erkannte , daß es eigentlich gar kein Spaß sei , einem Mädchen seine Neigung so bestimmt kundzugeben . Desto besser stand ich mich mit dem Schulmeister , mit welchem ich vielfach disputierte . Sein Bildungskreis umfaßte hauptsächlich das christlich moralische Gebiet in einem halb aufgeklärten und halb mystisch andächtigen Sinne , wo der Grundsatz der Duldung und Liebe , gegründet auf Selbsterkenntnis und auf das Studium des Wesens Gottes und der Welt , zuoberst stand . Daher war er bewandert in den Denkwürdigkeiten und Aufzeichnungen geistreich andächtiger Leute aus verschiedenen Nationen , und er besaß und kannte seltene und berühmte Bücher dieser Art , die ihm die Überlieferung gleicher Bedürfnisse in die Hände gegeben hatte . Es war viel Schönes und Erbauliches zu lesen in diesen Büchern , und ich hörte mit Bescheidenheit und Wohlgefallen seinen Vorträgen zu , da ja das Grübeln nach dem Wahren und Guten mich unerläßlich dünkte . Meine Einsprachen bestanden darin , daß ich gegen das spezifisch Christliche protestierte , welches das alleinige Merkzeichen alles Guten sein sollte . Ich befand mich in dieser Hinsicht in einem peinlichen Zerwürfnisse . Während ich die Person Christi liebte , wenn sie auch , wie ich glaubte , in der Vollendung , wie sie dasteht , eine Sage sein sollte , war ich doch gegen alles , was sich Christlich nannte , feindlich gesinnt geworden , ohne recht zu wissen warum , und ich war sogar froh , diese Abneigung zu empfinden ; denn wo sich Christentum geltend machte , war für mich reizlose und graue Nüchternheit . Ich ging deswegen schon seit ein paar Jahren fast nie in die Kirche , und die religiöse Unterweisung besuchte ich sehr selten , obgleich ich dazu verpflichtet war ; im Sommer kam ich durch , weil ich größtenteils auf dem Lande lebte ; im Winter ging ich zwei- oder dreimal , und man schien dies nicht zu bemerken , wie man mir überhaupt keine Schwierigkeiten machte , aus dem einfachen Grunde , weil ich der grüne Heinrich hieß , d.h. weil ich eine abgesonderte und abgeschiedene Erscheinung war ; auch machte ich ein so finsteres Gesicht dazu , daß die Geistlichen mich gern gehen ließen . So genoß ich einer vollständigen Freiheit und , wie ich glaube , nur dadurch , daß ich mir dieselbe , trotz meiner Jugend , entschlossen angemaßt ; denn ich verstand durchaus keinen Spaß hierin . Jedoch ein- oder zweimal im Jahre mußte ich genugsam bezahlen , wenn nämlich an mich die Reihe kam , in der Kirche aufzutreten , d.h. in der öffentlichen Kirchenlehre nach vorhergegangener Einübung einige auswendig gelernte Fragen zu beantworten . Dies war vor Jahren schon eine Pein für mich gewesen , nun aber geradezu unerträglich ; und doch unterzog ich mich dem Gebrauche oder mußte es vielmehr , da , abgesehen von dem Kummer , den ich meiner Mutter gemacht hätte , das endliche gesetzliche Loskommen daran geknüpft war . Auf die nächste Weihnacht sollte ich nun konfirmiert werden , was mir ungeachtet der gänzlichen Freiheit , welche mir nachher winkte , große Sorgen verursachte . Daher äußerte ich mein Antichristentum jetzt gegen den Schulmeister mehr , als ich sonst getan haben würde , obgleich es in ganz anderer Weise geschah , als wenn ich mit dem Philosophen zusammen war ; ich mußte nicht nur den Vater Annas , sondern überhaupt den bejahrten Mann ehren ; und besonders seine duldsame und liebevolle Weise schrieb mir von selber vor , mich in meinen Ausdrücken mit Maß und Bescheidenheit zu benehmen und sogar zuzugestehen , daß ich als ein junger Bursche noch was zu lernen möglich fände . Auch war der Schulmeister eher froh über meine abweichenden Meinungen , indem sie ihm Veranlassung zu geistiger Bewegung gaben und er um so mehr Ursache bekam , mich liebzugewinnen , der Mühe wegen , die ich ihm machte . Er sagte , es sei ganz in der Ordnung , ich sei wieder einmal ein Mensch , bei welchem das Christentum das Ergebnis des Lebens und nicht der Kirche sein würde , und werde noch ein rechter Christ werden , wenn ich erst etwas erfahren habe . Der Schulmeister stand sich nicht gut mit der Kirche und behauptete , ihre gegenwärtigen Diener wären unwissende und rohe Menschen . Ich habe ihn aber ein wenig im Verdacht , daß dies nur darin seinen Grund hatte , daß sie Hebräisch und Griechisch verstanden , was ihm verschlossen blieb . Indessen war die Ernte längst vorüber , und ich mußte an die Rückkehr denken . Mein Oheim wollte mich diesmal nach der Stadt bringen und zugleich seine Töchter mitnehmen , von denen die zwei jüngeren noch gar nie dort gewesen . Er ließ eine alte Kutsche bespannen , und so fuhren wir davon , die Töchter in ihrem besten Staate , zum Erstaunen aller Dorfschaften , durch welche wir kamen . Der Oheim fuhr am gleichen Tage mit Margot zurück , Lisette und Caton blieben eine Woche bei uns , wo die Reihe an ihnen war , die Blöden und Schüchternen zu spielen , denn ich zeigte ihnen mit wichtiger Miene alle Herrlichkeiten der Stadt und tat , als ob ich dies alles erfunden hätte . Nicht lange nachdem sie fort waren , kam eines Morgens ein leichtes Fuhrwerk vor unser Haus gerollt , und heraus stiegen der Schulmeister und sein Töchterchen , letzteres durch einen fliegenden grünen Schleier gegen die kühle Herbstluft geschützt . Eine lieblichere Überraschung hätte mir gar nicht widerfahren können , und meine Mutter hatte die größte Freude an dem guten Kinde . Der Schulmeister wollte sich umsehen , ob für den Winter eine geeignete Wohnung zu finden wäre , indem er doch allmählich sein Kind mit der Welt mehr in Berührung bringen mußte , um ihre Anlagen nach allen Seiten sich entwickeln zu lassen . Es sagte ihm jedoch keine Gelegenheit zu , und er behielt sich vor , lieber im nächsten Jahre ein kleines Haus in der Nähe der Stadt zu kaufen