und sprach : » Handelte es sich um mich allein , würde ich Ihrem Rate vielleicht folgen und Lydia eine Genugtuung gönnen , wie ich an ihrer Statt sie mir selbst gegönnt haben würde . Mir gegenüber ist sie ja faktisch auch durchaus in ihrem Recht . Aber auch ich habe ein Grundgesetz , Freunde , und das heißt Treue gegen meinen Bruder . Ich darf nicht durch die Hand eines Mädchens , das seine Liebe so gering achtete , um sie einem nüchternen Pflichtgebot unterzuordnen , mir meinen Lebensweg - und das hieße indirekt den seinen - bequem machen lassen . Ich muß sein Schicksal teilen . « » Und was denken Sie zu tun ? Wohin wollen Sie sich wenden ? « » Zunächst gehe ich zu meiner Mutter . Ich habe aus der römischen Fülle eine hübsche Sparsumme gerettet , die für den Anfang genügt . Das Weitere wird sich finden . Tor , der man ist , Programme zu entwerfen , die der leiseste Atemhauch des Schicksals oder der Leidenschaft wie Kartenhäuser umbläst . Ich sage wie mein Max : nur auf die Gunst des Augenblicks ist Verlaß . « Der Wagen fuhr bei diesen Worten vor . Ihrem Bruder den peinlichen Eintritt zu ersparen , eilte Sidonie ihm entgegen . Die Familie folgte ihr herzlich bewegt . Max sah bleich aus und sprach kein Wort . » Ich schreibe bald ! « rief Sidonie vom Wagen herab . Die Freunde lauschten unter der Tür bis zum verhallenden Räderrollen . Dann sagte Röschen , halb betrübt und halb ärgerlich : » Euch alle dauert Lydia , und ihr bewundert sie . Mich dauert Max , und ich bewundere seine Schwester . Ach , und wie einödig wird es nun in Werben werden ! Wenn du auch noch fort bist , alter Dezem , halte ich es nicht mehr aus . « Der gemütliche und tätige Anteil an dem Schicksalswechsel der Menschen , zu welchen er hoch emporgeblickt , hatte Dezimus völlig in Anspruch genommen . Es heißt etwas für einen Jüngling , zum ersten Male einen idealen Stern sich verdunkeln , ein Idol verkümmern sehen . Nun jedoch , da der Tageslauf wieder in sein Gleichmaß trat , fiel ihm ein , daß die Freiheitspforte , die sich seinem stolzen , gestürzten Helden geschlossen , für ihn , den bescheidenen , aufgetan hatte . Es war ihm bis heute nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen , daß sein Leben sich in einem anderen als dem von seinen Wohltätern gezogenen Gleise abspinnen könne . Als Stipendiat von Werben seiner Heimat durch treuen Fleiß Ehre zu machen , dereinst seines Vaters Gehülfe und in ferner , Gott wolle , allerfernster Zeit sein Nachfolger zu werden , das war sein Ziel , und er blickte auf dasselbe mit dankbarem Stolze . Völlig unerwartet war nun auf ein diesem Ziele schnurstracks entgegengesetztes als das seiner Natur gemäßere nicht bloß gedeutet worden , sondern auch mit großmütiger Hand die Bahn zu demselben geebnet , und er spürte ein heißes Verlangen , diese Bahn zu betreten . Die Analyse des sichtbar Unendlichen dünkte ihm auf einmal weit interessanter als die Auslegung der Apokalypse ; Sternenbahnen erforschen auf stiller Warte weit zusagender als Predigten halten auf der Kanzel von Werben . Hieß denn nun aber seinem Gelüste folgen , nicht alle Erwartungen seiner Wohltäter vereiteln ? Hieß es nicht schnöder Undank , abzuweichen auf einen Pfad , auf welchen sein Vater und Bildner ihm nicht zu folgen vermochte ? Und zumal auf einen , der selbst in weiter Ferne und Fremde ein gedeihliches Ziel noch zweifelhaft ließ , während das gedeihlichste in nächster Nähe gesichert war ? Mochte ein leibliches Kind solches Opfer von seinen Eltern zu fordern berechtigt sein , aber auch das Kind der Barmherzigkeit , die hülflose Waise vom ersten Lebenshauche an ? Und sein Röschen ! Dezimus stand erst im Aufschritt zu der Jünglingsstufe ; sein Puls schlug ruhig , und seine Phantasie schweifte mehr zwischen Sternen- als Menschenbildern ; sein Verhältnis zu dem schönen Mädchen hatte im Grunde daher noch nicht Hand und Fuß . Wenn Röschen ein Knabe gewesen wäre , würde es sich kaum anders gestaltet haben . Daß er aber dem Kinde , neben dem er in der Wiege gelegen hatte , angehören müsse bis in das Grab , daß eine Liebe , für die er keinen Anfang wußte , auch kein Ende haben könne ; daß , unter welchem Namen auch immer , er zu dieses Kindes Schirmer berufen sei , zu seinem Versorger , seinem nächsten , ewigen Freund , das stand für ihn fest wie ein Naturgesetz , nicht erst seit heute oder gestern , sondern seitdem er sich seines Daseins bewußt geworden . Die kleine Rose war ein Teil von ihm , sein bestes Teil . Und was konnte er auf dem neuen Lebenswege für sie werden ? Noch ein drittes kam dazu . Von dem Augenblicke an , wo sein stolzester Knabentag damit abschloß , daß er das weiße Fräulein aus dem Hutmannshause treten sah und er sich zum ersten Male deutlich als das Kind dieser armen Hütte gefühlt hatte , von dem Augenblicke an waren seine Gedanken häufig zu den unbekannten Brüdern in die Ferne geschweift . Nicht aus Blutszwang , wie Max von Hartenstein geringschätzig solchen Trieb genannt , nicht einmal aus neugierigem Verlangen ; einfach aus einem Gefühl der Beschämung , wie es jeden gutgearteten Menschen überkommt , wenn er sich selbst in unverdienter Fülle und Gleichberechtigte in ebenso unverdienter Entbehrung sieht . Er hatte damals auch alsobald den Vater nach dem Schicksale seiner Geschwister befragt und erfahren , daß der treue Gemeindepfleger sie nicht aus den Augen verloren hatte . Je mehr sie freilich selbständig im Leben Fuß fassen lernten , um so seltener war eine Auskunft über sie zu ermitteln gewesen . Die Dezimus im Alter zunächst Stehenden waren früh gestorben ; die Erwachsenen wie Heimatslose in der Welt verstreut . Ob ,