demselben Grade darüber erfreut . Schon ehe wir in der Schweiz angekommen waren , hatte sich zwischen meiner Großtante und einem alten Franzosen ein freundliches Verhältniß gebildet , welches oft Beiden zum Trost gereicht hatte , der Tante in ihrer Einsamkeit und dem Franzosen in manchen Leiden der Gegenwart . Herr Blainville , so nannte sich der alte Mann , hatte Frankreich verlassen müssen , weil sein vorurtheilsfreier Geist die Anzeichen der herannahenden Stürme erkannte . Seine Stellung in der Nähe seines Monarchen hatte ihn vermocht , diesen auf seine gefährliche Lage aufmerksam zu machen und ihm die Möglichkeit des Unglücks zu zeigen , welches bald furchtbar hereinbrechen sollte . Anfangs verlacht wurde er bald angefeindet und als ein Anhänger verhaßter Systeme verdächtig gemacht , und er sah seine Freiheit um seiner treuen Anhänglichkeit Willen bedroht . Der entgegengesetzten Partei war er ebenfalls verdächtig , weil er seinem Könige ergeben war , und so war er zu gleicher Zeit der Verfolgung des Hofes und dem Hasse des Volkes ausgesetzt , und hatte kaum noch Zeit , durch eine eilige Flucht einer Verhaftung zu entgehen , die sein Leben in Gefahr bringen konnte . Bei dieser unvorbereiteten Flucht konnte er nur sehr geringe Hülfsmittel mit sich nehmen , und er mußte mit seinem Vermögen einen Sohn und eine Tochter in Frankreich zurücklassen , für deren Schicksal er unaufhörlich fürchtete , und je deutlicher sich in den fortschreitenden Begebenheiten der Zeit erkennen ließ , daß er nur zu richtig die Uebel seines Vaterlandes voraus gesehen hatte , um so heftiger wurde seine Unruhe , und sein Herz wurde von den quälendsten Sorgen um das Schicksal seiner Kinder zerrissen , denn seine Phantasie spiegelte ihm die furchtbarsten Ereignisse vor . Es konnte seiner bejahrten Freundin nicht gelingen , ihn zu beruhigen . Eine furchtbare Revolution , pflegte er oft , wenn sie ihm Trost einsprechen wollte , zu sagen , bricht über mein unglückliches Vaterland herein , und ich weiß wohl , daß diese in der Zukunft für Frankreich , ja für ganz Europa die heilsamsten Früchte tragen kann , aber in der Gegenwart , wo alle Leidenschaften aufgeregt sind , wird sie wüthen wie ein furchtbarer Orkan , der zwar auch die Luft reiniget , aber Wehe dem , der ihm nicht ausweichen kann . Endlich kam er eines Morgens mit triumphirender Miene in unser Haus , von einem jungen Manne begleitet , welchen meine würdige Großtante mit herzlicher Freude als den jungen Blainville begrüßte . Sie wünschte dem Vater aufrichtig Glück , daß durch die Ankunft des so heiß ersehnten Sohnes die Unruhe seines Herzens beendigt sei , und fragte den jungen Mann mit Theilnahme nach seiner Schwester . Er berichtete mit Kummer , daß es ihm unmöglich geworden sei , für die Schwester und sich Pässe zu erhalten , daß er gezwungen gewesen , sich ohne Paß über die Grenze zu schleichen , welches er nicht habe bewerkstelligen können , ohne Gefahren sich auszusetzen , denen ein junges Mädchen unmöglich könne preisgegeben werden ; er habe also in Paris , wo sie verborgen und in Sicherheit leben könne , auf ' s Beste für sie gesorgt , und da er selbst bald zurück müsse , so hoffe er dann vielleicht Mittel zu finden , auch sie dem Vater zuzuführen . Der junge Blainville schien durch meinen Anblick überrascht , und es war nicht zu verkennen , daß er sich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an mit Innigkeit mir zuwendete ; sein Vater schien seine Neigung durch seinen Beifall zu unterstützen , meine Großtante wirkte ihr nicht entgegen , und meine Mutter schien sie Anfangs nicht zu bemerken . Wer jemals die Süßigkeit der Momente empfunden hat , wenn zwei junge Herzen sich gegeneinander öffnen , um sich zu vereinigen , der wird es begreifen , daß es mir schien , als ob die Sonne nur in dem Herzen ruhte , deren glänzende Strahlen Alles um mich her beleuchteten und verschönten . Der alte würdige Blainville streichelte oft meine glühenden Wangen und nannte mich sein Kind , seine zweite Tochter , den Trost seines Alters . Ich begriff nicht , warum diese Schmeichelworte mir Thränen entlockten , und doch war ich so selig in diesen Thränen . Meine Großtante und der alte Blainville hatten jetzt häufig lange Unterredungen mit einander , die ihre vertrauliche Freundschaft noch zu befestigen schienen , aber ich bemerkte , daß nach solchen Unterredungen die Tante oft besorgte Blicke auf meine Mutter richtete ; endlich schien diese sich an die Gefühle ihrer Jugend zu erinnern , und sie begann die Gefahr , die ihren Plänen drohte , zu ahnen . Sie bereute nun das ihrer Tante gegebene Versprechen , mich nicht aus ihrer Nähe entfernen zu wollen , und wußte nicht , wie sie dieß erfüllen und doch zugleich ihrem Gelübde treu bleiben sollte . Endlich glaubte sie durch Aufrichtigkeit gegen Alle einem drohenden Uebel begegnen zu können . Sie ergriff also die erste schickliche Gelegenheit , um in des alten , wie des jungen Blainvilles Gegenwart zu erklären , daß sie mein Leben dem Heiland geweiht und mich deßhalb für das Kloster bestimmt habe , und von ihrer gütigen Tante hoffe , daß sie mir erlauben würde , bald mein Probejahr anzutreten . Wie ein Donnerschlag wirkte diese Erklärung auf den jungen Blainville . Ich sah ihn erbleichen und hielt meine strömenden Thränen nicht zurück , der alte Blainville sah verlegen auf die Tante , die einen etwas zornigen Blick auf die Nichte richtete ; aber diese blickte triumphirend , wie nach einem gewonnenen Siege , umher . Die schöne Ruhe war aus unserm Kreise gewichen , aber dennoch war nicht erreicht worden , was meine Mutter im frommen Eifer für ihre Kirche und aus blinder Liebe für meinen Bruder wollte . Ich suchte die Einsamkeit , aber nicht bloß um meinen Thränen Luft zu machen , sondern um mich auch in dem Vorsatze zu bestärken , mich nicht für meinen Bruder opfern zu lassen .