gegenüber und benutzen diese Dinge zur verhundertfachten Entfaltung unserer Wildheit ... Daß mich lauter solche Gedanken quälen mußten , während ich an den Stationen auf das Weiterfahren unseres Zuges wartete - das vertiefte und verbitterte noch mein Leid . Ich beneidete fast Jene , die da nur in naivem Schmerze die Hände rangen und weinten , die sich nicht im Zorn aufbäumten gegen die ganze Schauerkomödie - die Niemanden anklagten , nicht einmal jenen » Herrn der Heerschaaren « , von dem sie doch glaubten , daß er es sei , der das hereingebrochene Unglück über sie verhängt ... Es war spät abends , als ich in Königinhof anlangte . Meine Reisegefährten hatten an einer früheren Station bleiben müssen . Ich war allein - in Furcht und Bangen . Wie , wenn Doktor Bresser verhindert worden wäre , zu kommen ? Was sollte ich dann hier beginnen ? Zudem war ich von der Fahrt wie gerädert , von den durchgemachten Trauer- und Schauerempfindungen ganz entnervt . Wäre nicht die Sehnsucht nach Friedrich gewesen , so hätte ich mir nur noch den Tod gewünscht . Sich hinlegen können und einschlafen und nie wieder erwachen in einer Welt , in der es so grausam und wahnsinnig zugeht ! ... Nur eins nicht : am Leben bleiben und Friedrich unter den Vermißten wissen ! Der Zug hielt . Mühsam und zitternd stieg ich aus und nahm mir mein Handgepäck herab . Ich führte ein Handkofferchen bei mir , mit etwas Wäsche für mich und Charpie und Verbandzeug für den Verwundeten ; außerdem eine Reise-Toilettentasche . Die hatte ich so gewohnheitsmäßig mitgenommen , in dem anerzogenen Glauben , daß man gar nicht sein könne , ohne die silbernen Büchsen und Kapseln , die Seifen und Wasser , die Bürsten und Kämme . Reinlichkeit - diese Tugend des Körpers , dasselbe , was Ehrlichkeit für die Seele - diese zweite Natur des Kulturmenschen : wie mußte ich jetzt erst erfahren , daß darauf in solchen Zeiten ganz verzichtet werden muß . Nun ja - es ist ja nur folgerichtig : der Krieg ist die Verneinung der Kultur , also müssen durch ihn alle Errungenschaften der Kultur wegfallen ; ein Rückschlag in die Wildheit ist er , also muß er alles Wilde im Gefolge haben - darunter auch jenes , dem Edelmenschen so furchtbar verhaßte Ding : den Schmutz . Die Kiste mit Material für die Spitäler , die ich in Wien für Doktor Bresser besorgt hatte , war mit den anderen Kisten des Hilfskomitees aufgegeben worden - wer weiß wann und wo dieselbe abgeliefert würde ? Ich hatte nichts bei mir , als meine zwei Stück Handgepäck und ein umgehängtes Geldtäschchen , welches mit einigen Hundertgulden-Noten gefüllt war . Schwankenden Schrittes ging ich über die Schienen nach dem Perron . Dort herrschte , trotz der späten Stunde , dasselbe Gewühle , wie auf den anderen Stationen , und immer dasselbe Bild : Verwundete - Verwundete . Nein , nicht dasselbe Bild : ärger noch . Königinhof war ein Ort , der mit diesen Unglücklichen überfüllt war ; es gab im ganzen Ort keinen unbelegten Raum , und nun hatte man die Kranken scharenweise zur Eisenbahn gebracht , wo sie , ganz notdürftig verbunden , überall umherlagen , auf der Erde , auf den Steinen ... Es war eine finstere , mondlose Nacht ; der Schauplatz war nur durch drei oder vier an Pfählen befindliche Laternen beleuchtet . Erschöpft und schlaf- , beinahe todesschlafbedürftig , sank ich auf die freie Ecke einer Bank und legte mein Gepäck vor mir auf den Boden . Ich hatte vorerst nicht den Mut , mich umzusehen , ob unter den vielen Menschen , die hier geschäftig hin und her schossen , auch Doktor Bresser sei . Fast war ich überzeugt , daß ich ihn nicht finden würde . Es gab ja zehn Chancen gegen eine , daß er verhindert worden zu kommen , oder daß er zu einer anderen als zur bezeichneten Stunde hier einträfe ; einen regelmäßigen Verkehr gab es ja überhaupt nicht mehr : mein Zug war gewiß viel später eingetroffen , als in der Fahrordnung verzeichnet stand . Ordnung : auch ein Kulturbegriff - mit dem war ja ringsum gleichfalls gebrochen ... Mein Unternehmen erschien mir jetzt als ein wahnwitziges . Dieses vermeintliche Rufen Friedrichs - glaubte ich denn sonst an derlei mystische Dinge ? - es entbehrte sicher aller Begründung . Wer weiß - vielleicht war Friedrich auf dem Weg nach Hause - vielleicht auch tot - warum suchte ich ihn hier ? Eine andere Stimme begann jetzt nach mir zu rufen , andere Arme breiteten sich mir entgegen : Rudolf , mein Sohn - wie würde der nach der » Mama « gefragt haben und nicht haben einschlafen können , ohne den mütterlichen Gutenachtkuß ... Wohin würde ich mich hier wenden , wenn ich Bresser nicht fände ? Und die Hoffnung , ihn zu finden , war mir plötzlich so gering geworden , wie unter hunderttausenden von Losen die Hoffnung auf einen Haupttreffer . Zum Glück hatte ich mein Täschchen mit dem Gelde - der Besitz von Banknoten bietet immer Auskunftsmittel . Unwillkürlich griff ich an die Stelle , wo das Täschchen hängen sollte ... Großer Gott ! Der Riemen , an welchem es befestigt gewesen , abgerissen - das Täschchen fort - verloren ! ... Welcher Schlag ! Und doch , ich brachte es zu keiner Anklage gegen das Schicksal ; ich vermochte nicht , zu jammern : » Zufall , wie hart triffst du mich , « denn in einer Zeit , wo rings das Unglück hagelte , über das eigene Unglückchen klagen , da hätte man vor sich selber sich seiner Selbstsucht schämen müssen . Und zudem : für mich gab es nur eine schreckliche Möglichkeit : Friedrichs Tod - alles Andere war nichts . Ich musterte alle Anwesenden : kein Doktor Bresser . Was nun beginnen ? An wen mich wenden ? Ich hielt einen Vorübergehenden an : » Wo kann