ihm die Ruhe dieser Nacht aufzuopfern , und so entstand zwischen Beiden eine Art von edelmüthigem Wettstreite , in welchem Sir Charles durchaus die Erlaubniß forderte , den Abend mit der Familie allein zu bringen zu dürfen , und der Alte eben so hartnäckig dabei blieb , ihm solche auf die freundlichste Weise von der Welt zu versagen . Es währte ziemlich lange bis Sir Charles endlich für gut fand , sich für überwunden zu erklären . » Nun so sey es denn ! « seufzte er , und verbeugte sich nicht ohne Anmuth , in komischer Trostlosigkeit , gegen alle in die Runde ; » ich gehe , ich armer Verbannter ! Aber weil es denn nun einmal so seyn muß und ich Sie alle heute nicht sehen darf , so will ich auch gar nichts sehen , als den Wilkinson und seine verwünschten Schreibereien . Ich schließe mich von Stunde an in meinem Kabinette ein , bleibe darin bis Morgen früh , unzugänglich wie eine Auster . Nichts soll mich herauslocken und käme die Catalani selbst vor meine Thüre , um mit ihrer Syrenenstimme dieses Wunder zu bewirken . « Sir Charles entfernte sich und Horst folgte ihm auf dem Fuße nach , denn ohne ein Wort darin zu reden , war dieser ein Zeuge des ganzen Vorganges gewesen . Er entschuldigte jetzt ebenfalls sein Nichtwiedererscheinen für diesen Tag mit wichtigen Geschäften ; doch Kleeborn achtete kaum darauf , so entzückt war er von Sir Charles heutigem Betragen , er wurde nicht müde es zu preisen und die erfreulichsten Schlüsse für die Zukunft daraus zu ziehen , wodurch denn die Unterhaltung eine für Vicktorinen durchaus nicht erfreuliche Wendung gewann . Langweilig war der Tag an ihnen allen vorüber geschlichen , wie solche Tage es gewöhnlich pflegen . Die Theaterstunde nahte heran , und Kleeborn überlegte eben , ob es nicht dennoch klüger gewesen wäre , den für Arbeit und Vergnügen gleich verdorbnen Abend vollends im Schauspiel gemächlich zu vergähnen , als der Rittmeister Horst ganz unerwartet hereintrat , und mit ihm die Tochter seines Majors , eine Freundin Agathens . Diesem neuen Ankömmling zu Ehren ward nun auf des Rittmeisters besonderem Antrieb sogleich beschlossen , dennoch ins Theater zu fahren , obgleich die eigentliche Stunde dazu schon beinahe vorüber war . Der alte Kleeborn schien wahrhaft erfreut , einen Anlaß gefunden zu haben , der ihn bestimmen konnte , seinen früher gefaßten Entschluß abzuändern , besonders da Horst ihm vertraute , das Fräulein Natalie sey nur wegen der neuen Oper und in Hoffnung auf einen Platz in der Kleebornschen Loge zur Stadt gekommen ; denn wie viele alte Herren seiner Art , bezeigte er sich noch immer gerne galant gegen Damen . Babet und Agathe waren ebenfalls sehr zufrieden damit , und nur Vicktorine äußerte den lebhaften Wunsch , bei ihrer Angelika bleiben zu dürfen , deren schwache Nerven ihr ein Vergnügen dieser Art nur selten erlaubten . Horst erschrack sichtbar da er dieses vernahm , und fing an , mit solchem Ernst auf ihr Mitgehen zu dringen , daß selbst Angelika sich dadurch bewogen fühlte , ihre Bitten mit den Seinen zu vereinen . Da Vicktorine sich noch weigerte , stiegen diese Bitten beinahe bis zum ängstlichen Flehen , und nahmen nach und nach einen so seltsamen Ton an , daß Vicktorine endlich , gezwungen , ihm nachgab . Der Werth , den er auf eine , ihr so unbedeutend scheinende Gefälligkeit von ihrer Seite zu legen schien , kam ihr indessen doch halb lächerlich vor , und sie konnte es nicht unterlassen , ihn ein wenig damit zu necken ; doch als sie ihn dabei genauer ins Auge faßte , erschrack sie beinahe über den Ausdruck feierlichen Ernstes in seinen Mienen , den er vergebens unter dem Scheine heitrer Unbefangenheit zu verbergen suchte . Es überlief sie dabei ein heimliches Grausen , das sie sich selbst eben so wenig zu erklären wußte , als das sonderbare Benehmen ihres sonst immer heitern Freundes , so daß sie darüber endlich in eine Art ängstlicher Befangenheit gerieth und nun mehr , als alle die Andern eilte , um nur recht bald in den Wagen und in ihre Loge zu gelangen . Die Oper war angegangen und in dem fast überfüllten Hause herrschte die größte Stille unter den Zuschauern . Daher war es wohl natürlich , daß die verspätete , nicht ganz geräuschlose Ankunft so vieler Damen für den Augenblick einige Aufmerksamkeit erregen mußte . Doch diese Aufmerksamkeit schien sich gar nicht wieder der Bühne zuwenden zu wollen , selbst nachdem die unschuldigen Stöhrerinnen der allgemeinen Ruhe schon längst ihre Plätze eingenommen hatten . Aus allen Ecken waren bewaffnete und unbewaffnete , bekannte und unbekannte Augen auf sie gerichtet , ein tausendstimmiges Zischeln und Flüstern ging durch Logen und Parterre , und erfüllte das Haus mit einem seltsamen unheimlichen Geräusch , bei dem fast Niemand mehr das , was auf dem Theater vorging , zu beachten schien . Kleeborn selbst wurde auf die unter den Zuschauern herrschende Unruhe aufmerksam ; er hatte sich bis jetzt mit einem Bekannten im Hintergrunde der Loge aufgehalten , doch nun trat er vor , und beugte sich weit über die Brüstung derselben hinaus , um die Veranlassung dieser seltsamen Erscheinung zu entdecken , die er weit entfernt war , in seiner Nähe zu suchen . Sorgfältig musterte er die Logenreihen mit seinem Opernglase , während das Flüstern und Lorgniren von allen Seiten zunahm . Doch wer beschreibt sein Erstaunen , als er in einer Loge sich gerade gegenüber eine einzelne junge Dame gewahr wurde , welche durch ihren kostbaren , aber etwas fantastisch überladnen Anzug sich nicht minder auszeichnete , als durch ihre wirklich blendende Schönheit , und dicht hinter ihr , in seiner gewohnten nachlässigen Stellung über mehrere Stühle hingegossen , den Rücken dem Theater zugewendet - Sir Charles - der ohne weiter auf die Oper noch auf das Publikum zu achten , sich einzig damit zu beschäftigen schien , die Blumen in