erzittern ... Sah er nicht ihr Wesen gesteigert in dem Wesen dieser Frau ? Und plötzlich sah sie sich wieder in der abendlichen Straße , die der graugelbe Nebel füllte ; sie spürte die klebrige Schmutznässe wieder unter ihren Sohlen , und in ihrem Ohr die grölende Stimme des Betrunkenen . - - Schleier zerrissen vor ihren Augen - sie verstand jetzt - erst jetzt und in diesem Augenblick klar , was sie gewagt , welchen Gefahren sie sich ausgesetzt hatte , an welchen Abgründen sie in unbefangener Mädchenwürde dahingegangen . Und sie begriff , wie er , der geliebte Mann , um sie gebangt haben mußte ! Wie tief es seine Seele verletzte , daß sie in den Schmutz hinabstieg . Und ihre Ernten ? Die ihrer Mutter ? Wo waren sie ? Man hatte gearbeitet , gesprochen , sich mit den widrigsten Verhältnissen und dem minderwertigsten Menschenmaterial abgegeben . Wußten sie denn gewiß , ob sie irgendwo dauernden Nutzen geschaffen ? Diese Fragen tauchten in ihr auf - verwirrten sie . - Ueber all das sie Bedrängende erhob sich die eine große Erkenntnis : es gibt für mich ja nur eine Aufgabe - eine ! Die , des teuren , starken , klugen Mannes Weib zu sein - im Glanz seiner Liebe als Frau zu wirken und ihm das Leben tragen zu helfen - in Arbeit und Glück . Aber vielleicht war das verloren . In eigensinnigem Schweigen hatte sie sein zärtliches verstecktes und doch so deutliches Werben hingenommen . Er konnte nicht wissen , daß sie seine Veilchen geliebkost und sich in Glückseligkeit ihrer gefreut . Er sah ja nur : sie hatte keines von den Sträußchen an ihrem Kleid befestigt . Hätt ' ich das doch getan - wenigstens das , dachte sie in leidenschaftlicher Reue vergehend . Es wäre doch wie ein Zeichen gewesen . Es hätte ihn vielleicht versöhnt . - Mußte er nicht ganz zurückgestoßen sein ? Jetzt - nach diesen Stunden . Saß sie nicht da , in Reih ' und Glied mit der anmutlosen Frau , aus deren Mund die unkeuschen Worte und die grellen Anklagen kamen ? Mußte er nicht denken , daß sie die Gesinnungsgenossin dieser vor Zorn schäumenden Sprecherin war , die doch tat , als spräche sie im Geist und Namen aller anwesenden Frauen ? Und wieder hörte Marieluis mit Entsetzen : Worte wurden hinausgerufen mit wildem Pathos . Worte , die sie selbst zuweilen ausgesprochen . Ansichten , für die sie gegen den Geliebten in eifriger Rede gefochten . - - Er mußte sich doch daran erinnern - jetzt - hier . Und er mußte glauben : sie sei eins mit der Rednerin . Anders konnte es nicht sein . Ah , mit welcher Kälte , mit welcher Feindseligkeit sich sein Herz nun füllte . Darin konnte keine Liebe weiterleben . Sie litt . Sie fühlte : es ist aus ! Er geht von dieser Stätte und meidet mich für immer - über diese Stunden kommt er nicht weg - vor seiner Erinnerung sitz ' ich nun ewig neben Doktor Marya Möller - eine Kämpferin gleich ihr - aller weiblichen Zartheit entkleidet . Ich habe ihn verloren . - - Wenn nur dies alles ein Ende nähme - wenn sie nur hätte fliehen können . - - Aber die Stimmen erhoben sich immer neu . Marieluis empfand jede wie einen Schmerz - alles zerrte an ihren Nerven . Sie dachte zuletzt wie gehetzt : Ich kann nicht mehr - ich will fort ... Fassungslos war sie und hatte die Empfindung , als werde sie hier gefoltert , und alle lächelten höhnisch dazu - und am meisten er - er ! Dort saß er . Unklar sah sie das geliebte männliche Gesicht - die offenen Züge - das Gesicht eines Mannes , der immer wußte , was er wollte ... Sie dachte , noch kaum Herrin ihrer selbst : Und wenn Mama es mir nie verzeiht ! - - - Und zugleich erhob sie sich - ohne zu fühlen , daß sie Auffälliges täte . Sie dachte nicht an den Saal , an all diese Menschen , die sich fragen mußten : Was tut sie ? - Warum steht sie auf ? - Ist ihr nicht wohl ? Nichts . Nur an dieses eine : Ich kann nicht mehr so dasitzen vor seinen Augen - seinem Spott - seiner Feindseligkeit . - - Sie wußte nicht , daß sie mit unsicheren Schritten ging . Sie kam an die Tür - öffnete - da waren ein paar Stufen - sie führten hinauf in das Zimmer , wo Künstler oder Vortragende sich aufhielten , bis das Podium rief . Nun war es leer , ganz leer . Welche Wohltat , welche Erlösung . Sie setzte sich in einen der tiefen Lehnstühle , die einen großen runden Tisch umstanden . In ihrem Kopf brauste Lärm - hunderttausend Marya Möllers keiften durcheinander . Sie war nicht ohnmächtig - aber in einer Schwäche , die ein Uebermaß von tödlicher Traurigkeit - von Hoffnungslosigkeit - von grenzenloser Angst war , legte sie ihre Arme verschränkt auf den Tisch und neigte ihr Gesicht in dies Versteck hinab . - Sie weinte nicht . Ihr war , als fragten Stimmen in ihr - lautlose und doch so furchtbar eindringliche Stimmen : Ist nun alles aus ? Vorbei ? Verloren ? Und andere Stimmen schienen zu rufen : Ja - verloren . Ihr Wahn , mit ihren schwachen , reinen Mädchenhänden den Schmutz aus der menschlichen Gesellschaft hinwegräumen zu können , war verflogen . Und zugleich wußte sie : dieser Wahn hatte sie ihr Glück gekostet ... Oede war das Leben geworden . Wie sollte man es weiter tragen ? Sie horchte , matt vor Zerschlagenheit , immerfort , wie ihr Blut schwer rauschte und in den Schläfen hämmerte . Und darüber hörte sie nicht , daß eine Tür sich öffnete - Sie schrak auf : eine Hand legte sich auf ihr Haar - eine Hand