Strickstrumpf hin , setzte die Brille auf und nahm das Buch . » Ei , das sind ja der alten Cordula ihre Kritzeleien ! « meinte sie unwirsch , aber sie fing an zu lesen . Der Professor legte die linke Hand auf den Rücken , ließ die rechte unablässig über den Bart gleiten und ging schweigend im Zimmer auf und ab . » Ich sehe nicht ein , inwiefern mich die kindische Liebesgeschichte mit dem Schusterjungen interessieren soll ! « rief die große Frau unwillig , nachdem sie zwei Seiten überlesen hatte » Wie kommst du denn auf die Idee , mir die alte Scharteke zu bringen , die mir die ganze Stube verpestet mit ihrem Modergeruch ? « » Ich bitte dich , lies weiter , Mutter ! « rief der Professor ungeduldig . » Du wirst sehr bald den Modergeruch vergessen über anderen schlimmen Seiten , die das Buch hat . « Sie nahm es mit sichtbarem Widerwillen auf und überschlug einige Blätter . Aber allmählich kam Spannung in dies Steingesicht ; die knisternden Blätter flogen immer rascher durch ihre Finger . Ein feines Rot trat in die weißen Wangen , es lief über die Stirne und wurde plötzlich zu Purpur ... Merkwürdigerweise jedoch war es weder ein eigentlicher Schrecken , noch gar Entsetzen , was die Frau erfaßte - mit einem maßlosen Erstaunen , in das sich sehr bald ein unsäglicher Hohn mischte , ließ sie das Buch in den Schoß sinken . » Das sind ja merkwürdige Dinge ! Ei sieh da , wer hätte das gedacht ! Die ehrenhafte , hochangesehene Familie Hellwig ! « rief sie , die Hände zusammenschlagend - in ihrer Stimme stritten Haß , Triumph und gesättigte Bosheit . - » Also die Geldsäcke , auf denen die stolze Frau Kommerzienrätin , meine Frau Schwiegermutter , stand , waren zum Teil gestohlen ! ... Ei , ei , da rauschte man in Samt und Seide daher - da gab man Feste , wo der Champagner in Strömen floß , und wo man sich von den Schmarotzern eine schöne und geistreiche Frau nennen ließ ! ... Und ich , ich mußte diese jubilierenden Gäste bedienen - niemand beachtete neben der leichtfertigen , üppigen Frau die arme , junge Verwandte , die in ihrer Tugend und Gottesfurcht hoch stand über den sündhaften , elenden Schwelgern ... Da hab ' ich oft die Zähne zusammengebissen und im Herzen zu meinem Gott gebetet , er möge dieses verruchte Treiben strafen nach seiner Gerechtigkeit ! ... Er hatte bereits gerichtet ... O , wie wunderbar sind seine Wege ! - Es war gestohlenes Geld , das sie verpraßten - ihre Seelen sind zwiefach verloren ! « Der Professor war regungslos mitten im Zimmer stehen geblieben . Er hatte diese Art Auffassung so wenig vorausgesehen , daß er einen Augenblick fassungslos schwieg . » Wie du die Großmutter dafür verantwortlich machen kannst , daß sie unbewußt diese veruntreuten Gelder benutzt hat , begreife ich nicht , Mutter , « sagte er nach einer kurzen Pause entrüstet . » Dann sind auch unsere Seelen verloren , denn wir sind bis auf den heutigen Tag im Genuß der Zinsen verblieben ... Uebrigens wirst du bei dieser Ansicht um so mehr mit mir einverstanden sein , daß wir uns das sündhafte , unehrliche Geld so bald wie möglich vom Halse schaffen und es bei Heller und Pfennig zurück geben . « Vorhin , bei ihrem grenzenlosen Erstaunen , war Frau Hellwig sitzen geblieben und hatte einfach ihre Hände zusammengeschlagen ; jetzt stützte sie dieselben auf die Armlehnen des Stuhles und fuhr mittels eines Ruckes empor . » Zurückgeben ? « wiederholte sie , als zweifle sie , recht gehört zu haben . » Wem denn ? « » Nun , selbstverständlich den möglicherweise existierenden Hirschsprungschen Erben . « » Wie , an die ersten besten Strolche und Tagediebe , die vielleicht daher kommen und sich melden , sollten wir eine so enorme Summe hinauszahlen ? ... Vierzigtausend Thaler blieben ja wohl der Familie Hellwig , nachdem - « » Ja , nachdem Paul Hellwig , der Ehrenmann , der echte und gerechte Streiter Gottes , der unleugbare Erbe des Himmelreiches , zwanzigtausend Thaler an sich gerissen hatte ! « unterbrach sie der Professor , bebend vor Entrüstung . » Mutter , du lässest die Seele meiner Großmutter zur Hölle fahren , weil sie unwissentlich geraubtes Geld verwendet hat - was verdient der , welcher mit teuflischer Ueberlegung und Berechnung ein Vermögen stiehlt ? « » Ja , er ist einen Moment der Versuchung erlegen , « versetzte sie , ohne auch nur im mindesten ihre Fassung zu verlieren . » Er war damals ein unbesonnener , junger Mensch , der den rechten Weg noch nicht gefunden hatte - der Teufel wählt ja gerade die besten und edelsten Seelen , um sie dem Reiche Gottes abwendig zu machen - aber er hat sich emporgerafft aus dem Pfuhle der Sünde , und es steht geschrieben : Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder , der Buße thut . Er kämpft unermüdlich für den heiligen Glauben - das Geld ist entsühnt , geheiligt in seinen Händen ; denn er benutzt es zu Gott wohlgefälligen Zwecken ! « » Wir Protestanten haben auch unseren Jesuitenorden , wie ich sehe ! « lachte der Professor in unsäglicher Bitterkeit auf . » Genau so verhält es sich mit dem , was an unser Haus gekommen ist , « fuhr die große Frau unerschütterlich fort . » Sieh dich um , ob nicht auf allem , was wir thun und wirken , Gottes Hand sichtbar ruht ! ... Klebte die Sünde noch an dem Gelde , es könnte nicht so herrliche Früchte bringen ... Wir , du , mein Sohn , und ich , haben in Segen verwandelt , was einst Verbrechen gewesen ist , durch unseren Eifer im Dienste des Herrn , durch unseren gottseligen Wandel . « » Ich bitte