plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster , an dem Agathon saß . » Er ist ertrunken ! « schrie eine andere , und » im See ertrunken ! « eine dritte Stimme . Agathon erhob sich , fiel aber gleich darauf wie ein Stock zu Boden . Der angebrochene Morgen sah das Landvolk in hellen Scharen gegen das königliche Schloß ziehen , und man erfuhr , daß die Leiche des Königs erst vor einer Stunde im See aufgefunden worden war . In allen Dörfern der Umgegend läuteten die Glocken . Tausende von Bauern standen am Ufer und vor dem Schloßpark . Viele schrien um Einlaß , und als niemand erschien , erbrachen sie das Tor . Eine furchtbare Erregung hatte die Gemüter ergriffen ; mit Sensen , Knütteln , Schaufeln und Hacken organisierten sich ganze Haufen , um nach der Hauptstadt zu ziehen und die Residenz zu stürmen . Am Mittag rückten einige Regimenter Infanterie aus der Stadt , um die Ordnung herzustellen . Ein hünenhaft gebauter Kerl , der sich auf unerklärliche Weise den Wortlaut einer Proklamation verschafft hatte , die des Königs letzte Niederschrift war , lief damit von Dorf zu Dorf , von Weiler zu Weiler , von einem Wirtshaus ins andere , und wurde nicht müde , sie aus der Abschrift immer wieder in einer rührenden und schlichten Weise vorzulesen . Diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste , was jemals die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen . Sie ist unbekannt geblieben , und es gab Gründe , ihre Verbreitung nicht zu wünschen . Ihre Sprache war einfach und klar , jedes Wort ein Bekenntnis , eine Klage , eine Anklage . Sie war von einer bitteren Ruhe diktiert , und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und niemals ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet , als durch die Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments , das auf dem Thron entstanden war . In der Stadt waren alle Beziehungen der Gewerbe und des Handels gelöst . Kaufhäuser und Schulen , Krämereien und Fabriken waren geschlossen . Trauerfahnen wehten , vierundzwanzig Stunden lang tönten ununterbrochen die Glocken in einem niederdrückenden Konzert . Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Straßen und Kirchen ; an den Fenstern sah man heulende Weiber ; aber auch Männer schämten sich nicht zu weinen . Der König , der seit fünfzehn Jahren sich nicht mehr öffentlich gezeigt , dessen Leben für alle ein Geheimnis war , dessen Stolz bis zur Schroffheit ging , dessen Menschenverachtung am Hof gefürchtet war , er hatte die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem Maße genossen . Agathon ging durch die Straßen der Stadt , einsam und verlassen . Er fühlte sich krank und wund . Ihm schien es vergeblich , zu leben , zu fühlen , zu wollen wie er gelebt , gefühlt , gewollt . Ihm war , als trage er sein Herz ausgebrannt in der dunklen Brust und in einem andern , zermalmenderen Sinne nahm er an der Trauer des Volkes teil . Da ging er an einem Haus vorbei , in dessen Erdgeschoß ein Fenster offen stand . Verdrossen und trotzig blieb er stehen , und nach einer Weile blickte er hinein in ein ärmliches Zimmer . Drei Kinder saßen darin und spielten , drei schöne Kinder . Sie spielten ein gewöhnliches Spiel und waren allein . Aber wie sie sich dabei benahmen , wie sie nicht etwa jauchzten , sondern innig froh waren , wie ihre Augen glänzten , wie sie miteinander und mit sich selbst zufrieden und befriedigt waren von dem Gang des Spiels , das sich doch wenig unterschied von allen Spielen aller andern Kinder , darin lag etwas so Warmes , Gutes und Befreiendes , es stand in so leuchtendem Gegensatz zu der Welt da außen , daß es wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart berührte . Daher atmete Agathon tief und lange auf ; sein Körper begann zu zittern wie unter Wellenschlägen neuen Lebens , und lächelnd setzte er seinen Weg fort . Neunzehntes Kapitel Sommer und Sommerwinde ! Blüten an allen Ecken der Welt ! Ein tiefes Grün auf den Feldern , die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den Bäumen des Waldes ! Flockige Wolken , die wie Schiffe über den strahlenden Himmel ziehen , und Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken ! » Ich wußte , daß Sema Hellmut dem Tod verfallen war , « sagte Agathon zu Monika , als sie vom Vestnerwald herab gegen Zirndorf wanderten . » Er ist mit dem frühen Tod geboren worden . « » Mit dem Tod geboren ? « fragte Monika , leise staunend . » Ja . Er war schon zu alt , als er geboren wurde . Seine Seele hat Jahrtausende gelebt , eine echte müde Judenseele . « Sie schwiegen lange . An einer einsamen Stelle im Feld blieb Monika stehen , umarmte Agathon mit leidenschaftlicher Bewegung und stammelte : » Wie dank ich dir , daß du mich liebst . Du hast mir das Leben wiedergeschenkt , Agathon . Du hast es nicht geachtet , daß ich gesündigt habe , du bist groß und mutig , Agathon . « » Es ist kein Zufall , daß alles so gekommen ist , Monika . Nun bist du eine Kämpferin geworden . Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg , sondern du gehst vor der Zeit einher . « » Und was willst du tun jetzt , Agathon ? « » Warten . Ich will den Acker meines Vaters bestellen . Für mich und dich wird es Brot geben . Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch . « » Warten , Agathon ? Worauf ? « Agathon schüttelte lächelnd den Kopf . Als es Abend war , standen sie im Garten und bewunderten die farbigen Gluten des Himmels . Monika stand unter einem Apfelbaum und wiegte ihr Kind im Arm . Esther saß singend mit Mirjam vor dem Tor , Frau Olifat und Frau Jette unterhielten sich flüsternd auf