Hülle und Fülle vorhanden . Der Hausherr , um sich aus einer gewissen Befangenheit zu befreien , sprach selbst den sorgfältig ausgewählten und zubereiteten Speisen und Weinen tüchtig zu und versäumte nicht , auf die Güte des Gebotenen mit Eifer aufmerksam zu machen . Auch der Kunstwert der Aufsätze und Gefäße wurde von ihm mit Nachdruck hervorgehoben . Niemand ließ sich durch diese ästhetische Beflissenheit des Kunstmäzens den Appetit verderben . Baron Drillinger kam der auffallend stillen und nach Innen gekehrten Hausfrau gegenüber zu sitzen ; an seiner Seite saß der Schauspieler Geiling und die pikante Forstmeisterswittwe Bertha Hohenauer , geborne v. Starkloff ( sie versäumte nie , bei Vorstellungen diesen genealogischen Vermerk passend anzubringen ) . Drillinger sah an diesem Abend sehr interessant aus ; seine dunklen Augen leuchteten in schwärmerischem Glanz aus dem auffallend blassen Gesicht . Es war etwas Weiches , Elegisches in seinen Zügen , etwas Wälsches fast , mit der fröhlichen Derbheit der urbajuwarischen Bierköpfe verglichen , deren