hätten . Aber ich glaub es nicht ; die Zeit wird nicht Zeit dazu haben . Ich bin nicht Arzt , und vor allem verzicht ich darauf , in Herz und Seele lesen zu wollen . Trotzdem , soviel seh ich klar , wir treiben einer Katastrophe zu . Man kann glücklich leben , und man kann unglücklich leben , und Glück und Unglück können zu hohen Jahren kommen . Aber diese Resignation und dieses Lächeln - das alles dauert nicht lange . Das Licht unseres Lebens heißt die Freude , und lischt es aus , so ist die Nacht da , und wenn diese Nacht der Tod ist , ist es noch am besten . « Eine Woche später war eine kleine Festlichkeit auf Holkenäs , nur der nächste Freundeskreis war geladen , unter ihnen Arne und Schwarzkoppen , auch Petersen und Elisabeth . Man saß bis Dunkelwerden im Freien , denn es war trotz vorgerückter Jahreszeit eine milde Luft , und erst als drinnen die Lichter angezündet wurden , verließ man den Platz unter der Halle draußen , um in dem großen Gartensalon zunächst den Tee zu nehmen und dann ein wenig zu musizieren . Denn Asta hatte sich während ihrer Pensionstage zu einer kleinen Virtuosin auf dem Klavier ausgebildet , was , seit sie zurück war , zu fast täglichen Begegnungen und Übungsstunden mit Elisabeth geführt hatte . Heute nun sollte dem innerhalb der nächsten Tage aus seiner Arnewieker Stellung scheidenden Schwarzkoppen zu Ehren mancherlei Neues zum Vortrag kommen , und als das Hin- und Herlaufen der Dienerschaften und das Geklapper des Teegeschirrs endlich ein Ende genommen hatte , begannen beide Freundinnen ziemlich hastig in der Musikmappe zu suchen , bis sie , was sie brauchten , gefunden hatten , nur zwei , drei Sachen , weil Holk alles Musizieren als eine gesellschaftliche Störung ansah . Das erste , was zum Vortrag kam , war ein Lied aus Flotows » Martha « , woran sich das Robert Burnssche » Und säh ich auf der Heide dort « unmittelbar anschloß , und als die letzten Zeilen auch dieses Liedes unter allseitigem Beifall verklungen waren , kündete Asta der immer aufmerksamer gewordenen Zuhörerschaft an , daß nun ein wirkliches Volkslied folgen solle ; denn Robert Burns sei doch eigentlich auch nur ein Kunstdichter . Schwarzkoppen bestritt dies entschieden und sah sich dabei von seiten Arnes unterstützt , der , in seiner Eigenschaft als Oheim , hinzusetzen durfte : » das sei so moderner Pensionsgeschmack « , und einmal im Zuge , wär er sicher noch weiter gegangen und hätte der derartig herausfordernden Bemerkungen noch mehrere gemacht , wenn nicht Holk im selben Augenblicke mit der wiederholten Frage , wie das vorzutragende Volkslied denn eigentlich heiße , dazwischengefahren wäre . » Das Lied heißt gar nicht « , antwortete Asta . » Unsinn . Jedes Lied muß doch einen Namen haben . « » Das war früher so . Jetzt nimmt man die erste Zeile als Überschrift und macht Gänsefüßchen . « » Jawohl « , lachte Holk . » Gänsefüßchen ; das glaub ich . « Und nun schwieg der Streit , und nach einem kurzen Vorspiel Astas begann Elisabeth mit ihrer schönen , dem Text wie der Komposition gleich angepaßten Stimme : » Denkst du verschwundener Tage , Marie , Wenn du starrst ins Feuer bei Nacht ? Wünschst du die Stunden und Tage zurück , Wo du froh und glücklich gelacht ? Ich denke verschwundener Tage , John , Und sie sind allezeit mein Glück , Doch die mir die liebsten gewesen sind , Ich wünsche sie nicht zurück ... « Als dies Lied schwieg und gleich danach auch die Begleitung , eilten alle , sogar Holk , auf den Flügel zu , um Elisabeth , die verlegen die Huldigungen in Empfang nahm , ein freundliches Wort zu sagen . » Ja « , sagte Asta , die sich des Triumphes der Freundin freute , » so schön hast du ' s noch nie gesungen . « Alle wünschten denn auch die Strophe noch einmal zu hören , und nur eine war da , die sich dem Wunsche nicht anschloß , weil ihr inmitten des allgemeinen Aufstandes nicht entgangen war , daß Christine , ganz so wie vor zwei Jahren bei Vortrag des schwermütigen Waiblingerschen Liedes , den Salon in aller Stille verlassen hatte . Die , die dies wahrnahm , war natürlich die Dobschütz , der zugleich ein Zweifel kam , ob sie der Freundin folgen solle oder nicht . Zuletzt entschied sie sich dafür und stieg die Treppe hinauf , um Christine in ihrem Schlafzimmer aufzusuchen . Da saß sie denn auch , die Hände gefaltet , die Augen starr zu Boden gerichtet . » Was ist dir , Christine ? was hast du ? « Und die Dobschütz kniete vor ihr nieder und nahm ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen und Tränen . » Was hast du ? « wiederholte sie ihre Frage und sah zu ihr auf . Christine aber , während sie die Hand aus der Hand der Freundin löste , sagte leise vor sich hin : » Und die mir die liebsten gewesen sind , Ich wünsche sie nicht zurück . « Vierunddreißigstes Kapitel Eine Woche war vorüber seitdem . Es war eine milde Luft , und wäre nicht der wilde Wein gewesen , der sich mit seinen schon herbstlich roten Blättern um einzelne Säulen von Schloß Holkenäs emporrankte , so hätte man glauben können , es sei wieder Johannistag und das schöne Fest , das ein Vierteljahr vorher ganz Angeln mit begangen hatte , werde noch einmal gefeiert . Denn nicht nur lag es hell und beinahe sommerlich , wie damals bei der Wiedertrauung des gräflichen Paares , über Schloß und Park , auch die lange festliche Wagenreihe , die heute , genau wie am Tage der erneuten Trauung , zahlreiche Gäste gebracht hatte , war wieder da . Dazu klangen auch die Glocken wieder weit ins Land hinein