, damit beladen und beide Hände beschäftigt , mit dem Köpfchen sich in den Zweigen eines dichten dunklen Holunderstrauches fing , ich sie befreien wollte und wir beide so in der stark duftenden Finsternis standen , da flüsterte sie , sie möchte mir jetzt etwas sagen , aber ich müßte sie nicht auslachen und es verschweigen . Ich fragte » Was ? « und sie sagte , sie wolle mir jetzt den Kuß geben , den sie mir von jenem Abend her schuldig sei . Ich hatte mich schon zu ihr geneigt , und wir küßten uns zwei oder drei Mal , aber höchst ungeschickt , wir schämten uns , eilten zum Grabe , Anna warf die Blumenlast darauf hin , wir fielen uns um den Hals und küßten uns eine Viertelstunde lang unaufhörlich , zuletzt ganz vollendet und schulgerecht . Viertes Kapitel Als Anna mit ihrem Vater noch spät sich verabschiedete , war ich in dem Augenblicke nicht zugegen , und sie konnte mir daher nicht adieu sagen . Obgleich schmerzlich betroffen war , als ich sie nicht mehr zugegen fand , überwog doch mein junges Seelenglück ; auf meiner Kammer lag ich noch eine volle Stunde unter dem Fenster und sah die Cestirne ihren fernen Gang tun , und die Wellen unter mir trugen das Mondensilber auf ihren klaren Schultern hastig und kichernd zu Tal , als ob sie es gestohlen hätten , warfen hier und da einige Schimmerstücke ans Ufer , als ob sie ihnen zu schwer würden , und sangen fort und fort ihr mutwilliges Wanderlied . Auf meinem Munde lag es unsichtbar , aber süß und warm und doch frisch und taukühl . Als ich schlafen ging , spukte und rauschte es die ganze Nacht auf meinen Lippen , durch Traum und Wachen , welche oft und heftig wechselten ; ich sank von Traum zu Traum , farbig und blitzend , dunkel und schwül , dann wieder sich erhellend aus dunkelblauer Finsternis zu blumendurchwogter Klarheit , ich träumte nie von Anna , aber ich küßte Baumblätter , Blumen und die lautere Luft und wurde überall wiedergeküßt , fremde Frauen gingen über den Kirchhof und wateten durch den Fluß mit silberglänzenden Füßen , die eine trug Annas schwarzes Gewand , die andere ihr blaues , die dritte ihr grünes mit den roten Blümchen , die vierte ihre Halskrause , und wenn mich dies ängstigte und ich ihnen nachlief und darüber erwachte , war es , als ob die wirkliche Anna von meinem Lager soeben und leibhaftig wegschliche , daß ich verwirrt und betäubt auffuhr und sie laut beim Namen rief , bis mich die stille Glanznacht , welche getreulich im Tale lag , zu mir selbst brachte und in neue Träume hüllte . So ging es in den hellen Morgen hinein , und beim Erwachen war ich wie von einem heißen Quell der Glückseligkeit durchtränkt und berauscht . Die Nacht in meinem Bewußtsein war wie ein großes schönes Ereignis , und alle ihre verwirrten Träume ließen den Eindruck der schönsten Wirklichkeit zurück ich war wie ein neuer Mensch , reicher an Wissen und Erfahrung als gestern , und doch wußte ich nichts und hätte es in keine Worte fassen können . Ich ging , noch immer trunken und träumend , unter meine Verwandten und fand in der Wohnstube den benachbarten Müller vor , welcher mit einem leichten Fuhrwerke meiner harrte , um mich mit nach der Stadt zu nehmen . Meine Rückkehr war nämlich , seit einiger Zeit bestimmt , an die Geschäftsreise dieses Mannes geknüpft und zufällig verabredet worden , da das Fahren mit ihm einige Bequemlichkeit bot . Ich fragte nach dieser ohnehin nicht viel , der Müller erschien zudem unerwartet und früher , als man geglaubt , mein Oheim und seine Sippschaft forderten mich auf , ihn fahren zu lassen und zu bleiben , in meinem Herzen schrie es nach Anna und nach dem stillen See - aber ich versicherte ernsthaft , daß meine Verhältnisse geböten , diese Gelegenheit zu benutzen , frühstückte eilig , nahm einige meiner Sachen zusammen und von den verblüfften und fast unwilligen Verwandten Abschied und setzte mich mit dem Müller auf das Wägelchen , welches ohne Aufenthalt zum Dorfe hinausund bald auf der staubigen Landstraße dahinrollte . Dies alles tat ich halb unbewußt in der Verwirrung , zum Teil weil ich wähnte , man würde mir auf der Stelle ansehen , daß ich wegen Anna bliebe und daß ich sie wirklich liebe , und endlich auch aus unerklärlicher Laune . Sobald ich hundert Schritte vom Dorfe entfernt war , reute mich meine Abreise , ich wäre gern vom Wagen gesprungen und drehte den Kopf immerwährend zurück nach den Höhen , welche , um den See lagen , und schaute sie an , ohne zu gewahren , wie sie unter meinen Augen blau und klein wurden und hinter meinem Rücken das Hochgebirge aus größern und tiefern Seen emporstieg . Ich konnte mich in den ersten Tagen meiner Rückkehr kaum zurechtfinden . Im Angesichte der großartigen und schönen Landschaft , welche die Stadt umgibt , schwebte mir nun die verlassene Gegend wie ein Paradies vor , und ich fühlte erst jetzt jeden Reiz ihrer einfachen und anspruchlosen , aber so ruhigen und lieblichen Bestandteile . Wenn ich auf der höchsten Höhe über unserer Stadt in das Land hinaussah , so war mir der kleine versteckte Strich blauen Fernegebietes , wo das Dorf und nicht weit davon des Schulmeisters See zu vermuten waren , die schönste Stelle des Gesichtskreises , die Luft wehte reiner und glücklicher von dorther , der mir unsichtbare Aufenthalt Annas in jener entlegenen bläulichen Dämmerung wirkte magnetisch über alles dazwischenliegende Land her ; ja wenn ich , in der Tiefe gehend , jenen glücklichen Horizont nicht sah , so suchte und fühlte ich doch die Himmelsgegend und sah mit Heimweh und Sehnsucht das dorthin gehende Stück Himmel von näheren Bergen begrenzt . Indessen erneuerte sich die Frage über meine Berufswahl und machte sich täglich dringender geltend ,