überall war Leben , während des ganzen Tages alles in Bewegung . Durch die einst so stille Galerie , in die Vorderzimmer , die sonst keine Seele bewohnt , konnte niemand gehen , ohne einer zierlichen Kammerjungfer , einem eleganten Kammerdiener zu begegnen . In der Küche , in der Vorratskammer des Kellermeisters , in der Halle der Dienstboten , in der großen Eintrittshalle , – überall dasselbe Leben ; in den Salons war nur Ruhe und Frieden , wenn der blaue Himmel und der halcyonische Sonnenschein des herrlichen Frühlingswetters die Gäste in den Park hinausriefen . Selbst als das schöne Wetter zu Ende war und fortwährender Regen für einige Tage das Regiment hatte , schien das Vergnügen keine Einbuße erlitten zu haben . Die Zerstreuungen im Hause wurden nur noch zahlreicher und lustiger und mannigfaltiger , nachdem den Belustigungen draußen ein Ende gemacht worden war . Ich hörte mit Erstaunen , wie zum erstenmal eine Abwechselung in den abendlichen Vergnügungen vorgeschlagen wurde ; sie sprachen davon » Charaden aufführen « zu wollen , aber in meiner Unwissenheit verstand ich den Ausdruck nicht . Die Diener wurden hereingerufen , die Speisetische beiseite gerollt , die Kerzen und Girandoles anders plaziert , die Stühle dem Thürbogen gegenüber in einem Halbkreise aufgestellt . Während Mr. Rochester und die anderen Herren diese Veränderungen anordneten , liefen die Damen treppauf , treppab , und riefen nach ihren Kammerjungfern , Mrs. Fairfax wurde herbeigerufen , um Auskunft zu geben über die Hilfsquellen , welche das Haus an Shawls , Kleidern und Draperien aller Art zu bieten vermochte ; im dritten Stockwerk wurden gewisse Garderoben durchsucht , und die Abigails brachten ganze Arme voll Brokatschleppen , Atlasröcke , seidene Casaques , Spitzenüberwürfe und schwarze Umhüllen herunter ; dann wurde eine Auswahl getroffen , und die ausgesuchten Sachen , die dem gewünschten Zweck entsprechen konnten , wurden in das Boudoir hinter den Salon gebracht . Inzwischen hatte Mr. Rochester die Damen wieder um sich versammelt und suchte eine Anzahl von ihnen heraus , die zu seiner Abteilung gehören sollten . » Miß Ingram ist natürlich die meine , « sagte er ; später ernannte er dann noch die beiden Miß Eshton und Mrs. Dent . Dann sah er mich an . Zufällig stand ich in seiner Nähe , da ich gerade damit beschäftigt war , das Schloß von Mrs. Dents Armband , das geöffnet war , wieder zu schließen . » Wollen Sie mitspielen ? « fragte er . Verneinend schüttelte ich den Kopf . Er drang nicht weiter in mich , wie ich gefürchtet hatte , daß er es thun würde , sondern gestattete mir , ruhig auf meinen gewöhnlichen Sitz zurückzukehren . Nun zogen er und seine Helfershelferinnen sich hinter den Vorhang zurück . Die andere Abteilung , welche von Oberst Dent angeführt wurde , nahm auf den im Halbkreise aufgestellten Stühlen Platz . Als einer der Herren , Mr. Eshton , meiner ansichtig wurde , schien er vorzuschlagen , daß man mich auffordern solle mit von der Partie zu sein ; aber Lady Ingram wies diesen Vorschlag sofort zurück . » Nein , « hörte ich sie sagen , » sie sieht zu dumm aus für irgend ein Spiel dieser Art. « Es währte nicht lange , so erklang eine Glocke und der Vorhang wurde aufgezogen . Innerhalb des Thürbogens gewahrte man die große Gestalt Sir George Lynns , welchen Mr. Rochester ebenfalls gewählt hatte , in ein weißes Betttuch gehüllt . Vor ihm auf dem Tische lag ein großes , aufgeschlagenes Buch , und ihm zur Seite stand Amy Eshton , die sich in Mr. Rochesters Rock drapiert hatte und ein Buch in der Hand hielt . Eine unsichtbare Gestalt läutete eine lustig klingende Glocke ; dann kam Adele ( welche darauf bestanden hatte , zur Gesellschaft ihres Vormundes gezogen zu werden ) nach vorn und streute den Inhalt eines Blumenkorbes aus , den sie am Arm getragen hatte . Und jetzt erschien die prächtige Figur Miß Ingrams , ganz in weiß gekleidet ; ein langer , weißer Schleier wallte von ihrem Haupte , eine Guirlande von Rosen umkränzte ihre Stirn ; ihr zur Seite schritt Mr. Rochester und beide näherten sich dem Tische . Sie knieten nieder , während Louisa Eshton und Mrs. Dent , die ebenfalls in weiß gekleidet waren , hinter ihnen Aufstellung nahmen . Hierauf folgte eine stumme Ceremonie , aus welcher man leicht erriet , daß es die pantomimische Darstellung einer Trauung sei . Gegen den Schluß hin berieten Oberst Dent und seine Gesellschaft während einiger Minuten im Flüsterton ; dann rief der Oberst : » Bride ! « ( Braut ) Mr. Rochester verneigte sich und der Vorhang fiel nieder . Eine geraume Zeit verfloß , bevor er aufs neue in die Höhe ging . Die Scene , welche sich jetzt dem Auge darbot , war ungleich sorgsamer vorbereitet als die vorhergehende . Wie ich bereits erwähnt habe , schritt man über zwei Stufen von dem Speisesaal in das Gesellschaftszimmer hinauf . Auf der oberen dieser beiden Stufen stand jetzt eine große , prächtige Marmorschale , in welcher ich einen Schmuck des Gewächshauses wieder erkannte . Dort stand sie gewöhnlich von Goldfischen belebt und von seltenen exotischen Pflanzen umgeben . Sie war von enormer Größe und schwerem Gewicht und ihr Transport in die Gesellschaftsräume mußte viel Mühe und Zeit gekostet haben . Zur Seite dieses Marmorbassins saß auf dem Teppich Mr. Rochester , in Shawls gehüllt , einen Turban auf dem Kopfe . Seine dunklen Augen , die bräunliche Hautfarbe , seine heidnischen Gesichtszüge paßten ausgezeichnet zu diesem Kostüm . Er war das gelungenste Bild eines orientalischen Emirs ; der Absender oder das auserkorene Opfer eines Pfeils . Und jetzt erschien auch Miß Ingram auf der Scene . Sie hatte ebenfalls eine orientalische Tracht angelegt ; eine purpurrote Schärpe war um die Taille geschlungen ; ein reich gesticktes Tuch um den Kopf geknüpft ; ihre herrlich geformten Arme waren bloß , der eine stützte einen Krug ,