. Unter blutigen Wunden gegen den Feind kämpfen - mit Freuden ! Kanonendonner , Waffengeklirr , Pulverdampf , wehende Fahnen , Hörnersignale , Trommelgerassel , das unnennbare betäubende Getöse der Schlacht versetzte ihn in eine Art von Jubelrausch . Aber die geringste Selbstüberwindung auf sittlichem Gebiete , der leiseste Kampf gegen die Laune und die Stimmung des Augenblickes - nein ! das war zu viel ! das durfte man ihm nicht zumuten ! Nach beendigten Feldzügen kam sein Regiment nach Mailand . Er war außerordentlich mit dieser Garnison zufrieden : herrliche Oper , zahlreiches corps de ballet , die ganze lombardische Ebene , um ein paar Dutzend Pferde darauf tot zu jagen , und die Tiroler Alpen nahe genug , um im Sommer den Urlaub für die Gemsjagd zu benutzen . Was brauchte er mehr ? - Geld vollauf - das verstand sich von selbst ! daran hatte es Graf Damian bis jetzt nicht fehlen lassen - nur reichte es immer noch nicht für Orests allernotwendigste Bedürfnisse , wie er behauptete , aus . Machte Uriel jetzt die Zuschüsse , woran er keinen Augenblick zweifelte , so lag ihm nichts an dem Besitz des einsamen Schlosses im Odenwald ; denn ein solcher Besitz zieht gewisse Verpflichtungen nach sich und Verpflichtungen setzen Schranken . Orest aber wollte keine anderen gelten lassen , als Barrieren - und diese nur , um beim Wettrennen oder auf der Steeple chase über sie hinwegzusetzen . Er kam nach Windeck , um sich mit der neuen Ordnung der Dinge bekannt zu machen und um seine Verhältnisse durch Uriel regulieren zu lassen ; nebenbei auch , um all ' die Seinen einmal wiederzusehen , denn Uriel war auch dort eingetroffen , bevor er seinen Wohnsitz auf Stamberg nahm . Hätte Uriel die Aussicht gehabt , Regina als Herrin dort einzuführen , so wäre er sehr glücklich gewesen . Ihm sagte das Landleben mit seinen ruhigen Beschäftigungen und mit dem abgeschlossenen Kreise seiner Wirksamkeit zu . Der Reiz der Neuheit , den die große Welt für die Jugend hat , war ihm schnell entflohen , weil er mehr begehrte , als sie geben kann - vielleicht auch deshalb , weil seine Liebe für Regina ihn zu ausschließlich einnahm , um ihn von anderer Seite dauernd befriedigende Eindrücke zukommen zu lassen . So lange es Krieg gab , war er gern Soldat gewesen ; aber nicht , wie Orest , um Soldat zu sein , sondern um unter Oesterreichs Fahnen für Recht und Ehre gegen die Revolution zu kämpfen . In die diplomatische Laufbahn trat er , wie überhaupt seine Standesgenossen , um durch sie in die Gesellschaft eingeführt zu werden und in dem jugendlichen Wahn , Einblick und Einfluß in die Geschicke der Völker und Staaten zu erhalten ; ein Wahn , der allerdings nur durch die Unerfahrenheit der Jugend erzeugt und entschuldigt werden kann , da in unseren Tagen , die freilich überall einen traurigen Mangel an Genie kund geben , kaum eines seltener ist , als das diplomatische Genie - und da die Depeschenschreiberei in ' s bureaukratische Fach gehört , von welchem die Gestaltung der großen Weltverhältnisse nun einmal nicht ausgeht . Uriel war hierüber auch bereits so vollkommen im Klaren , daß er ganz gern seine diplomatische Karriere aufgab , als das Testament seiner Großmutter ihm Erbe und Herrschaft zuwendete . Orest ' s Wünschen entsprach er bereitwillig und großmütig ; nur bat er ihn , bei dem Festgesetzten zu bleiben , und Orest , dem ein Versprechen gar nichts kostete , weil er sich immer fest vornahm , es zu halten - so lange es eben möglich sei , versprach es froh . Es herrschte die größte Eintracht unter den Brüdern , denn Hyazinth war mit seinem Pflichtteil vollkommen zufrieden . » Und er kann es auch sein ! « sagte der Graf , » seine persönlichen Bedürfnisse sind unglaublich gering , und hat er sich ein paar Bücher angeschafft , so wandert sein Geld zu den Armen . « » Das meine auch , nur im größeren Maßstab , « versicherte Orest . » Das hätte ich Dir nicht zugetraut , « sagte der Graf . » Wie ! « rief Orest , » sind Schuster , Schneider und Handschuhmacher , sind Traiteur , Cigarrenfabrikant und Pferdehändler , sind Theaterunternehmer und Kaffeewirt nicht auch arme Leute , die leben wollen ? und muß man denn durchaus mit der Unterstützung warten , bis sie sämtlich zu Bettlern werden und dem Almosen verfallen ? Treib ' ich ' s nicht viel grandioser , indem ich sie vor der tiefsten Stufe bewahre ? « » Es ist merkwürdig , « bemerkte Levin lächelnd , » welch blendende Scheingründe dem Weltsinn zu Gebote stehen . « » Onkelchen , Du tust mir himmelschreiendes Unrecht mit Deinen Scheingründen ! « behauptete Orest . » Es ist ja sonnenklar , daß ich drei Fliegen mit einer Kappe schlage : ich unterstütze die Industrie , ich befördere die Civilisation , ich wehre dem Proletariat- und bewirke das alles , indem ich in der arbeitenden Klasse , welche zugleich die arme ist , Geld in Umlauf bringe . Bin ich da nicht ganz in der vernünftigen Idee des Jahrhunderts - von der natürlich der Kommunismus auszunehmen ist ? « » Ja freilich , Du ächter Sohn Deines Jahrhunderts , Du bist in dessen Idee ! « sagte Levin und klopfte ihn freundlich auf die Achsel ; » Viel der Bedürfnisse haben , soll - besonders wenn man sie prompt bezahlt , für Tugend gelten ! Aber so wenig wie das eine Tugend ist , ebensowenig wird das allgemeine Wohl durch sie gefördert . Dein Cigarrenfabrikant mag ein Millionär werden , aber seine Arbeiter verkümmern in Armut und Elend an Leib und Seele , während er und Du , Ihr beide , Euch etwas darauf zu gut tut , in Euren Genüssen . Eurem Überfluß , Eurem Luxus zu schwelgen - weil Ihr Geld unter die Leute bringt . Glaubst Du