« » Friedel ! Wenn ich nur weinen könnte ! « schrie ich auf . Aber ich konnt ' s ja nicht . » Wilhelm , bleib bei mir , was soll ich ohne dich in der Welt ! « Und dann beugte ich mich nieder und legte mein Gesicht an seine kalte Wange und küßte seinen Mund . So blieb ich lange , lange allein mit ihm , denn auch Friedel war gegangen . Ich sprach zu meinem Eberhardt flüsternd und schaute in sein liebes Gesicht , dann schnitt ich mir eine seiner Locken ab . – Das Zimmer hatte man mit Orangenbäumen geschmückt , und zahlreiche Kränze und weiße Rosen bedeckten den Toten , sie alle hatten noch gestern in voller Pracht geblüht , ja gestern noch ! » Nicht einmal einen Kranz hab ' ich für dich , mein einziger Schatz ! « flüsterte ich . » Was kann ich dir nur mitgeben in dein kühles Grab ? « Da fiel mir ein , daß Kathrin meiner Mutter noch im Sarge ein kleines Medaillon von der Brust genommen hatte , welches eine Locke enthielt , die einst die Verstorbene mir abgeschnitten , auf meine neugierige Frage hatte Kathrin erwidert , wenn man einem Toten Haare von einem Lebenden mit in die Erde gäbe , so zöge ihn der Verstorbene bald nach sich . Entschlossen nahm ich eine kleine Schere , band mein Haar auf und schnitt mit raschem Griff einen meiner langen braunen Zöpfe ab , die sein Entzücken gewesen waren . » Hier , mein Wilhelm , das ist noch besser wie Blumen « , flüsterte ich und legte die Flechte unter die Tücher auf sein Herz . – » Nun leb wohl , hab ' Dank für alles und hole mich bald ! « Ich wollte mich noch einmal niederbeugen , um ihn zu küssen , da wurde die Tür aufgemacht und mehrere Offiziere traten ein , gefolgt von dem Baron . Ich wandte mich von dem Sarge ab und schritt gesenkten Blickes aus dem Zimmer , ein paar Rosen von seinem Sarge und die Locke in der Hand . Im Begriff , die Tür zu schließen , hörte ich , wie einer der Herren fragte , wer ich sei . Der Baron sagte laut und doch mit einer gewissen Verlegenheit in der Stimme : » Die Dame , die sein Kind in Pflege hatte . « Ich nahm auch das noch hin , es schmerzte nicht , es tat mir eben nichts mehr weh . Etwas wie ein verächtliches Lächeln mochte wohl um meinen Mund gezuckt haben über dieses Ableugnen meiner Rechte seitens eines Mannes , den ich wie einen Vater geliebt hatte , und der auch mich liebte vor anderen . Sein Stolz konnte sich selbst in diesem Moment nicht verleugnen . – Dann ertönte eine andere Stimme : » Verzeihen Sie , Herr Baron , wenn diese junge Dame Fräulein Margarete Siegismund ist , so hat uns Eberhardt bereits vor längerer Zeit angezeigt , daß er sich mit ihr verlobt habe . Im Offizierkorps ist dies hinlänglich bekannt , und wir werden nachher sofort Veranlassung nehmen , der Braut unseres verstorbenen Kameraden zu kondolieren . « Ich hörte noch etwas wie beifälliges Murmeln mehrerer Stimmen , dann nahm ich mein Tuch um und wollte gehen , obgleich ich nicht wußte , wohin . Aber ich hätte um keinen Preis Beileidsbezeigungen anhören können , so herzlich sie auch gemeint sein mochten . Friedel kam und brachte mir mein Bild und die Brieftasche Eberhardts , die er aus seinem Waffenrock genommen hatte . Ich fragte ihn , ob er nicht wisse , wo ich bleiben könnte , bis das Begräbnis vorüber sei . Er nickte . » Warten Sie einen Augenblick , Fräulein . « Nach einem Weilchen kehrte er zurück , begleitet von einer korpulenten , gutmütigen Bürgersfrau , deren kleine blaue Augen von Tränen überflössen . Sie war die Wirtin vom Hause und bot mir in freundlicher Weise ein Zimmer an bis morgen abend . Dankbar nahm ich es an und saß dann still darin , in meinen Schmerz versunken . Die Nacht brachte ich auf dem Sofa zu , und am anderen Morgen früh schlich ich mich leise hinauf , um noch einmal seine lieben Züge zu sehen . Aber der Sarg war bereits geschlossen . So ging ich wieder hinunter und saß allein in dem kleinen Stäbchen , stundenlang . Da hörte ich auf einmal den taktmäßigen Schritt heranmarschierender Soldaten , Kommandoworte , das Sprechen vieler Menschen . Ich trat ans Fenster und sah die Leichenparade aufgestellt . Die Offiziere der Garnison standen leise flüsternd in der Straße . Ich lehnte mich mit der Stirn an die Scheiben und starrte hinunter auf die bunte Menge , die ihm die letzte Ehre erwies . Ich dachte , daß ich nun so allein sei , daß unter all den vielen keiner ihm so nahe gestanden hatte wie ich , und daß sich doch niemand um mich bekümmere – da öffnete sich die Tür meines Zimmers , und als ich mich umwandte , blickte ich in das alte , liebe Gesicht der Frau Renner . Ihr Arm umfaßte mich , während ich zitternd am Fenster stand und den Sarg aus dem Hause tragen sah . – Die Trommeln wirbelten , der Trauermarsch erklang und der Zug setzte sich in Bewegung . Ich aber schaute dem blumengeschmückten Sarge nach und umklammerte krampfhaft die Hände der kleinen Frau , bis er um die Straßenbiegung verschwunden war . Dann wandte ich mich um und sagte noch einmal : » Leb wohl , leb wohl – nun ist alles vorbei . « – Die kleine Frau zog mich aufs Sofa , faßte mich liebevoll um und wollte sprechen ; der Jammer ließ sie aber nicht dazu kommen . Sie weinte nur still , und so saßen wir da , während sie draußen auf dem Kirchhofe ihn einsenkten in die kahle , gefrorene Erde – mein Glück ,