Bis dahin kann ich Dir auch keine Adresse angeben . Grüße Deine verehrten Herren Eltern recht herzlichst von mir und sei so gut , es auch bei den meinigen zu tun und sie um Verzeihung für mich zu bitten ! Es ist mir jetzt unmöglich , ihnen zu schreiben . Auch meine teure Schwägerin Setti grüße ich tausendmal ! Ich bedaure nur meinen armen Bruder , den sie erwischt haben ! Ich glaube , ich habe das schlimme Beispiel geahnt , das er mir unbewußt gegeben hat . Item , die Sonne wird auch für uns wieder aufgehen ! Und nun lebe wohl , Geliebte ! Und auf ein glückliches Wiedersehen , wenn ich Dir eine Stätte bereitet habe ! Dein getreuer Gatte J. W. « Netti gab beim Abendtee , als alle beisammen waren , den Ihrigen den Brief zu lesen . Er wirkte fast erheiternd , besonders da sie die verlassene Frau so ruhig sahen . Dies war sie , weil sie jetzt die Rechnung endgültig abgeschlossen hatte , ohne Hoffnung auf eine mögliche Änderung des Mannes . Frau Marie fühlte sich fast zufrieden , Setti hingegen war immer niedergedrückt , weil ihr Umstand in nächster Nähe geborgen saß , wenn auch unfreiwillig . Da kam spät noch Herr Möni Wighart auf eine Tasse Tee mit dem guten Rum , welchen Salander zu beziehen wußte . Dieser ging in letzter Zeit nicht unter die Leute und sah es gern , daß der teilnehmende und doch stets anspruchslose Kumpan zuweilen ein Stündchen vorsprach . Frau Marie hatte ihm die Untat längst verziehen , die er einst an ihr begangen , als er bei der ersten Rückkehr aus Brasilien ihren sehnlich erwarteten Martin sozusagen vor der Haustür in ein Wirtshaus verlockte . Sie holte ihm sogleich einen Aschenbecher herbei . Herr Wighart rief heuchlerisch : » Hoho ! Man sollte mich für einen Schnapsbruder halten ; nun , ' s mag für einmal hingehen ! « als ihm Martin Salander ans dem Rumfläschchen die Tasse bis zum Rande vollgoß . » Warum ich so spät noch komme , ist etwas Lustiges , das ich erzählen muß ! Es wird Euch ein klein wenig Spaß machen ! Der verflossene Meister Notar Julian ( Verzeihung , Frau Netti ! ) kommt noch täglich als ein trefflicher Humorist zum Vorschein ! « » Ein Humorist ? « seufzte Netti . » Ach , du lieber Gott ! « » Hört nur ! Ich komme aus den Vier Winden , wo einige Herren sitzen , die den ganzen Tag mit den Angelegenheiten des Bewußten zu tun hatten . Noch kurz vor der Abreise hinterlegte er bei der allgemeinen Not- und Hilfsbank einen schönen , neuen , vorstandsfreien Pfandbrief von zehntausend Franken und erhielt darauf sechstausend . Als Schuldner erscheint in dem Instrument ein reicher , filziger alter Bauer hinter Lindenberg , genannt Ägidi , als Pfand dessen Hof und Land , und als Gläubiger der Bruder des Schuldners , ein anderer alter Filz , der sogenannte Schleifer in Nasenbach und bekannter Wucherer . Diese beiden Brüder führen seit Jahrzehnten eine Erbstreitigkeit um die andere , und wenn sie fertig sind , fangen sie von vorn an . Sie leben wie Hund und Katz gegeneinander und betrachten sich gegenseitig als den Fluch ihres Daseins , ohne alle Not , da jeder für sich genug hätte . Gut , die alten Männer waren heute nebst manchen anderen einberufen . Man zeigte ihnen , als die Reihe an sie kam , die schöne Hypothek und fragte , ob sie in Ordnung sei ? Zuerst nahm sie der angebliche Schuldner in die Hand , weil er eher mit dem Aufsetzen der Brille fertig war ; im übrigen sind beide übelhörig und verstanden zunächst kein gesprochenes Wort . Kaum hatte der Hofbesitzer herausstudiert , daß er dem feindlichen Bruder zehntausend Franken schuldig sein sollte , geriet er in eine fürchterliche Aufregung und zerriß den Brief von oben bis unten so von Zorn zitternd , daß die zwei Stücke zwei Sägen ähnlich wurden . Der Schleifer aber , der nichts anders glaubte , als daß der Bruder eine ihm nützliche und zustehende Urkunde vernichte , fiel über ihn her , und augenblicklich verkrallten sich ihre Hände in den beidseitigen Halsbinden , und die Greise hämmerten sich mit den kurzen , kraftlosen Faustschlägen auf die Köpfe . Mit Mühe brachte man sie auseinander und schrie ihnen , als sie atemlos dastanden , den Sachverhalt in die Ohren . Allein , sobald sie vernahmen , daß irgend jemand auf das Schriftstück , das notdürftig zusammengefügt auf dem Tische lag , sechstausend Franken ausbezahlt erhalten habe , gerieten sie , ohne sich um etwas anderes zu kümmern , wieder aneinander , zerklaubten sich aber diesmal in kürzester Frist Kinn und Backen und zerrissen sich die Naslöcher . Abermals wurden sie unter großem Gelächter , das endlich den amtlichen Ernst überwand , gebändigt . Den eingebildeten Gläubiger packten zwei Männer an den Schultern , drückten ihm das Gesicht gegen den Brief und fragten ihn bei Ja und Nein , ob er diese zehntausend Franken dem Notar von Lindenberg für den Ägidibauer , der hier neben ihm stehe , selbst oder durch einen anderen übergeben und diesen nämlichen Brief dagegen empfangen und jemals besessen habe ? Nach ängstlichem Besinnen , währenddessen ihm das Blut auf die unglückliche Hypothek tropfte , krächzte er schließlich : Nein , davon weiß ich nichts ! Man soll mich gehen lassen ! Aber ich will wissen , wer die Sechstausend auf meinem Hof gekriegt hat ! schrie der andere , dem der Zusammenhang noch immer nicht klar schien . Sie wurden jedoch ohne weiteren Bescheid vor die Tür geführt , wo die übrigen Zeugen harrten . Man gab ihnen ihre Hüte und Stecken und schickte sie fort . Kaum auf die Gasse gelangt , benutzte ihre verfluchte Leidenschaft die langentbehrte Gelegenheit und hetzte die betörten Filze aufs neue aneinander . Ohne zu wissen wohin , und ohne sich lassen zu