Herbert mit ihm verhandelte , schlüpfte Margarete hinaus . - » Ja , recht hast du , Jette , ' s ist ein wahres Elend ! « sagte Bärbe seufzend zu dem Hausmädchen in dem Augenblick , als Margarete drunten in der offenen Küchenthüre vorüber nach der Hofstube ging . Die alte Köchin rollte Teig auf dem Nudelbrett aus . » Ja , Sünd ' und Schande ist ' s , daß der Mensch hier im Hause nicht einen Finger rühren darf , um den armen Leuten drüben beizuspringen ! « ereiferte sie sich . » Was wär ' s denn nun weiter , wenn ich einen Topf voll Nudelsuppe ' nübertrüge für den alten Mann und das Kind ? Aber - daß Gott erbarm ' ! - das wollt ' ich nicht probieren ! Der in der Schreibstube thät einem ja den Kopf abreißen ! « Sie streute zornig eine Handvoll Mehl über die breite Teigfläche . » Ja , und es muß schlecht stehen um die alte Frau ; die Aufwärterin hat eben wieder Eis vom Brunnen geholt , und den Doktor hab ' ich heute schon zweimal kommen sehen - paß auf , Jette , die Frau stirbt ! Sie stirbt ! Meine Kochtöpfe haben nicht für die liebe Langeweile den ganzen Vormittag im Ofen gesungen , das bedeutet allemal Tod im Hause , allemal ! « 24 Am andern Tage herrschte viel Rumor in der Bel-Etage . Tapeziere , Tüncher und Ofenputzer kamen und gingen , und Margarete war von früh an viel in Anspruch genommen . Und das war gut ; es blieb ihr nicht viel Zeit zum Nachgrübeln , das ihr ohnehin die Nachtruhe geraubt - sie hatte fast die ganze Nacht mit offenen Augen gelegen und heftige Stürme waren ihr durch Kopf und Herz gegangen . In dem roten Salon sollten die Bilder an ihren alten Platz gehangen werden ... Zum erstenmal wieder , seitdem die Totenkerzen im Flursal gebrannt hatten , schloß Tante Sophie den Gang hinter Frau Dorotheens Sterbezimmer auf , und Margarete folgte ihr mit Wischtuch und Federstäuber ; sie wollte das Reinigen der Bilder selbst besorgen . Ein Grauen überlief sie beim Betreten des düsteren Ganges - es war ihr umheimlich , ja fürchterlich geworden . Das geheimnisvolle Gebaren ihres Vaters an jenem Nachmittage , da er sich in das Zimmer der schönen Dore eingeschlossen , seine rätselhaften Andeutungen in der Sturmnacht - von welcher er gesagt , daß auch sie , nicht die Sonne allein , Verborgenes an den Tag bringe - und der grauenhafte Weg , der sie selbst über diese alten , ächzenden Dielen und den Bodenraum des Packhauses hinweg an die Leiche des so jäh Hingerafften geführt hatte , dies alles beklemmte und erschütterte sie von neuem . Sie trat so scheu und zaghaft auf , als müsse das Geräusch ihrer Schritte die an den Wänden hingereihten Gestalten erwecken und beleben , und alle Geheimnisse des alten Hauses , die sie ins Grab mitgenommen , würden plötzlich mit ihnen laut werden . Noch lehnte das Bild der schönen Dore abgewendet in der Schrankecke , wie der Verstorbene es damals hingeschleudert , der Sturm hatte nicht daran gerührt ... Doppelt erschütternd und herzbezwingend trat ihr beim Umwenden das schöne Weib aus dem Rahmen entgegen , nachdem sie von so manchem ausdruckslosen , alltäglichen Frauengesicht den Staub weggewischt hatte . Sie kniete vor dem Bilde noch einige Augenblicke und sann , was wohl diese mächtigen Augen , der lieblich lächelnde rote Mund verschuldet haben mochten , um noch nach hundert Jahren eine solche Erbitterung hervorzurufen , wie sie der Verstorbene in jenem unheimlichen Moment an den Tag gelegt hatte ... Drunten aber sagte Friedrich , der Hausknecht , der aus dem roten Salon gekommen war und einen scheuen Blick in den offenen Gang geworfen hatte : » Unser Fräulein kniet jetzt gar vor der mit den Karfunkelsteinen ! Wenn sie nur wüßte , was ich weiß ! Die Frau muß bei Lebzeiten ein wahrer Satan gewesen sein , daß sie nicht einmal in ihrem Rahmen Ruhe hat . Das gottheillose Bild gehört von Rechts wegen auf den Boden , hinter den Schlot , sag ' ich - da kann sie meinetwegen ohne Rahmen ' rumspazieren ! « Aber das Bild kam nicht auf den Hausboden . Margarete hing es selbst mit Hilfe des Tapeziers an seinen alten Platz . Dann ging sie hinunter in ihre stille Hofstube , um sich ein wenig zu erwärmen . Sie setzte sich an das Fenster und sah in den beschneiten Hof hinaus . Die Temperatur war etwas milder geworden , hier und da sank ein gelöstes Schneebällchen von den Lindenästen ; Finken , Meisen und Spatzen tummelten sich auf den für sie hergerichteten Futterplätzen , und auch die Haustauben kamen herab und halfen die reichlich gestreuten Körner aufpicken . Aber plötzlich flog die ganze Vogelgesellschaft lärmend auf - es mußte jemand in dem Hof vom Packhause herkommen . Margarete bog sich über die Brüstung , und da sah sie den kleinen Max , wie er , die ängstlich suchenden Augen auf die Küchenfenster geheftet , direkt auf das Vorderhaus zu , durch den Schnee stampfte . Die junge Dame erschrak . Wenn Reinhold den Knaben bemerkte , dann gab es einen Sturm ... Sie öffnete das Fenster und rief das Kind mit halb unterdrückter Stimme zu sich . Es kam sofort herüber und zog sein Mützchen , und da sah sie Thränen in den trotzigen Augen . » Die Großmama will umgebettet sein , und der Großpapa kann sie nicht allein heben , « sagte er hastig . » Die Aufwärterin ist fortgegangen ; ich habe sie überall gesucht und bin in der Stadt herumgelaufen , aber ich kann sie nicht finden . Nun haben wir niemand ! Ach , das ist zu schlimm ! Und da wollte ich zu der guten Bärbe - « » Gehe nur und sage dem Großpapa , es würde sofort Hilfe kommen ! « raunte