. » Ich will auf den hohen Berg steigen , den sie den grauen Zahn heißen , « sagt er , » ich will diese Welt einmal von oben ansehen . Begleiten Sie mich und machen Sie , daß wir noch einen oder zwei Männer mitbekommen . Haben Sie keine Sorge meinetwegen . Gestern ist ein böser Tag gewesen . Wie gehetzt bin ich durch die wüsten Gegenden gezogen , ohne Ziel . Mir selber hätte ich entrinnen mögen , wie ich denen da draußen entronnen bin . Der ganze Jammer meines Elends war über mich gekommen . Aber diese Luft heilt mich - oh , diese reine heilige Luft ! « Als wir aus der Klause treten , müssen wir die flachen Hände über die Augen halten . Es ist ein mächtiges Leuchten . Die Äste des Tanns allein verschleiern noch das Licht , in den Schatten des Geflechtbodens zittern Tautropfen . Viele davon trinken schon von den glühenden Quellen der durch das Geäste rieselnden Sonne . Auf den Wipfeln jauchzen die Vogelscharen . Eichhörnchen hüpfen herum und lugen nach Morgenbrot und Gespielen . Da lächelt Hermann . Wir schreiten weiter . Wie lichtes Nebelgrau schimmert es uns zwischen den Stämmen entgegen . Ein fast lauer Lufthauch zieht . Da lichtet sich jählings der Wald und jeder Baum am Rande streckt seine Arme aus - weist lautlos vor Ehrfurcht , ein wunderbares Bild . Ein stiller See liegt da , weit hingedehnt , blau , grün , schwarz - wer kennt die Farbe ? An den Ufern der Morgenseite erhebt sich über graues Gestein der dunkle Bergwald , mild umschleiert von den Lichtfäden der Sonne . An dem gegenüberliegenden Strande baut sich eine ungeheuere Felswand , hinter der sich Höhen und Höhen , Hänge und Hänge schichten , bis hinan zu den höchsten Riffen und Zinnen und Zacken am Saume des blauen Himmels . Mannigfaltig und herrlich über alle Beschreibung zieht sich das Hochgebirge hin in einem Halbrund . Hier unten noch Lehnen , Rasen und samtgrüne Filze der Wacholdersträucher . Dann die milchweißen Fäden der niederstürzenden Wasserfälle , deren Tosen von keinem Ohr vernommen in den Räumen der Lüfte verhallt . Dann die Geröllfelder , die Schuttrisen , jedes Steinchen klar gezeichnet in der reinen Luft ; dann Klüfte mit Schatten , mit Schründen , mit Schnee ; dann verwitterte Felsgestalten , wild und hochragend , dämonenhaft in ihrer Ungeheuerlichkeit und ewigen Ruhe . Ein Steinadler schwingt sich im Blau , jetzt wie ein schwarzer Punkt , jetzt wie ein silbernes Blättchen umkreist er eine Felsenspitze . Und in den hintersten Höhen aufgerichtet , sanft lehnend , lichte Gletscher und rötlich leuchtende Tafeln der Wände , in welchen der Griffel der Zeit stetig meißelt , um einzugraben in den Bau der Alpen die ewige Geschichte und die ehernen Gesetze der Natur ... Ich sehe es noch , sehe alles noch vor meinen Augen - es ist der See im Gesenke mit dem Bergstocke des grauen Zahn . Ich habe Ähnliches schon geschaut , und dennoch hat mich die Herrlichkeit fast erschreckt . Der Freiherr aber steht da wie ein Stein . Seine Augen haben sich verloren in dem unendlichen Bilde ; seine Lippen saugen bebend die Seeluft ein . Danach sind wir hinabgestiegen zu den Ufern des Sees . Hier plätschert das Wasser an den stumpfkantigen Steinen . » Der See kann auch wild sein , « hat hier der Herr bemerkt , » sehen Sie , wie weit den Hang hinan die Steine glatt geschwemmt sind ? « Aus diesen Worten habe ich ersehen , daß Hermann ein verständiges Auge für die Natur besitzt . - Freilich , freilich kann dieser See ein wüster Geselle werden , so mild und lieblich er heute ruht . - - - Und jetzt kommt jählings das Wundersame . Dort unten , wo das Gebüsche der Wilderlen in den See taucht - dort guckt ein Menschenhaupt aus dem Wasser hervor ! Es hebt sich das Haupt und von den braunen , langen Locken und von dem blühenden Antlitz rieseln die Tropfen der Flut . Hals und Nacken sind ein wenig sonnengebräunt , aber die sanftgebauten , wiegenden Achseln schimmern durch das Wasser wie schneeweißer Marmor . Ein junges , schönes Weib , eine Wasserjungfrau ! Weiß Gott , ein Dichter könnt ' einer werden ! So was Schönes ! - Und es hat sich noch mehr zugetragen . Der Waldherr ist kurzsichtiger als ich und hat sich dem Bilde genähert ; in demselben Augenblick ist die Gestalt untergesunken und nur die Erlen haben gefächelt über dem Wasser und sonst haben wir nichts mehr gesehen . Hermann starrt mich an . Ich starre in den See . Der wirft im Lufthauche leicht wuppende Reifen , ist hier spiegelglatt , dort zitternd . Und das Haupt taucht nicht mehr hervor . Minuten vergehen . Ich spähe mit Herzklopfen nach dem badenden Wesen , wer weiß , ob es schwimmen kann ? Mir fährt es durch den Kopf : Wie , wenn sich das Mädchen aus Schamgefühl im Wasser vergräbt ? Nach einer Weile der Angst und Not habe ich das atemlose Kind aus den Wellen hervorgezogen . - Mit der wenigen Erfahrung , die uns zu Gebote steht , haben wir sein Leben wieder erweckt , sein siebzehnjähriges Leben . Und siehe das wildscheue Wesen ! Kaum erwacht und von unseren Händen bekleidet , hat ihm die Angst Kraft geliehen , ist es aufgesprungen und hingeflohen am Waldhange . Der Herr hält sich den Kopf mit beiden Händen . » Andreas ! « ruft er , » mein Übel kehrt wieder ; ich habe Erscheinungen , eine Fee habe ich gesehen ! « » Das ist keine Fee , « gebe ich ihm zur Antwort , » das ist die Tochter jenes Holzers , der dem gnädigen Herrn die Kräuter geschickt hat . « Die Waldlilie ist es gewesen . Einige Tage später . Heute ist der Herr mit dem Schimmel des Grassteiger