ich der Überzeugung lebe , seine Buße habe seine Schuld gesühnt : Hoffnung läßt nicht zuschanden werden . Eines verehrlichen Kirchen- und Gemeindevorstandes zu Wolfshau ( Krummhübel ) ganz ergebenster Obadja Hornbostel , Prediger und Vorstand der Mennonitengemeinde zu Nogat-Ehre , Indian-Territory . U. St. « Siebenunddreißigstes Kapitel Es war grad am Johannistage , daß dieser Brief Obadjas in Krummhübel eintraf und , nach einigem Schwanken , wer denn eigentlich als Adressat anzusehen sei ( denn es gab keinen Kirchen- und Gemeindevorstand von Wolfshau ) , von dem neuen Arnsdorfer Pastor unter Herzuziehung von Exner und Gerichtsmann Klose geöffnet und gelesen wurde . Selbstverständlich in großer Aufregung , an der alsbald das ganze Dorf teilnahm , vor allem die Wolfshauer . Wer irgend konnte , nahm Abschrift von dem Brief , auch Exner und Klose , da das Original zu den Akten mußte . Das war am Johannistag 1885 . Drei Tage später kam auf der Krummhübler Chaussee , von Schmiedeberg her , ein Zweispänner herauf , hinten mit einem auf die Pritsche geschnallten großen Reisekorb , vorn aber mit einem obeliskartig aufgerichteten Lederkoffer . Halb in Deckung dieses Koffers , und zugleich Schulter an Schulter mit dem Kutscher , saß ein kleiner Herr in einem modischen , grau-und braunmelierten Reiseanzug und sprach dann und wann lebhaft in den mit drei Damen besetzten Fond des Wagens hinein . Alle schienen heiter und ausgelassen . Aber wer sie waren , ließ sich nicht deutlich erkennen , da sich die Damen mit ihren Sonnenschirmen und der kleine Herr sogar mit einem graukattunenen Regenschirm gegen die Sonne schützten . Eins nur war gewiß , sie konnten nicht fremd an dieser Stelle sein ; das sah man an ihren Bewegungen und lebhaft vorgestreckten Zeigefingern , wenn sie den einen oder anderen Punkt wiedererkannten . So kamen sie bis an den ziemlich steilen Abhang , der von der Untermühle her zum Dorfe hinaufführt , und bogen nach Passierung dieser von allen Hauderern und Lohnkutschern gefürchteten Stelle glücklich , an der Schmiede vorüber , in die Dorfstraße ein . Und nun hielten sie vor der » Schneekoppe « , wo sie schon erwartet zu werden schienen , denn alles stand in der Tür , um sie zu begrüßen , auch Marie , die seit den mittlerweile verflossenen sieben Jahren noch etwas korpulenter , aber , trotz aller Korpulenz , nur eleganter und hübscher geworden war . Endlich wurden auch die Schirme zugeklappt , die rotseidnen wie der kattunene , und jeder sah nun , daß es Espes waren . Ja , es waren Espes , die , nach Begrüßung der gesamten Exnerfamilie , sofort auf die offene Halle zuschritten und hier an ihrem Stammtische Platz nahmen . » Nun , Marie , da sind wir wieder . Alles unverändert ; herrlich ! Und Sie selber ! Immer jünger geworden ... Wenn ich Sie bitten darf , Marie : vier Schnitzel und zwei Kulmbacher . Und zwei Himbeerlimonaden ... Oder haben die Damen vielleicht andere Befehle ? Geraldine , vielleicht Mosel und Erdbeeren ? « Espe sagte das alles sehr forsch und zeigte sich überhaupt verwandelt , sogar in seiner Haltung seiner Frau gegenüber , was ihm gut stand und als ein Resultat der großen Ereignisse der letzten zwei Jahre - er war » Geheimer « geworden - angesehen werden konnte . Das eigentlich Ausschlaggebende lag aber erst ganz kurze Zeit zurück und bestand darin , daß ihm , beim letzten Ordensfeste , die dritte Klasse behändigt worden war , bei welcher Gelegenheit ( ein Glück kommt nie allein ) der an ihn herantretende Kronprinz mit der ihm eignen Freundlichkeit gesagt hatte : » Was Tausend , Espe , auch hier ? Wie geht es ? Freue mich sehr « - Huldbeweise , zu denen sich bei Geraldine nach und nach die ganz richtige Betrachtung gesellt hatte , daß das Eheliche , bei maßvollen Ansprüchen , eigentlich angenehmer und besser als das » ewige Gehabe « sei , das , bei Lichte besehen , wenig Vergnügen und bloß viel Klatschereien einbringe . Sie lachte jetzt mitunter über die zurückliegenden Zeiten und sagte , wenn sie mit Espe , während Selma den Tee machte , eine Partie Besique oder Rabouge spielte : » Espe , du könntest mir wohl mal einen Kuß geben . « Das tat er denn auch und war glücklich über seine verbesserte Stellung , seine Frau und seine Kinder , die , beiläufig , seit sie groß und erwachsen waren , ihrem Namensgeber womöglich noch unähnlicher sahen als früher . Im übrigen hatte er , wie alle Leute , die mit vierzig schon fast wie Siebziger aussehen , nicht im geringsten gealtert und war beinah lebhafter und gesprächiger als früher . » Ach , da ist ja auch der Springbrunnen « , wandte er sich an die beiden Töchter . » Und da der Mittagsstein . Und da die Koppe . Sieh nur , Selma , wie scharf profiliert ; welche Silhouette ! « Die Mädchen kicherten , weil sie die Schwäche des Vaters kannten , auf Reisen und an öffentlichen Orten immer zu Fremdwörtern zu greifen , waren aber sonst , was die » Silhouette « betraf , ganz derselben Meinung und suchten ihrerseits nach den Teichrändern und ob man , bei dem klaren Wetter , vielleicht die Schneegruben und die Große Sturmhaube sehen könne . In dieser Weise setzte sich das Gespräch fort und ward erst unterbrochen , als Marie mit dem Tablett kam und die Couverts aufstellte , wie sich denken läßt , mit besonderer Artigkeit gegen die Rätin , deren dominierende Stellung ihr aus früherer Zeit her noch sehr wohl in Erinnerung war . Ebenso fand sie für die Fräuleins , die , weil beide sehr hübsch , seit lange schon ein Gegenstand hochfliegendster mütterlicher Pläne waren , die allerschmeichelhaftesten Worte . Marie verstand das . Espe selbst wurde bei diesem Tischgespräch nur gestreift , was darin seinen Grund hatte , daß er - sonst ein guter und freudiger Esser