- trügerisch oder nicht - laß mir den einen kleinen Dämmerschein , an den ich mich mit aller Kraft des Gemüthes anklammern möchte , den Gedanken an die Fürbitte ! Ja bitten , bitten für den Beklagenswerthen , der den Tod gibt und sein eignes ganzes Leben hindurch an der furchtbaren Erinnerung stirbt . O könnte ich ' s mit ihm abbüßen ! Der Mensch hat ja in solchem Jammer nichts , das er ergreifen kann , als den Kelch des Glaubens und das Kreuz der Buße ! Leontinens Haupt sank auf Annens Decke , sie weinte laut . Anna richtete sich fast geisterhaft auf . Du zweifelst , um wessen Tod wir zu klagen haben ? rief sie mit einer grauenerregenden Mischung von Qual und innig zärtlichklagender Lust . O , irre dich nicht ! Gotthard ist vor Allem Mensch . Für Kronberg bete , daß ihm Gott vergebe , gegen seine innere Ueberzeugung zu handeln , weil es ihm die Scheinehre gebeut ; bete für ihn , so lange du lebst , ich fürchte , ich vermag es nicht . - Großer Gott , ist es denn möglich ! Du glaubst , ich hätte schon verlernt , Gotthards Herz zu durchschauen ? Du glaubst , er - werde je auf den Vater meiner Kinder zielen ? Hast du denn nie ihn verstanden , nie dieses Mannes Charakter erkannt ? Er stirbt für mich , wie er für mich gelebt . Er ist der Beneidenswerthe , der Freie , der das einfach Rechte darf ! Sie sank zurück in ihre Kissen und eine tiefe Erschöpfung hielt sie lange von jeder Aeußerung zurück , bis sie wieder irgend ein Gedankenbild , ein Glockenschlag aufschreckte . Sophie schlich still hinaus zu August und Duguet , die im Vorgemach trostlos bekümmert und gebeugt nebeneinander am Kamin saßen . Und das sehen ! sagte Duguet . Das Haus , das uns genährt , dem wir gedient dreiundzwanzig Jahre hindurch - das Haus zusammenbrechen sehen über der lieben Kinder Haupt , die in ihrer Sicherheit und Unschuld nichts ahnen ! Jeden Moment können Graf Egon oder Joseph kommen und der Leiche ihres Vaters begegnen ! Wenn ich nur wüßte , wohin sie gefahren ! seufzte August . Sophie trat zwischen die Beiden . Meine armen Freunde , sagte sie , mir ist nicht gut , ich bin von all dem Elend übersättigt , das ich auf der Welt gesehen ; das Warten auf neues Unglück halte ich nicht mehr aus . Mein Gott ! fuhr sie fort und sank wie zerbrochen auf einen Stuhl , mit auf den Knien gefalteten Händen , ich habe zu viel davon mit durchlebt , erst die Revolution und die Marquise d ' Alvigni , und die jungen Grafen , die ersten Kinder , die ich auferzogen - und deren Vater , dessen Kopf unter der Guillotine fiel . Dann meinen armen Marc , die lange bange Sorge um meine kleine Leontine . Nun das Herz meiner liebsten Herrschaft , meines Herzblatts ! Siehst du , Duguet , es ist zuviel für so ein Paar alte Schultern . Er faßte erschrocken ihre Hand . Du bist krank , Sophie ! Nimm deine Tropfen , thue mir ' s zur Liebe ! Auch August drang auf sie ein . Nenni , nenni ! sagte sie mit ihrem Lütticher , scharfen Dialekt , es hat nichts auf sich . Ein armer treuer Hund stirbt auch zu seines Herrn Füßen . Mais , j ' en ai assez ! Ich kann nur Euch Beiden gute Nacht sagen . Sie reichte jedem eine Hand . Und mit plötzlich concentrirter Sorge überflog ihr Auge nochmals das Zimmer , ob auch nichts Nöthiges zu thun ; da erreichte Leontinens Ruf ihr Ohr . J ' y vais , j ' y vais , Madame ! sagte sie , indem sie von der Thür aus noch einmal , zum letzten Mal , auf ihre beiden Freunde zurückschaute . Ich weiß , meiner Treu , nicht , wie mir ist , murmelte August , es ist mir so bitterwunderlich um ' s Herz . Zum Teufel ! ich habe doch so allerlei mitgemacht , Schlachten , Plünderung , Brand , und diese dumme Geschichte - Duguet weinte still vor sich hin . Allons , allons , vous pleurez ? rief der alte Soldat . Mais fi donc ! qu ' est ce bête de pleurer pour ça ! Ihm selbst liefen zwei helle Thränen die Backen herunter . Morgens um fünf Uhr trat Gotthard , völlig angekleidet , in Otto ' s Zimmer , den er auch fertig fand . Die gewöhnlichen Vorkehrungen wurden getroffen , auf den Fall der Flucht , der schweren Verwundung u.s.f. Gotthard blieb ruhig am Tisch sitzen und ließ den Freund gewähren . Seit ihrer frühesten Studentenzeit hatten Beide , mit gar andern Interessen und Arbeiten überhäuft , sich nie um ein Duell gekümmert , fast neugierig sah er ihm zu . Halb sechs erinnerte er Otto , es sei Zeit . Sie gingen gelassen , wie zu einem ernsten Geschäft . Man hatte Kronbergs Pistolen mit Doppelläufen gewählt . Für den Nothfall steckte Otto ein zweites Paar ein . Den Arzt und Wagen sollten sie wie zufällig am Thore treffen . Nach wenigen Minuten erschienen auch Kronberg , Viatti und St. Luce ; die beiden Letzten ruhig , wie eines solchen Auftritts lange gewohnt ; Kronberg , aufgeregter , als zu vermuthen bei so einem trefflichen Schützen und so gewandten Mann . Er sah glühend roth aus und in einer Weise bewegt , die weder zu seiner Ritterlichkeit , noch zu seiner Selbstbeherrschung paßten . Es flog Otto durch den Kopf , er sei doch krank . Gotthard wurde bleich . Beide Herren grüßten einander ; das Feld ward gemessen . Während der Zeit schaute Gotthard noch einmal über die weite Fläche der Gegend hin ; die ersten , noch goldenen Strahlen der Sonne lagen auf den nächsten Baumgipfeln , der