seinen Händen , und sie wird als seine Erbin dereinst über ein beinahe fürstliches Vermögen verfügen . Dein Schwager hat Dir doch bestimmte Versprechungen in dieser Hinsicht gegeben ? “ „ Jawohl , “ versetzte die Baronin . „ Es geschah schon bei meiner Ankunft in seinem Hause , aber ich fürchte , dieser unglückselige Zwischenfall mit dem Assessor Winterfeld stellt das alles wieder in Frage . “ „ Der Assessor , “ meinte die Gräfin abbrechend , „ ist übrigens eine überaus gewinnende Erscheinung . Ich sagte Dir ja , daß ich ihn vor einigen Wochen auf einer Soirée kennen lernte , wo er , die Wahrheit zu sagen , den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses bildete . “ „ Der Assessor Winterfeld ? “ fragte die Baronin , halb ungläubig , halb verächtlich . „ Allerdings . Er ist ja gewissermaßen eine Berühmtheit geworden und wird im Ministerium außerordentlich protegirt . Man zieht ihn in die besten Kreise und begegnet ihm überall mit Auszeichnung . “ „ Aber das ist ja unerhört , “ rief Frau von Harder . „ Man ist doch verpflichtet , die Beleidigung des Gouverneurs von R. zu strafen , und kann unmöglich den Beleidiger auszeichnen . “ „ Es geschieht aber dennoch – und wie ich fürchte , absichtlich , aus Opposition gegen den Freiherrn . – Ich sehe überhaupt nicht ein , Mathilde , weshalb Dir und Deinem Schwager der Antrag des Assessors so unerhört erschien . Statt ihn abzuweisen und ihn dadurch zu diesem verzweifelten Schritte zu treiben , hättet Ihr ihm Hoffnung geben sollen . “ „ Hoffnung geben ? “ wiederholte die Baronin . „ Ich bitte Dich , Therese – er ist ja bürgerlich . “ „ Das ist kein unübersteigliches Hinderniß , “ erklärte die Gräfin , die sich als weltkluge , praktische Frau sehr wenig von Standesvorurtheilen beeinflussen ließ und offenbar ganz von der Persönlichkeit Georg ’ s eingenommen war . „ Wozu giebt es denn Adelsdiplome ? Raven war auch bürgerlich , als Deine Schwester sich mit ihm verlobte . “ „ Das war ein Ausnahmefall , und Assessor Winterfeld – “ „ Wird eine ganz ähnliche Carrière machen . Sieh mich nicht so erstaunt an ! Ich spreche nur die allgemeine Annahme aus . Nach jenem allerdings sehr kühnen Schritte , der die Augen des ganzen Landes auf ihn gerichtet hat , darf er nicht mehr fürchten , übersehen zu werden . Hätte er sich nun vollends noch mit einer altaristokratischen Familie , wie es die Deinige ist , verbunden , so fehlte ihm nichts mehr auf dem Wege zu einer Höhe , wie Freiherr von Raven sie erreichte . “ Frau von Harder war sehr nachdenkend geworden . Sie war gewohnt , sich dem Urtheil der ihr geistig überlegenen Freundin unterzuordnen , und nach deren Schilderung erschien ihr Winterfeld in einem ganz anderen Lichte . Es fehlte nicht viel , so regte sich wieder die Vorliebe , die sie im Anfange der Bekanntschaft für Georg hegte . Der Eintritt des Grafen Selteneck machte dem Gespräch ein Ende . Er wollte die Damen nach der Oper begleiten , hatte aber noch einen Besuch gemacht , von dem er jetzt erst zurückkehrte . Man begrüßte sich und tauschte ewige gleichgültige Fragen und Erwiderungen aus . Die Gräfin meinte , daß es nun wohl Zeit sein dürfte , aufzubrechen , und wollte nach dem Wagen klingeln , aber ihr Gemahl hielt sie zurück . „ Einen Augenblick , Therese ! “ sagte er leichthin . „ Ich möchte vorher noch eine Kleinigkeit mit Dir besprechen . Die Frau Baronin entschuldigt uns wohl auf einige Minuten . “ Die Baronin bat , sich ihretwegen nicht stören zu lassen , und der Graf trat mit seiner Frau in das Nebenzimmer . „ Was ist denn vorgefallen ? “ fragte diese unruhig . „ Ich habe Nachrichten erhalten , “ entgegnete der Graf halblaut , [ 502 ] „ die Frau von Harder sehr peinlich berühren werden . Sie betreffen ihren Schwager , den Freiherrn von Raven . “ Er hatte die Thür nach dem Salon geschlossen , aber das Zimmer hatte noch einen zweiten Ausgang , der nur durch eine Portière verdeckt war . Die Sprechenden blieben in unmittelbarer Nähe desselben stehen , gerade in dem Augenblicke , wo Gabriele eintreten wollte , um sich nach dem Salon zu begeben . Sie vernahm die letzten Worte und den Namen des Freiherrn , und das war genug , sie unbeweglich an den Platz zu fesseln , wo sie stand . Hinter der Portière verborgen , lauschte sie athemlos . „ Der Gouverneur hat doch nicht etwa seine Entlassung genommen ? “ fragte die Gräfin . „ Davon ist jetzt nicht mehr die Rede , “ sagte Selteneck . „ Wäre dem so , nun , so theilte er das Schicksal mancher hohen Staatsbeamten , die nur zeitweise vom Schauplatz abtreten . Was ich soeben bei meinem Bruder hörte , ist so ernster Natur , daß , wenn es sich bestätigt – und es stammt direct aus dem Ministerium – der Freiherr ein für alle Mal unmöglich geworden ist . “ Die Gräfin sah ihren Gemahl erschrocken an ; er fuhr in gedämpftem , aber für Gabriele deutlich vernehmbaren Tone fort : „ Die erste Zeitung von R. hat einen Artikel gebracht , der eine geradezu vernichtende Anklage gegen den Gouverneur enthält . Man sprach wohl hin und wieder davon , daß auch Raven nicht ganz unbetheiligt an der früheren revolutionären Bewegung gewesen sei , aber wie Viele haben sich damals nicht fortreißen lassen ! Das sind Jugendextravaganzen , auf die man kein Gewicht legt , wenn sie bloße Ideen bleiben . In jenem Artikel wird aber behauptet , der Freiherr sei ein Mitglied , ja einer der Führer jener Verbindung gewesen , deren Haupt man in dem Doctor Brunnow – demselben , dessen Wiederverhaftung kürzlich so großes Aufsehen machte – verurtheilt zu haben glaubte . Es wird behauptet , Raven