gern errathen gehabt hätte . Entgehen konnte niemand , daß die Reisende jung war . Durch den dichten Schleier funkelten sogar zwei brennende Augen von halb scheuer , halb klug prüfender Unruhe . Richtete man dann plötzlich auf sie selber entweder zu lange den Blick oder ein Glas , das scheinbar die alten Burgen und Städte , in der That aber nur die Züge der seltsamen Unbekannten musterte , so entzog sie sich der Neugier durch eine rasche Wendung , die zugleich verrieth , daß sie niemals gänzlich in die Abwesenheit ihrer Gedanken versank , die sie scheinbar zeigte , sondern gegenwärtig blieb allem , was sie rings umgab , vorzugsweise dem Interesse , das sie einflößte . Die Ungeduld , die die verschleierte Dame bei alledem zu beherrschen schien , war offenbar auf den Augenblick gerichtet , wo sie das Schiff zu verlassen hatte . Der größte Theil der Passagiere , saß noch an der auf dem Verdeck aufgeschlagenen Tafel und bewunderte gerade beim Dessert - Stachelbeeren , die in dieser himmlisch üppigen Gegend so groß wie Zwetschen gereift waren , als man endlich jene Station erreicht hatte , nach der die Verschleierte schon mehreremal den Steuermann reglementswidrig angeredet und gefragt hatte . Eine neugebaute Kirche , die auf einem Vorsprung des linken Ufers stand , war schon lange als Merkziel derselben in Sicht . Hier erweiterte sich der Strom und nahm die mildern Linien der Umgebungen eines Sees an . Endlich hielten die Schaufelräder in ihrem gleichmäßigen Takt , das Schiff kam in eine schwebende Bewegung , der Kahn vom jenseitigen Ufer tanzte schon in den aufgeregten Wogen näher , das Seil wurde vom Bord den Schiffern zugeworfen , die Brücke herabgelassen und mit sicherer Haltung , den Sonnenschirm einlegend , stieg die Dame in den Kahn . Ein kurzes Brausen der Räder , ein geschicktes Auffangen des nachgeworfenen Koffers , ein Augenblick des bedenklichen Schwankens des noch gleichgewichtlosen Kahns und der Dampfer schoß weiter , der Kahn dem Ufer zu . Die neugebaute St.-Maximinuskapelle wurde sonst vom Dampfschiff aus stark besucht . Heute traf es sich , daß die Schiffer nur diesen einzigen Passagier ans Ufer setzten . Wie weit ist es bis St.-Wolfgang ? fragte die Reisende , den Sonnenschirm wieder ausspannend und mit einem bestimmten und sichern Tone . Zwei Stunden ! Bekomm ' ich einen Einspänner dorthin ? Gewiß ! Wo ? Im Weißen Roß ! Wollen Sie mich ins Weiße Roß führen ? Da liegt ' s am Wasser ! Die kurz angebundene Sprecherin blickte hinüber und sah das Hotel » Au Cheval Blanc « in großen Buchstaben angekündigt . Den Schleier hatte sie jetzt zurückgeworfen , den Mantel abgenommen , den ein Schiffer beim Aussteigen über den Arm behielt , während der andere das Kofferchen auf die Schulter lud . Die über ein ausgelegtes Bret behend das Ufer Betretende zeigte sich zu Land und Wasser von gleicher Sicherheit . Der Garten des Weißen Rosses geht fast bis dicht an das Ufer des hier mit besonderer Schönheit sich erweiternden , im Sonnenlicht glänzenden Stromes . Mit wenig Schritten durch den Sand war er erreicht . Als alle drei in den Garten getreten waren , warteten die Schiffer weiterer Befehle ... Ein dicht an der Thür auf einer geebneten Terrasse unter einem anmuthigen , schattenreichen Baume gelegener Tisch schien diese zu entscheiden . Die Dame bezahlte , ließ den Koffer neben sich hinstellen , befahl aber wegen eines Wagens den Wirth zu rufen . Noch rief sie dem einen der Schiffer , der deshalb ins Haus ging , nach , er möchte ihr auch » eine Kleinigkeit « zu essen bestellen . Sie hatte an der Table d ' hôte des Dampfschiffs nicht theilgenommen . Einige Augenblicke war sie allein . Vor der steinernen Balustrade über die Terrasse auf- und abgehend und jetzt auch den Hut sich freier bindend , um wie von einer langen Gefangenschaft in der himmlischen Luft aufzuathmen , musterte sie die Gegend , die sie ohne Zweifel zum ersten mal sah und vom Lande aus noch viel entzückender finden mußte als vom Dampfschiff , das immer nur Panoramen gibt , in denen man sich , weil man eben zu viel sieht , meist ohne Befriedigung verliert ... Nur die Gegend ist ja schön , die Eines gibt und das Andere ahnen läßt . Die Schiffer kamen zurück mit dem Wirth . Es wurde ein Einspänner behandelt , der die Dame nach dem zwei Meilen tiefer ins Innere hinein gelegenen Orte St.-Wolfgang führen sollte . Bis zum Anspannen wünschte die Reisende ein mäßiges Mahl zu nehmen , dann die St.-Maximinuskapelle zu besuchen und von dort mit dem Wägelchen abgeholt zu werden . Sie erkundigte sich genau nach den üblichen Preisen , bedingte sich das , was sie zahlen wollte , mit großer Bestimmtheit und erklärte , das kleine Mahl , das sie in allen Einzelheiten specificirte , unter dem » schönen fruchtbeladenen Apfelbaum da « und » an jenem Tisch « einnehmen zu wollen . Der Wirth ging . Die Reisende nahm jetzt den Hut vollends ab und warf ihn auf den ehemals weiß angestrichen gewesenen Tisch . Ihr Antlitz glühte . Mantel und Hut und Schleier hatten ihr heiß gemacht . Mit der ganzen Behaglichkeit , sich allein zu wissen , warf sie sich auf die harte Bank . Einem auf schwellender Ottomane Ruhenden konnte es nicht bequemer sein . An die Reize der Natur schien sie sich bald gewöhnt zu haben , von einem langen Erstaunen überhaupt nicht viel zu halten . Nur zur Maximinuskapelle warf sie zuweilen einen prüfenden Blick . Dazu las sie , doch ohne besondern Eifer , dasjenige aus einem Führer , den sie aus ihrer kleinen , jetzt aufgeschlossenen Handtasche nahm , was über die Oertlichkeit , auf der sie sich befand , dort gesagt sein mochte . Das Haupt aufstützend , zuweilen umblätternd , zuweilen nach einem Gegenstande auf dem Flusse , zuweilen rückwärtsblickend , wo ein Tellergeklapper die Anstalten zu ihrem Mahle