, als ob er einen Dieb verfolge . Gleich darauf fiel ein Schuß . Mit noch rauchender Flinte ging der Graf ruhig zurück in sein Wohnzimmer . Neuntes Kapitel . Die Hochzeit . Durch die alterthümlichen Hallen des Schlosses Boberstein schwebte der unheimliche Schatten eines nahe drohenden Unglücks . Herta war in tiefe , herzzerreißende Melancholie versunken , die auf allen Schloßbewohnern drückend lastete , namentlich aber die Tage des alten kränklichen Grafen vollends ganz verdüsterte . Zwar sprach die Leidende wieder seit einiger Zeit mit ihren Umgebungen . Keine Schwäche ihrer geistigen Kräfte war zu bemerken , auch eine fixe Idee schien sie nicht zu beunruhigen , aber sie war dennoch ein ganz anderes Wesen geworden , dem man es ansah und anhörte , daß ein unaussprechliches Weh , ein entsetzlicher Schmerz an ihrem Herzen nagte . Deutete man darauf hin , so verstummte sie und konnte tagelang schweigen , bis man sich denn gegenseitig gelobte , die Unglückliche mit ihrem Schmerz sich selbst zu überlassen . Ueberraschen und angenehm berühren konnte Herta nichts mehr . Sie hörte daher mit vollkommener Gleichgiltigkeit die Botschaft , daß ihr liebes Haideröschen in wenigen Wochen schon verheirathet werden solle . Die Wendin war über diese Eile offenbar mehr erschrocken und zeigte sich gar nicht als glückliche Braut . Immer standen ihr die Thränen in den Augen , die ihr Herta nicht selten mitleidig abtrocknete . Weil sie aber von Jugend auf an blinden Gehorsam gewöhnt und außerdem überzeugt war , daß ihr Vater nur aus besondern Gründen und zu ihrem eigenen Besten die Hochzeit so beeile , fügte sie sich willig allen Anordnungen . In der kurzen Zeit ihres eigentlichen Brautstandes ereignete sich nichts , was eine besondere Erwähnung nöthig machte . Graf Erasmus gab das Mädchen auf erfolgte Anfrage los und Magnus nahm sie bereitwillig als Unterthanin an . Die herkömmlichen Schriften darüber wurden in üblicher Form ausgefertigt und Haideröschens Vater übergeben , der jetzt fast täglich auf dem Schlosse erschien . Clemens hatte mit Einrichtung des neuen Hauswesens zu viel zu thun , um den weiten Weg nach Boberstein häufig einschlagen zu können . Er begnügte sich daher mit Grüßen an seine Braut , die Haideröschen von ganzem Herzen , aber doch immer niedergeschlagen , erwiederte . Das gute Kind härmte sich um Herta , noch mehr darüber , daß es ihr nicht gelingen wollte , die Gemüthskranke aufzuheitern und ihr Vertrauen zu gewinnen . So blieb ihr nichts übrig , als sie mit aufopferndster Sorgfalt und zärtlichster Liebe zu pflegen , was sie denn auch so rührend that , daß sie dem bleichen , jetzt immer so düstern und wie in furchtbarem Schmerz versteinerten Gesicht ihrer Gebieterin zuweilen ein flüchtiges Lächeln entlockte . Unter diesem sich immer gleich bleibenden öden Hinvegetiren vergingen die festgesetzten vier Wochen , nach deren Verlauf Haideröschen ihrem Geliebten angetraut werden sollte . Nur die uralten Förmlichkeiten und Gebräuche , die jeder wendischen Hochzeit vorangehen und die zu vernachlässigen man nicht allein für einen Verstoß gegen alle Sitte , sondern auch für eine frevle Herausforderung der finstern Mächte und des heimlich schaffenden Unglückes gehalten haben würde , brachten einige Abwechselung und auf kurze Stunden ein originelles Leben und Treiben in das so stille , traurige Grafenschloß . So erfolgte unter Andern die eigenthümliche Werbung des Bräutigams um die Braut durch den Brauwerber oder Brazka mit allen Ceremonien , die dabei vorgeschrieben sind . Eben so reich an wunderlichen Gebräuchen , an seltsamen Sprüchen und Reimreden war die feierliche Verlobung Haideröschens mit Clemens , und diese noch nie in der Nähe beobachteten volksthümlichen Gebräuche interessirten auch Herta so sehr , daß sie während derselben ihr schweres Seelenleid vergaß und mit dem alt gewohnten Glanz in ihren schönen Augen , das liebliche Gesicht überstrahlt von freudigen Flammen , das Ungewohnte an sich vorübergehen ließ . Graf Erasmus , der es sich angelegen sein ließ , die schöne Dienerin seiner Nichte bei dieser Gelegenheit recht auszuzeichnen , wäre beinahe mit Sloboda in unangenehmen Streit gerathen . Der Graf wollte nämlich , daß Haideröschen Dienst und Schloß erst am Tage ihrer Hochzeit verlassen solle , was die Nothwendigkeit einer Abholung der Braut vom Schlosse unabweisbar bedingte . Sloboda , sonst in allen Dingen die Fügsamkeit selbst und nie einem Befehle zu widersprechen gewohnt , widersetzte sich dieser Anordnung hartnäckig und meinte , es sei durchaus unmöglich , daß der gnädige Herr Graf so etwas Widersinniges verlangen könne . Eine Braut müsse schlechterdings aus ihres Vaters eigenem Hause abgeholt werden , und dies sei seine schlechte niedrige Hütte . Unterbliebe diese Abholung , so könne aus der ganzen Hochzeit nichts werden , denn alle dabei üblichen und nothwendigen Gebräuche müßten unterbleiben . Je heftiger der trotzige Sloboda auf seiner Meinung beharrte , desto hartnäckiger ward auch der Graf . Ihn verdroß blos der Widerspruch des Untergebenen und daß man ihm eine Freude damit verdarb , die er sich ausgedacht hatte . Hier nun schritt Herta wieder , wie immer bei streitigen Fragen , als Vermittlerin und Friedensstifterin ein . Sie brachte es dahin , daß Haideröschen am Hochzeitstage von Clemens und dessen Begleitung auf dem Schlosse abgeholt , die Hochzeit selbst aber und Alles , was Ceremonielles dabei zu beobachten sein möchte , im Hause ihres Vaters gehalten werden solle . Dieser Entscheidung fügte sich Sloboda erst nach vielem Zureden . Kopfschüttelnd behauptete er jedoch , es sei nicht gut , daß er nachgebe , denn es könne daraus leicht Unglück für sein ohnehin schon so tief gedemüthigtes Haus entstehen . Das Warum wußte er freilich nicht anzugeben . » Nun ja , « sagte er nach mehrmaligem Bearbeiten von Seiten Herta ' s , » es ließe sich zuletzt Alles recht gut hier einrichten . Der gnädige Herr Graf will uns die Schloßhalle einräumen zur Brautschau , wofür ich meinerseits vielmals danke , aber wo haben wir eine alte Frau , die bei der ersten Frage nach der Braut meine Tochter vorstellen kann ? Die Frau Gräfin - «