besonderer Gunst bei der Baronin zu stehen scheine - eine Nachricht , welche Primula in ein solches Erstaunen versetzte , daß , als Oswald kurz vor dem Abendessen erschien , sie seine höfliche Begrüßung nur mit einer sehr förmlichen Verbeugung zu erwiedern vermochte . Dies wunderliche Benehmen der vorher für den » Gastfreund « so begeisterten Dichterin würde wahrscheinlich nicht wenig zur Erhöhung von Oswald guter Laune beigetragen haben , wenn er es überhaupt bemerkt hätte . Aber er befand sich heute Abend in einer Stimmung , in welcher man , wie Oldenburg es ausdrückte , Ohren und Augen offen hat und doch weder sieht noch hört . Die Schatten der Ereignisse des letzten Tages und der letzten Nacht lagen noch auf seiner Seele und auf seiner Stirn . Seine gewöhnliche Lebhaftigkeit war einer melancholischen Ruhe gewichen ; er sah bleich und nachdenklich aus , aber so schön und vornehm , daß Primula ' s zart besaitete Seele alsbald den Zauber , welchen die Erscheinung des jungen Fremden bei der ersten Begegnung auf sie ausgeübt hatte , wiederum zu fühlen begann , und sie die Warnung ihres vorsichtigen Gatten um so lieber vergaß , als sie sah , mit welcher ausgesuchten Höflichkeit und Zuvorkommenheit die Baronin und der Baron denselben Mann behandelten , der ihr so eben als eine gefallene Größe denuncirt war . Sie bereitete sich schon im Stillen auf eine Strafpredigt vor , die sie auf der Heimfahrt ihrem Jäger halten wollte , der » wieder einmal nach seiner Gewohnheit den Wald vor Bäumen nicht gesehen hatte . « Der würdige Geistliche selbst war für den Augenblick durch den vollkommenen Widerspruch zwischen den Worten und der Handlungsweise der Baronin aus der Fassung gebracht . Er wußte indessen besser als irgend Einer , daß die Menschen nicht immer scheinen , was sie sind , und nicht immer sind , was sie scheinen , und hielt es auf alle Fälle für das Gerathenste , das Benehmen seiner Gönnerin möglichst treu zu copiren , was ihm gerade nicht schwer fiel . Indessen würde trotz des scheinbaren guten Einvernehmens der Gesellschaft die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit , die auf der Terrasse im Freien eingenommen wurde , sehr einsilbig gewesen sein , hätte Herrn Timm ' s Gemüth die Eigenschaft gehabt , die Farbe seiner Umgebung anzunehmen . Dies war indessen durchaus nicht der Fall . Herr Timm hatte sein Versprechen , bei Tische mit guter Laune und noch besserem Appetit zu erscheinen , wahr gemacht . Er fand die Chocolade , die diesmal keineswegs énormement sucré war , vortrefflich , das Brot vortrefflich , die Butter vortrefflich , Alles vortrefflich . Und wie köstlich war der Einfall , sich an diesem lieblichen Abend nicht in die Stube einzuschließen ! wie glücklich der Gedanke , die Tafel gerade auf diesem Punkte der Terrasse zu decken , von dem man einen so herrlichen Blick auf den Garten hatte ! wie wundervoll waren die Schatten und Lichter in den hohen Bäumen drüben jenseits des Rasenplatzes ! wirklich ein Gemälde von Claude Lorraine ! Wahrhaftig , Herr Baron , wenn ich nicht Diogenes wäre , so möchte ich wohl Alexander sein ! Aber freilich , wir können nicht Alle in Schlössern hausen , es muß auch Tonnenbewohner geben , und wohl dem Manne , dem sein Schloß nicht wie eine Tonne , oder dem seine Tonne wie ein Schloß erscheint ! Sie sollten diesen Gedanken zu einem Epigramm verwerthen , Frau Pastorin ! Sie haben ein ganz entschiedenes Talent für diese Gattung , selbst in Ihren hoch-lyrischen Gedichten findet sich oft eine epigrammatische Wendung . So in dem reizenden Sonett auf den Maikäfer . Wie heißt doch noch der Schluß ? » Des Maies Käfer , falscher Liebe Bild - « das ist an und für sich schon ein tiefsinniges Epigramm . Wissen Sie , daß man in Grünwald Ihre Uebersiedelung nach Faschwitz noch immer nicht verschmerzen kann ? Erst neulich sagte Professor Lichtscheu , den ich in einer Gesellschaft beim Kanonikus Schwarz traf : es sei unverantwortlich , daß ein gewisser Gelehrter , den ich nicht nennen will , den reichen Schatz seines Wissens in der Einsamkeit eines Dorfes , dessen Namen mir entfallen ist , vergraben solle ; worauf ich ihm erwiderte : es sei nicht minder unverantwortlich , daß die Dichterin der » Kornblumen « noch immer unter Kornblumen wandle . So ging es mit unendlicher Zungenfertigkeit fort , dabei war Alles , was Timm sprach , so augenscheinlich ohne jegliche Absicht , witzig und gestreich sein zu wollen , - trotzdem es manchmal geistreich und witzig genug war - gesagt , daß man ihm zuhören konnte wie einem lustigen und in seiner Lustigkeit freilich etwas überlauten Kanarienvogel , dem die Morgensonne in das Bauer scheint und der dabei auf den Einfall kommt , sich einmal ordentlich auszusingen . Nur kam es Oswald manchmal vor , als ob Herrn Timm ' s Humor durchaus nicht so natürlich sei , als es den Anschein hatte ; als ob Herr Timm nur eine wohleinstudirte und fein berechnete Rolle , allerdings mit vollendeter Naturwahrheit spiele , und als ob der gutmüthige Bonvivant und anspruchslose Naturbursche bei Licht besehen die ganze Gesellschaft , die er mit dem Feuerwerk seines Witzes unterhielt , gründlich verhöhne und nasführe . Er wurde in diesem Verdacht um so mehr bestärkt , als Herr Timm , sobald er zu ihm sprach , stets einen andern Ton anschlug , als wollte er sagen : Dir darf ich mit solchen Narrenspossen nicht kommen , aber für den andern Pöbel sind sie gut genug . Diesen Verdacht , auf den Oswald übrigens um so leichter verfallen mußte , als er selbst nur zu oft die Gesellschaft , gegen die er eine so gründliche Verachtung empfand , zum Besten hatte , schien von den Andern Niemand zu theilen , es hätte denn Bruno sein müssen , der heute noch düsterer und verschlossener wie gewöhnlich auf seinem Platze neben Oswald saß , und seinen stolzen Mund nicht