Galle « – am liebsten hätte sie ihm seine Schokolade vor die Füße geworfen , » dem gelben Gerippe im Fracke , weil er vor dem lieben , reinen Engel da drin so ganz niederträchtige Dinge gesagt hatte « . In dem Augenblicke , wo die Thür hinter dem Hinausgehenden schallend ins Schloß fiel , kam Liane aus der fernen Fensterecke , wohin sie sich vorhin geflüchtet , auf Mainau zugeflogen – sie ergriff seine Rechte und zog sie an ihre Lippen . » Was thust du , Liane ? « rief er , in jäher Ueberraschung die Hand wegziehend . » Du mir ? « – Dann aber ging es wie eine Verklärung über sein Gesicht , und er breitete die Arme aus – die junge Frau schmiegte sich zum erstenmal freiwillig an seine Brust . Leo stand , die Hände auf dem Rücken verschränkt , ganz blaß vor Ueberraschung ; aber so ungeniert er sonst seine Meinung herauspolterte , diesem ungewohnten Anblicke gegenüber blieb er sprachlos . Lächelnd zog ihn die junge Frau zu sich herüber , und er legte , halb in Eifersucht trotzend , halb schmeichelnd die kleinen Arme um ihre Hüfte . Diese drei schönen Menschen bildeten eine Gruppe , wie man sie zur Verkörperung des häuslichen Glückes , der süßesten Eintracht nicht anmutiger zusammenstellen konnte . » Ich werde mich doch morgen von euch beiden trennen müssen , « sagte Mainau im Tone der Entmutigung . » Nach dem Auftritte mit dem Onkel darfst du nicht hier bleiben , Liane . Ich aber kann Schönwerth nicht verlassen , bevor die offenen Fragen erledigt , die angebrochenen Kämpfe geschlichtet sind . « » Ich bleibe bei dir , Mainau , « sagte sie entschieden . Sie wußte ja , daß ihm noch niederschmetternde Enthüllungen unvermeidlich bevorstanden – in diesen schweren Momenten gehörte sie an seine Seite . » Du sprichst von Kämpfen , und ich sollte dich allein lassen ? ... Ich kann mich hier genau so isolieren wie in Wolkershausen – dem Hofmarschall brauche ich nie mehr zu begegnen – « » Einmal noch wirst du es müssen , « unterbrach er sie , indem er ihr zärtlich das schwere , wuchtige Haar aus der Stirn strich , » du hast gehört , er wird heute zu Hofe gehen , und müßte er sich › auf allen vieren hinschleppen ‹ . Ich gehe aber auch – es ist das letzte Mal , Liane – wirst du dich überwinden können , mich zu begleiten , wenn ich sich herzlich darum bitte ? « » Ich gehe mit dir , wohin du willst . « – Sie sagte das mutig , wenn auch die Flamme eines lebhaften Erschreckens über ihr zartes Gesicht hinflog . Das Herz klopfte ihr doch bang und angstvoll bei dem Gedanken , daß sie noch einmal vor die Frau hintreten sollte , die ihre ergrimmteste Feindin war , die Himmel und Erde in Bewegung setzen wollte , um sie aus ihrer Stellung zu verdrängen , ihr das Herz zu entreißen , das sich ihr gestern unter den heiligsten Beteuerungen für immer zu eigen gegeben . 23. Der Hofmarschall blieb den Tag über in seinem Zimmer – er aß allein und verlangte nicht einmal nach Leo . Die Schloßleute aber waren plötzlich wie aus den Wolken gefallen , denn der junge Herr hatte mit Leo und dem neuen Hofmeister drunten im Salon der gnädigen Frau gespeist ... Er hatte auch den Arzt aus der Stadt holen lassen und war selbst mit ihm in das indische Haus zu der Sterbenden gegangen . Auf seinen Befehl und in seinem Beisein hatte man mit lautloser Behutsamkeit die schadhaften Stellen im Plafond des verwüsteten Hauses zudecken müssen , damit kein belästigender Sonnenstrahl hereinfalle – die exotische Tierwelt , die das Thal von Kaschmir bevölkerte , war in ihre Hütten und Schlupfwinkel eingesperrt worden , und » der junge Herr « hatte die Röhre des nahen , rauschenden Laufbrunnens eigenhändig geschlossen – die scheidende Menschenseele sollte auch nicht durch das leiseste Geräusch beunruhigt werden . Diese Anstalten genügten , um das wandelbare Völkchen der Bedientenseelen sofort umzustimmen . Die sterbende Frau , die man so lange Jahre eine unnütze Brotesserin gescholten , war mit einemmal eine arme Dulderin , und weil Baron Mainau mit einem so feierlichen Ernste aus dem indischen Hause zurückgekehrt war , schwebten die Lakaien noch leiser als sonst auf den Zehenspitzen durch die Gänge , und in den Remisen wurde alles unnötige Poltern , alles Singen und Pfeifen vermieden , als ob die Sterbende im Schlosse selbst läge ... Auch Hanna ging mit rotgeweinten Augen umher . Sie hatte heute zwei merkwürdige Dinge erlebt ; einmal hatte sie durch das Schlüsselloch des Speisesalons gesehen , wie der Herr Baron » ihre Dame « geküßt hatte – und dann war sie zum erstenmal im indischen Garten gewesen . Eine Tasse Bouillon für die Löhn in den Händen , war sie in das Sterbezimmer eingedrungen – seitdem weinte sie unaufhörlich und behauptete in der Küche , sie sei hier unter lauter Barbaren und Einfaltspinseln geraten , denn niemand , die harte , grobe Löhn ausgenommen , habe sich um die arme Kranke gekümmert , die doch , das sehe der gebildete Mensch auf den ersten Blick , ein aus der Fremde hergeschlepptes Fürstenkind sein müsse . Auch Mainau hatte einen tieferschütternden Eindruck im indischen Hause empfangen . Das Antlitz , nach dessen verhüllendem Schleier er einst in brennender Neugier vergeblich die Hand ausgestreckt , und welches er dann voll Abscheu geflohen , in dem Wahn , es müsse das Kainszeichen des tiefen Falles , das Grinsen des Irrsinns in seinen verheerten Zügen tragen – es hatte vor ihm auf den Kissen gelegen , bleich , in friedlicher , unentstellter Schönheit – nicht Onkel Gisberts treulose Geliebte , nicht Gabriels Mutter – ein sündenlos sterbendes Kind , ein weißes Rosenblatt , das ein Lüftchen sanft aus dem heimischen Kelche gelöst und zum Sterben auf die Erde niedergestreut