Hast griff sie nach der silbernen Glocke auf dem Nachttische und berief die Kammerfrau , um sich ankleiden zu lassen . Ja , sie wollte entsagen , wollte stark sein , aber sie meinte auch , nur der ganzen , vollen Gewißheit gegenüber werde sie Mut und Stärke finden , und deshalb mußte sie vor allem den Namen derjenigen wissen , welche Hollfeld für geeignet hielt , die schwere Mission zu übernehmen . Sie hatte freilich bereits alle unverheirateten weiblichen Wesen ihrer Bekanntschaft prüfend an sich vorübergehen lassen , doch da war auch nicht eine einzige , die sie nicht sofort ungeduldig und heftig verworfen hätte . Es war zwar noch nicht die Stunde , in welcher sie jeden Morgen mit der Baronin und Hollfeld zu frühstücken pflegte - ihr Bruder blieb diesen frühen Zusammenkünften stets fern - aber sie hielt es nicht länger aus in ihrem einsamen Zimmer und ließ sich , da sie sich sehr schwach fühlte , im Rollstuhle nach dem Eßsalon fahren . Zu ihrer Verwunderung hörte sie von dem Bedienten , der alles zum Frühstücke vorbereitete , daß die Baronin schon vor einer halben Stunde spazieren gegangen sei ; das war ein seltener Fall , aber er kam der jungen Dame sehr erwünscht , denn in dem Augenblicke , als sie sich in eine der Fenstervertiefungen rollen ließ , erblickte sie Hollfeld , der draußen auf dem großen Kiesplatze vor dem Schlosse auf und ab promenierte . Er schien keine Ahnung zu haben , daß er beobachtet werde . Den breiten , schöngebauten Oberkörper elastisch auf den Hüften hin und her wiegend , schritt er rasch und leicht dahin . Dann und wann führte er mit sichtlichem Wohlbehagen die Zigarre an den Mund , deren feiner Duft durch das geöffnete Fenster bis zu Helene drang . Die junge Dame war zuerst schmerzlich betroffen und wollte es sich durchaus nicht eingestehen , daß das Aussehen des Geliebten ein auffallend frisches war und von heiterster Laune zeugte , aber es war ihr unmöglich , in seiner Haltung , in jeder Bewegung , ja selbst in dem halb unbewußten Lächeln , das seine Lippen öffnete und die wunderschönen Zähne sehen ließ , einen anderen Ausdruck zu finden , als den eines kecken , jugendlichen Uebermutes , der Lebenslust und eines unendlichen Behagens ... Da war auch nicht eine Spur jener Kämpfe zu entdecken , in denen sie die ganze Nacht verbracht hatte ; wie ein Opfer grausam gebieterischer Verhältnisse sah er ganz gewiß nicht aus ... oder wirkte hier eine große , geistige Kraft , der starke , männliche Wille ? Dann mußten beide einen Höhepunkt erreicht haben , der an das Uebermenschliche streifte . Die junge Dame zog finster die Augenbrauen zusammen . » Emil ! « rief sie heftig , mit fast rauher Stimme hinab . Hollfeld erschrak sichtlich , aber mit einem Satze stand er unter dem Fenster und schwenkte grüßend seinen Hut . » Wie ? « rief er , » du bist schon hier ? ... Darf ich hinaufkommen ? « » Ja ! « klang es in bereits milderem Tone herab . Nach wenigen Augenblicken trat er in den Salon . Helene hatte jetzt eher Grund , mit seinem Aussehen zufrieden zu sein ; denn es lag ein tiefer Ernst auf seiner Stirn . Er warf seinen Hut auf den Tisch und rückte einen Stuhl neben die junge Dame . Ihre beiden Hände zärtlich an sich ziehend , sah er ihr ins Gesicht ; er schien selbst betroffen zu sein über ihre aschbleichen Wangen und den erloschenen Blick , der dem seinigen begegnete . » Du siehst sehr übel aus , Helene , « bemerkte er teilnehmend . » Und nimmt dich das wunder ? « fragte sie , unfähig , ihre Bitterkeit zu unterdrücken . » Mir ist leider jene glückliche Gabe des Gleichmuts versagt , mittels der man schon wenige Stunden nach einer herben Prüfung wieder heiter und lebensfroh in die Welt blicken kann ... Ich beneide dich . « Ihr Auge streifte vorwurfsvoll sein blühendes Gesicht . Er verwünschte innerlich seine Morgenpromenade , oder vielmehr die Unvorsichtigkeit , mit der er seine Gedanken an Elisabeth und den Sieg , welchen er über das spröde Mädchen feiern werde , zur Schau getragen hatte . » Du bist ungerecht , Helene , « entgegnete er lebhaft , » wenn du mich nach meiner äußeren Haltung beurteilst ... Soll denn der Mann , wenn er sich in das Unvermeidliche fügen muß , weinen und wehklagen ? « » Nun , davon schienst du vorhin auch sehr weit entfernt zu sein . « Ein unaussprechlicher Aerger bemächtigte sich seiner . Das armselige Wesen da vor ihm , das bei seinem mißgestalten Körper Gott danken mußte , wenn ein Mann ihm gegenüber sich überwand , nicht gerade unfreundlich und abstoßend zu sein , und das auch wirklich früher jede kleine Aufmerksamkeit mit unsäglicher Dankbarkeit aufgenommen hatte - es wurde plötzlich so anmaßend , ihm Vorwürfe zu machen . Obgleich er alles daran gesetzt hatte , sie an seine feurige Liebe glauben zu machen , meinte er doch innerlich , es sei eine grenzenlose Eitelkeit von der kleinen Buckeligen , sich einzubilden , sie könne in der That eine solche Neigung einflößen ; auch erkannte er voll Ingrimm , daß er es hier mit dem » hartnäckigsten Eigensinn und einer widerwärtigen Sentimentalität « zu thun habe . Es kostete ihn unsägliche Mühe , sich zu beherrschen , aber er that es , und es glückte ihm sogar ein Lächeln mit einem Anstriche von Melancholie , was ihn in diesem Augenblicke sehr interessant erscheinen ließ . » Wenn du hörst , weshalb ich vorhin heiter ausgesehen habe , so wirst du deinen Vorwurf gewiß bereuen , « sagte er . » Ich vergegenwärtigte mir nämlich den Moment , wo ich vor deinen Bruder hintreten und sagen darf : Helene hat sich entschlossen , künftig in meiner Familie zu leben , und ich leugne nicht , daß