- Bei diesen Worten rief er : » Und ich bin ihr Sohn ! « und stürzte in einem krampfhaften Zucken über die Gräfin hin . Schon oft hatte er ihr von einer wunderbaren Erneuerung des heiligen Mythus gesprochen ; sie schien bewußtlos bei diesen Worten : » Ja du bist , du Gewaltigster , du Heiligster in der Schwäche menschlicher Natur mir in die Hand gegeben ! « - » Und du bist meine ewige Braut ! « seufzte er . - Dann versank er scheinbar in einen Todesschlaf , sein Atem ward stille ; der hülflose menschliche Zustand des hohen geliebten gefürchteten Gottmenschen erweckte das tiefste Mitleiden der Gräfin ; sie rieb ihn mit wohlriechendem Öl , das in einem kleinen Fläschchen um ihren Hals hing , sie lüftete seine Binde , seine Weste ; seine schöne männliche südliche Bildung trat hervor wie eine ausgegrabene Antike , wo jede Schaufel weggenommener Erde neuen Reiz enthüllt ; sie konnte ihn nicht erwecken und mußte ihn so lange anstaunen . Zu schellen wagte sie nicht ; es war sehr spät , und er war durch den geheimen Gang zu ihr gelangt . In diesen Augenblicken schwebte eine Fledermaus schauerlich in der Höhe des Zimmers umher , wie ein fortziehender Schatten ; auch der Marchese hatte sie durch die halbgeschlossenen Augen wahrgenommen und kam aus Furcht vor dem Tiere , das er nicht leiden konnte , wieder zur Besinnung . Die Gräfin war so freudig über sein Erwachen , sie hätte sich dem Himmel aus Dankbarkeit geopfert ; aber das wollte er nicht ; er wollte nicht überraschen , keine Vorwürfe hören ; statt die Stimmung , den Ort , die neue Vertraulichkeit zu benutzen , ließ er die erweckten Begierden in ihr fortwuchern , hieb mit seinem Degen die Fledermaus nieder und verließ das Zimmer mit einem ernsten Kusse . Ich möchte , statt zu erzählen , hier mit einem gewaltigen Trauermarsche die Unglückliche zu erwecken suchen : aber es ist doch zu spät . Den Sieg über ihre Treue und über ihr Glück setzte der Marchese nur bis zum nächsten Abende hinaus , wo er ihr Zimmer mit unzähligen Blumen geschmückt und gegen alle Fledermäuse geschlossen hatte . Die Wurzeln waren alle untergraben , er wußte , wohin der Baum fallen mußte , und so schwelgte er alle seine jetzigen und künftigen Früchte an einem Abende auf ; es war so schön , daß er sich heilig schwor , zu keiner Zeit ihr wieder so vertraulich zu werden , um diesen Eindruck sich nicht zu verderben . - O du angebetete Schönheit , wie bist du gefallen von deiner Höhe , wie bist du gemein worden und ich trage keine heilige Scheu mehr vor dir . Sechstes Kapitel Rückkehr des Grafen nach der Stadt Der Graf kam einige Tage darauf nach der Stadt zurück , um sie aufs Land mitzunehmen , um ihr im Jubel alle seine neue Anlagen zu zeigen . Sei es , daß er durch das stete Anordnen und Bewachen der Arbeiter etwas strenger Durchschauendes in seinen gewöhnlichen Blick aufgenommen , oder war sie von der Furcht getäuscht , er möchte ihr Verbrechen auf ihrer Stirne lesen , genug , sie suchte ihre Verlegenheit hinter einer stürmischen Zärtlichkeit zu bergen , welche sonst ihre Art nicht war , die immer mehr erwartete als entgegenkam . Es war ihm etwas Störendes , etwas Frevelndes in ihr ; er gedachte mit einem ruhigern Urteile , das er jetzt in dem Verhältnis zu ihr gewonnen , an die gleiche Empfindung , die ihn damals bei seiner ersten Rückkehr von der Universität befangen ; es muß doch etwas andres in ihr sein , dachte er , was ich nicht geliebt , nicht gekannt habe ; doch schwieg er davon , er fühlte noch zuviel Zärtlichkeit gegen sie , als daß der Gedanke ihm lange Stand gehalten . Er forderte sie zur Abreise aufs Land auf , aber mit tausend schönen Worten wußte sie ihm zu erklären , daß es ihre Gesundheit noch nicht zulasse ; auch schienen ihre Wangen jetzt wirklich blässer , seit sie die Schminke , der Beschämung jenes Abends eingedenk , aufgegeben hatte . Der Graf verschwieg seine Empfindlichkeit , seine verdorbene Freude ; die Gräfin gedachte ihre gewohnte Lebensweise in der Gesellschaft des Marchese fortzusetzen ; aber zu ihrer tiefen Kränkung zog es dieser vor , einige Tage den Grafen aufs Land zu begleiten . Siebentes Kapitel Der Graf geht mit dem Marchese auf sein Landgut . Unterhaltung von unseliger Liebe zu verlornen Mädchen Der Graf nahm zärtlichen Abschied von seiner Frau . Der Marchese drückte der Gräfin zum Abschiede spottend das Schminkdöschen in die Hand , das ihm zum Andenken jenes Balles geblieben . Kaum konnte sie ihren Unwillen unterdrücken ; sie ging auf ihr Zimmer und warf sich unmutig auf ihr Sopha . Es kamen ein paar ältere Frauen zum Besuche ; die Unterredung schlich gähnend durch die Neuigkeiten ; endlich fing die eine an : » Ich merke doch immer mehr , daß uns etwas fehlt . « - » Aber was ist es ? « fragte die andere . - » Verstellen Sie sich nicht « , antwortete jene , » Liebhaber fehlen uns ; es war doch eine schöne Zeit , wo stete Aufmerksamkeiten uns jede Stunde begleiteten , und ich finde in nichts dafür einen Ersatz . « - Dolores wurde glühend rot bei diesen Worten ; zum Glücke war es Zwielicht und keine der beiden Frauen konnte es bemerken . Den Grafen unterhielt der Marchese sehr angenehm mit Abenteuern , die er ihm von Frauen aller Art erzählte ; selbst die Geschichte seiner eigenen Frau trug er ihm mit geringen Veränderungen so ruhig vor , als hätte er sie unfern den Säulen des Herkules erzählen hören . Der Graf schwor darauf , daß ein so ehrvergessenes Weib nie einen ehrlichen Mann betrügen könne . - » Es ist eine wunderliche Sache um die Abirrungen ehelicher Liebe « , meinte