Stille um uns her . Wir konnten nichts thun , als warten . Es verging wohl über eine halbe Stunde ; da sahen wir , daß die bisherige Starre im Gesicht des Hadschi weichen wollte . Die Mumienähnlichkeit begann , sich zu verlieren , obgleich von einer eigentlichen Wiederbelebung der Züge noch nicht gesprochen werden konnte . Jetzt bewegte er die Lippen , doch wir hörten nichts . Es war zu bemerken , daß seine Augapfel sich unter den geschlossenen Lidern regten . Es gab in ihm eine Anstrengung , welche vergeblich nach dem Erfolge rang . Hierauf zuckten seine Arme und Beine unter der Decke ; es ging ein Leben durch seinen ganzen Körper , und fast schreiend erklangen die Worte : » Sihdi - - Sihdi - - bist du bei mir ? « Ich sage , » fast schreiend « , aber es war doch kein eigentliches Schreien , nicht einmal ein Rufen , auch nicht das , was man » laut « zu nennen pflegt . Und doch klang es so deutlich , so heftig , so todesängstlich ! Man hörte dieser Stimme die außerordentliche Schwäche an , und trotzdem war sie im fernsten Winkel der Halle zu vernehmen . » Ich bin hier , « antwortete ich . » Sag , wie heiße ich ? « » Du bist mein Freund Halef Omar . « » Der Scheik der Haddedihn ? « » Ja . « » Ich liege bei den Dschamikun ? « » Ja . « » Bin ich noch krank ? « » Jetzt noch ; bald aber wirst du gesunden . « » Du bist Kara Ben Nemsi ? « » Ja . « » So staune ! Ich weiß , was sterben heißt ! « » Sag es mir ! « » Nicht jetzt . Das Sprechen fällt mir schwer . Sihdi , hast du nicht Glocken hier gehört ? « » Ja , die Glocken des Gebetes . « » Laßt sie läuten ; laßt beten , daß ich leben bleibe . - Ich will zurück zu Hanneh , meiner Seele . Sie ist - - - « Er hielt inne . Sein Gesicht bekam zum erstenmal wieder einen Ausdruck , nämlich den der Spannung . Er suchte in sich nach . Dann fuhr er fort , so langsam , als ob er die Worte mühsam aus der Ferne herbeiholen müsse : » Wie ist mir denn ? - - - habe ich nicht - - - meine Hanneh - - - hier gesehen ? - - - Saß nicht auch - - - - Kara , mein Sohn - - - bei mir - - - an diesem Lager ? - - - Ich hatte nicht - - - meine Augen - - - sondern andere . - - - Mit diesen Augen - - - sah ich meine - - - - meine eigene Leiche . - - - Bei ihr saß Hanneh - - - wie ein Mann gekleidet - - - hier , hier - - - zu meiner rechten Hand - - - - Ich kann den Kopf nicht wenden - - - - die Augen nicht öffnen - - - sie nicht sehen - - - und doch , und doch - - - Hanneh , Hanneh - - - mein Glück und meine Retterin - - - ich weiß - - - du bist bei mir ! « Da war es für einen Augenblick um ihre ganze Selbstbeherrschung geschehen . Sie stieß einen fast überlauten Schrei aus , sprang empor und rief : » Allah , ich danke dir ! Fast wäre ich erstickt vor lauter Qual und Herzeleid ! Nun aber kann ich wieder atmen , denn ich weiß , daß mein Geliebter nicht sterben , sondern leben wird . Du , Allbarmherziger , hast ihn mir zurückgegeben ! « Wir hatten während dieser ihrer Worte nur auf sie geschaut und nicht auf Halef gesehen . Nun aber staunten wir über die Wirkung , welche der Klang ihrer Stimme auf ihn hervorgebracht hatte . Er bewegte den Kopf ; seine Züge hatten Leben bekommen ; seine Augen waren geöffnet und mit dem Ausdrucke des Entzückens auf Hanneh gerichtet . Kara war auch aufgestanden ; er trat an die Seite seiner Mutter . Halef sah ihn neben ihr . Da konnte er plötzlich auch die Hände bewegen . Er faltete sie und sprach : » Auch du bist hier , mein Liebling ? Ich bin nicht gestorben und habe doch die Seligkeit , den ganzen , ganzen Himmel hier bei mir ! « Hierauf schloß er die Augen . Mutter und Sohn knieten bei ihm nieder . Sie nahmen seine Hände und sprachen ihre überquellende Liebe in zärtlichen Worten aus . Er antwortete nicht . Da erklangen über uns die Glocken , denn einer der an der Thür stehenden Dschamikun war , sobald Halef diesen Wunsch ausgesprochen hatte , fortgegangen , um ihn zu erfüllen . Der Kranke hörte es und lächelte . Jetzt beteten Tausende für ihn . Wir hier in der Halle auch . Er schlief indessen ein . Mit ihm auch noch ein anderer , nämlich ich . Das war nach den Anforderungen , welche dieser Abend an mich gestellt hatte , gar nicht verwunderlich . Ich wurde so plötzlich von einer ganz unwiderstehlichen Müdigkeit befallen , daß mein aufrecht sitzender Oberkörper den Halt verlor . Ich fiel um . Man trug mich nach meiner duftenden Veilchenecke , in welcher ich einen so langen und tiefen Schlaf that , daß , als ich am nächsten Tag von ihm erwachte , die Sonne sich fast schon wieder zum Untergange neigte . Ich fühlte sogleich , daß diese lange Ruhe mich außerordentlich gekräftigt hatte . Wer saß bei mir , als ich die Augen öffnete ? Hanneh ! Sie hatte einen mitgebrachten Frauenanzug angelegt . Als sie sah , daß meine Augen offen und auf sie gerichtet waren , reichte sie