, war noch immer schön ; ja mich dünkte , ich hätte es niemals schöner gesehen als in diesem Aufruhr der heimlichsten Natur . Ich bedeutete die Wärterinnen , ihr fruchtloses Bemühen aufzugeben ; sie zogen sich zurück und ich setzte mich auf einen Stuhl am Bette . Der Mann lauschte verborgen im Hintergrunde , kein Atemzug ging durch den Raum . Eine lange Weile bemerkte sie mich nicht ; sie hatte eine ihrer ruhigen Minuten ; geschäftig bündelte sie die Eisblase , die sie sich vom Kopf gerissen , in ein Tuch und preßte sie an ihr Herz . » Hu , hu , wie kalt ! « murmelte sie schaudernd , » wie kalt ! « Ich trat dicht an sie heran , ergriff ihre beiden Hände und senkte meine Augen fest in die ihren . » Kennst du mich noch , Dorothee ? « fragte ich . Und wunderbar ! Kaum daß sie meine Stimme vernommen und nur einen Moment forschend zu mir aufgeblickt hatte , rief sie : » Hardine , Fräulein Hardine ! « Der lauschende Mann konnte einen Laut der Überraschung nicht zurückhalten . Dorothee horchte gespannt . » Still , still ! « flüsterte sie , indem sie das Bündel unter ihrer Decke verbarg . Als aber alles wieder ruhig geworden war , zog sie es von neuem hervor , drückte meine Hand darauf und sagte : » Fühlen Sie , Fräulein Hardine , wie kalt ! Es ist tot , hu , so kalt , so kalt , das arme Kind , tot ! « » Es ist kein Kind , Dorothee , « sagte ich , » es ist ein kalter Stein , der lange auf deinem Herzen gelegen hat . Ich will ihn von dir nehmen . Siehst du , nun ist er fort , nun wird dir leichter werden , Dorothee . « Sie ließ es willig geschehen , daß ich das Bündel von ihr nahm ; aber sie wimmerte immerzu : » Tot , tot , das arme Kind tot ! « Einen Augenblick schwankte ich noch ; dann wagte ich es , dem Lauscher zum Trotz , auf alle Gefahr . Ich drückte die Hand der jammernden Mutter an mein Herz und sprach mit erhobener Stimme : » Das Kind ist nicht tot , Dorothee . Gott ist ein Vater der Waisen , der Knabe lebt ! « » Er lebt , er lebt ! « schrie sie auf . » Wer sagt , daß er lebt ? Wer hat es gesehen , daß er lebt ? « » Hardine sagt es , « versetzte ich , » Hardine hat ihn gesehen . Der Knabe lebt ! « » Er lebt , er lebt ! « rief sie . » Hardine sagt es , Hardine lügt nicht , niemals ! Hardine hat ihn gesehen . Er lebt ! Wo , wo ? Führe mich zu ihm , Hardine ! « » Ja , ich will dich zu ihm führen , Dorothee . Ich will dich mit mir nehmen nach Reckenburg . Weißt du noch ? nach Reckenburg , Dorothee . « - Eine Minute lang saß sie sinnend , rieb sich die Stirn und murmelte : » Reckenburg ! Reckenburg ! « Endlich hatte sie es gefunden . » In Reckenburg , ja , in Reckenburg , da wars . Nicht im Waisenhause , nicht bei den Schwarzen . In Reckenburg lebte er . Fräulein Hardine hat ihn gesehen . Fräulein Hardine nimmt mich mit nach Reckenburg ; Fräulein Hardine hält Wort ! « Sie klatschte in die Hände wie ein Kind . » Nach Reckenburg ! « jubelte sie , » kommen Sie , Fräulein Hardine . « » Ich bringe dich nach Reckenburg , « sagte ich ; » aber nicht heute ; erst mußt du gesund werden , liebe Dorothee . « » Ich bin gesund , ganz gesund , « versicherte sie , indem sie Anstalt machte , das Bett zu verlassen . Ich konnte sie nur mit Mühe darin zurückhalten . » Du bist krank , Dorothee , « sagte ich bestimmt ; » du wirst aber bald gesund werden , wenn du mir folgst . Nimm diese Tropfen ; lege dich ruhig hin , drücke die Augen zu und schlafe aus . Dann gehst du mit mir nach Reckenburg . « » Ich will Ihnen folgen , Fräulein Hardine , « sagte sie und nahm ohne Sträuben den Trank , dem sie sich bisher so gewaltsam widersetzt hatte . Plötzlich wurde sie aber wieder unruhig , spähte ängstlich im Zimmer umher und flüsterte mir ins Ohr : » Er , er ! Wenn er nun kommt ? Wenn er es nun merkt ? Er läßt mich nicht fort , Fräulein Hardine . « » Sei ruhig , ich wache bei dir , « entgegnete ich laut . » Und er wird dich mit mir gehen lassen , denn er liebt dich , Dorothee . « » Fräulein Hardine wacht bei mir , « lispelte sie schon mit schläfrigen Augen , ließ sich darauf , gehorsam wie ein Kind , das durchnäßte Haar von mir abtrocknen , warm einhüllen und betten . Ihre beiden Hände ruhten in den meinen ; sie blickte noch einigemal in die Höhe , als sie mich aber ruhig auf dem Bettrande sitzen und meine Augen wachsam auf sich gerichtet sah , schlummerte sie sanft atmend ein . Nach einer Weile erhob ich mich leise und trat zu dem , welcher diesem Auftritte unbemerkt gelauscht hatte . Tränen , vielleicht die ersten des bewußten Lebens , rannen über seine Wangen . Er drückte meine beiden Hände an sein Herz . » Die Wohltat einer ersten friedlichen Stunde ! « sagte er . » Welch ein Zauber liegt doch in den frühesten Erinnerungen , in den Menschen , welchen wir am frühesten vertrauten . O des Selbstsüchtigen , Verblendeten , der nur nach dem Pendelschlag der Stunde gerechnet hat