Und augenblicklich war es ihm gewiß auch nur günstig , wenn diese Dame , die ihm einen Dienst leisten sollte , stärkere Sympathien für ihn hegte . Adam wurde ganz ruhig und sicher . Mit klarer Stimme begann er : » Ich bin gekommen , gnädige Frau , Sie um eine Gefälligkeit zu bitten - « » Und die wäre - ? « fragte Lydia , neugierig und erstaunt zugleich . So redet doch kein Mann , der um eine Frau ... um eine Frau , die er ... die er - liebt - - - Nun wollten die Worte dem Herrn Doctor doch nicht so glatt über die Lippen schlüpfen . Er zauderte , er hustete verlegen , er athmete kurz , gepreßt , eine Reihe von Wendungen und Fassungen schwirrte ihm durch den Kopf , er prüfte sie mechanisch , indem er sie sich leise objectivirte , er konnte sich nicht entscheiden , er war nicht im Stande , die prägnanteste Fassung herauszufinden . Schließlich stotterte er halblaut , nur einige Silben durch eine unnatürliche Betonung scharf heraushebend : » Es ist mir doch peinlich , gnädige Frau - ich weiß nicht , wie Sie meine Bitte auffassen werden - - « » Schießen Sie doch nur los , Herr Doctor - wir werden ja sehen - wenn ich irgend im Stande bin - - « Adam erinnerte sich plötzlich , daß er im Namen der Armuth um die Hülfe des Reichthums werben sollte , daß er dazu eine heilige Berechtigung besäße - er wußte , daß nur das tiefeingewurzelte Bewußtsein von dem Egoismus , der Engherzigkeit und Kleinlichkeit der Menschen , mit denen er allenthalben , sein ganzes Leben hindurch , hatte rechnen müssen , ihn auch hier muthlos und verlegen gemacht - aber es kam ja schließlich nur auf den Versuch an , es handelte sich ja schließlich nur um ein » social-ethisches Experiment « , um eine » psychologische Studie « , um Nichts , um gar Nichts weiter - und er gewann bei nahe den kühlen Ernst , die souveräne Sicherheit des Forschers wieder . » Sie ermuthigen mich , gnädige Frau - also denn ohne Umschweife herausgesagt - : ich brauche tausend Mark - können Sie - können Sie mir die Kleinigkeit leihen - ? « Auf diese sehr materielle Wendung des Gesprächs war Lydia allerdings nicht gefaßt gewesen . Feinere Naturen fühlen sich durch eine brutale , noch dazu unvorbereitete Berührung von Geldfragen immer compromittirt . Daß aus einer etwaigen Verbindung zwischen ihr und Adam , der , wie sie wußte , so etwas wie ein » armer Teufel « war , letzterem allerlei sehr reale , sehr realistische Vortheile erwachsen würden : daran hatte sie natürlich schon gedacht - und der Gedanke hatte sie auch nicht weiter genirt , er hatte ihr im Gegentheil eine gewisse Befriedigung und einen gewissen Stolz eingeflößt . Im Uebrigen war sie zu eitel , um nicht zu glauben , daß sie selbst ihres Besitzes und ihrer Stellung in der Gesellschaft entkleidet , Werth und starke Anziehungskraft genug für Adam besäße . Das waren Prämissen , über welche man getrost schweigen , die man getrost unerörtert lassen konnte , denn sie waren eben allzu selbstverständlich . Und nun rückte Adam plötzlich unvermuthet mit einem Motive heraus , das an greller Betonung des Materiellen nichts zu wünschen übrig ließ . Lydia war sehr betroffen . Was sollte sie erwidern ? Mechanisch schloß sie , daß Adam sich jedenfalls in einer sehr prekären Situation befand . Er hatte gewiß Schulden contrahirt , die bezahlt sein wollten , er hatte Verpflichtungen übernommen , die er einlösen mußte . Und er wandte sich an sie , weil er anderweitig - - ja ! - mein Gott ! - standen ihm denn keine anderen Wege offen , besaß er keine anderen Mittel - oder waren alle Quellen schon erschöpft - ? War sie seine letzte Hoffnung - ? Mitleid , starkes , verstehendes Mitleid quoll in ihr auf . Und doch hatte sie zugleich das Gefühl , als wäre sie von etwas unangenehm Klebrigem , Schmutzigem berührt worden . Die Lage des Herrn Doctor war sicher überaus prosaisch . Und Lydia verspürte einen kleinen Hang zur Romantik in sich . Das paßte so gar nicht zusammen , ihr Hang und nackte Bedürfnißhaftigkeit Adams . » Sie setzen mich in Erstaunen , Herr Doctor - « sagte sie endlich , unsicher und stockend - » ich hatte nicht erwartet , daß - - « » Das war allerdings vorauszusetzen , gnädige Frau - verzeihen Sie , bitte noch einmal , meine Kühnheit , doch die Noth - - « » Geht es Ihnen so schlecht - ? « unterbrach Lydia , jetzt von ehrlichster , schnell ausbrechender , aufs Helfen gestimmter Theilnahme ergriffen . » Mir - ? Mir - ? Ah so ! . Hm ! Verstehe schon « bemerkte Adam mit feinem , ironischem Lächeln - » Sie haben mich nicht ausreden lassen , gnädige Frau - Ihr gutes Herz ging mit Ihnen durch - also ich wollte ... wollte nicht von meiner Noth , sondern von der Nothwendigkeit sprechen , die mich zwingt - - « » Ist das nicht dasselbe ? « fragte Lydia , ein Wenig pikirt ... » Pardon ! Ich glaube kaum ... die Sache ist nämlich außerdem noch die , daß ich das Geld nicht für mich brauche , sondern - - « » Ah ! ... Aber für wen dann , wenn ich fragen darf - ? « » Lassen Sie das , bitte , mein Geheimniß bleiben , gnädige Frau - « » Wie Sie wollen , Herr Doctor ... doch muß ich Ihnen nun bemerken , daß damit die Sache auch aufgehört hat , mich zu interessiren . Ihnen - Ihnen persönlich hätte ich vielleicht - ja ! sicher geholfen , denn Sie sind - sind mir - - doch das - das gehört nicht hierher - - für Menschen dagegen