dieser Sinnenwelt , zu Korinth , Aegina oder Milet , wo wir uns ( unter den gehörigen Bedingungen ) sehr wohl zu befinden glauben , das wahre Leben sey . Nichts weniger ! Im Gegentheil , es ist ein so elender Zustand , daß der ärmste Sklave in den Bergwerken von Laurium , wenn er wie Plato philosophiren könnte , unendlich glücklicher wäre , als mein Freund Aristipp an einem mit allem , was Land und Meer Köstliches hat , besetzten Tische , der schönen Lais gegenüber , in der auserlesensten , fröhlichsten Gesellschaft und unter den angenehmsten Unterhaltungen . Kurz , so lange unsre Seelen , an den Leib gefesselt , in den finstern Höhlen und Grüften dieser unterirdischen Erde schmachten , und bis sie durch den Tod - der aber freilich nur dem Platonisirenden Philosophen ein freundlicher Genius ist - wieder ins wahre Leben geboren , und zum Anschauen und unmittelbaren Umgang mit den sämmtlichen Neun- und Zeit- auch Vor-und Verbindungswörtern an sich emporgestiegen seyn werden , ist ( außer dem philosophischen Tod , wodurch der Platonische Weise sich bereits in dem gegenwärtigen Scheinleben eine freilich noch etwas ärmliche Art von Existenz verschaffen kann ) an kein wahres Leben , geschweige an etwas , das den Namen Glückseligkeit verdiente , zu gedenken . Frage doch die schöne Lais in meinem Namen , wie sie sich in der Gesellschaft dieser Platonischen Stammwesen , zwischen der selbstständigen Langweile und dem absoluten Hojahnen , gefallen würde , und sie wird mir hoffentlich zu gut halten , daß ich mich über solche Hirngespenster nicht ernsthafter erkläre . In der That kann ich es mir selbst kaum verzeihen , daß ich mich so lange dabei aufgehalten , zumal da ich mich dadurch so verstimmt habe , daß ich dir nichts weiter zu schreiben weiß , als daß ich vor wenigen Tagen zu Samos angekommen bin , und durch die gute Besorgung meines Freundes Zenodor sogleich eine bequeme Wohnung bezogen habe , worin ich dich je eher je lieber zu bewirthen hoffe . 61. Aristipp an Lais . Wenn der Brief des Hippias , von welchem ich dir hier eine Abschrift überreiche , Stoff zu angenehmer Unterhaltung in einer deiner musurgischen163 Abendgesellschaften geben könnte , so würde ich mich wegen der kleinen Ungebühr , wodurch ich ihn erschlichen habe , hinlänglich entschuldiget halten . Du wirst finden , daß er ein wenig unbarmherzig mit dem armen Plato umgeht , und das neu ausgestellte hermaphroditische Mittelding von Dialektik und Poesie von einer zu schiefen Seite betrachtet , um ihm völlige Gerechtigkeit widerfahren zu lassen . Indessen scheint doch Plato selbst ( zu seiner Ehre gesagt ! ) keine große Meinung von der Stärke seiner Beweise für das künftige Leben unsrer Seelen im Hades und in der überirdischen Erde zu hegen ; auch geht auf dem langweilig fortschneckenden Wege des Fragens und Antwortens so viel Kraft verloren ; die wackern Thebanischen Jünglinge , Cebes und Simmias , die dadurch entbunden werden sollen , fühlen sich durch die Operation so abgemattet und die so mühsam zur Welt gebrachte Frucht selbst scheint so viel dabei gelitten zu haben , - daß es mich nicht wundert , wenn die sämmtlichen Interessenten kein sonderliches Vertrauen in ihre Dauerhaftigkeit zu setzen scheinen , und sich des Zweifels , ob es auch richtig mit der Niederkunft zugegangen , nicht recht erwehren können . Wie sollten sie auch , da Sokrates selbst sich am Ende , wie es nun Ernst werden soll , mit bloßen Vermuthungen und Hoffnungen behilft , und die reine Auflösung des Problems von der Erfahrung , die er zu machen im Begriff ist , erwartet ? Es bedarf keines tiefen Nachdenkens , um zu sehen , daß über den Zustand der Seele nach dem Tode nicht eher etwas entschieden werden kann , bis erst eine befriedigende Antwort auf folgende Fragen gefunden ist : was ist unsre Seele ? - Wo und was war sie , bevor sie mit diesem Leibe verbunden wurde , ohne dessen Vermittlung sie , dermalen , weder empfinden , noch denken , noch wirken kann ? Ist diese Unentbehrlichkeit ihres Organs eine bloße Bedingung unsers gegenwärtigen Lebens ? Oder kann sie auch ohne dasselbe , als ein für sich bestehendes Wesen , fortfahren zu denken und zu wirken ? Und , wofern dieß nicht möglich wäre , kennen wir irgend ein Gesetz oder eine Veranstaltung in der Natur , vermöge deren sie wieder mit einem andern , ihrem Bedürfniß angemessenen Leibe versehen werden könnte und müßte ? Es fehlt viel , daß der Platonische Sokrates auch nur Eine dieser Fragen so beantwortet hätte , daß die Unmöglichkeit des Gegentheils augenscheinlich wäre . Gesetzt aber auch sie könnten so beantwortet werden , so wäre uns doch nur die Möglichkeit der Sache begreiflich gemacht , und es käme noch immer darauf an : ob alles Mögliche auch erfolgen müsse ? oder , ob nicht die Erfahrung der einzige Weg sey , worauf wir gewiß werden können , daß unsre Seele den Verlust ihres Organs wirklich überleben werde ? Bei dieser Bewandtniß der Sache ist klar , daß , so lange die Menschen nicht Mittel finden , den dichten Vorhang , der noch immer vor die Mysterien der Natur gezogen ist , aufzuziehen , nichts völlig Gewisses über das Fortdauern der Seele und ihren Zustand nach diesem Leben festgesetzt werden könne . Hoffnungen , Vermuthungen , Hypothesen , sind alles , womit derjenige sich behelfen muß , der sich in den Gedanken nicht beruhigen kann : alles unter der Sonne hat einen Anfang und ein Ende ; nichts besteht immer unter seiner gegenwärtigen Gestalt ; alle Naturwesen , die wir kennen , haben einen gewissen Punkt der Reife , nach dessen Erreichung sie wieder abnehmen , und endlich , indem sie in ihre ersten Bestandtheile wieder aufgelöset werden , aufhören zu seyn was sie waren . Sollte nicht auch der Mensch sich dieses allgemein scheinende Naturgesetz , wofern es wirklich allgemein wäre , gefallen lassen ? Warum nicht