Wanderzuge , ein südländischer Trupp in unsere Kolonie , um einen Tag oder eine Woche unter uns zu rasten . Es waren hundert oder mehr . Wir hießen sie willkommen , und Matthäus Stach , der damals an der Spitze unserer Kolonie stand und dem noch Friedrich Böhnisch und mein guter Schorlemmer als Gehilfen beigegeben waren , ließ bei ihnen anfragen , ob sie an einer unserer Missionsstunden teilnehmen wollten . Dies wird dich vielleicht wundern ; aber du mußt wissen , daß sie es über die Maßen lieben , einen Wortstreit zu führen und sich mit Hilfe des Witzes , den sie haben , ihrer Überlegenheit bewußt zu werden . Es kamen denn auch viele . Wir hatten eben unsere Plätze eingenommen , und Matthäus Stach las ihnen ein Kapitel aus dem Evangelium Johannis vor , das er kurz vorher ins Grönländische übersetzt hatte . Sie hörten aufmerksam zu ; die meisten lächelten ; aber einige zeigten doch eine Teilnahme . An diese wandte sich jetzt unser Bruder und fragte sie , ob sie an eine unsterbliche Seele glaubten . « » Aber du wolltest ja von Kajarnak erzählen . « » Ich bin schon mitten in seiner Geschichte . Also Matthäus Stach fragte sie , ob sie an eine unsterbliche Seele glaubten ? Sie antworteten : Ja ! Und nun begann er zu ihnen vom Sündenfall und von der Erlösung zu sprechen . Ich höre noch seine Stimme , denn er war ein Mann von besonderen Gaben . Da tat der Herr einem unter ihnen das Herz auf , und von so vielen Erweckungen ich auch gehört und gelesen habe , keine hat mich je tiefer bewegt . Das macht , weil sich alles so schlicht und einfach gab . Matthäus Stach , der wohl sah , daß sein Wort auf guten Boden fiel , sprach immer eindringlicher , und als er eben Christi Leiden am Ölberg geschildert hatte , da trat ein Grönländer an den Tisch und sagte mit lauter und bewegter Stimme , in der schon das Heil zitterte : Wie war das ? Ich will das noch einmal hören . Diese Worte gingen uns , die wir sie mithörten , durch Mark und Bein , und sie sind in Neu-Herrnhut unvergessen geblieben . Von der Stunde an war der Segen Gottes über unserem Tun . « » Es konnte nicht wohl anders sein . Solche Worte verklingen nicht . Empfind ich doch in diesem Augenblick noch ihre Wirkung . « Tante Schorlemmer küßte Renatens Stirn und fuhr dann fort : » Eine Woche verging , und der Grönländertrupp war immer noch in unserer Kolonie . Dann aber brachen sie auf , um weiter nördlich ihren Jagden nachzugehen , und nur Kajarnak blieb zurück ; mit ihm seine beiden Schwäger samt ihren Frauen und Kindern , alles in allem vierzehn Personen . Wir lobten ihr Bleiben und hatten Betstunde mit ihnen . Die Kinder empfingen Unterricht , was sehr schwer war , da die Grönländer das , was wir Erziehung nennen , gar nicht kennen . Sie lieben nämlich ihre Kinder mit äffischer Zärtlichkeit und lassen sie aufwachsen , ohne Gehorsam zu fordern oder Ungehorsam zu strafen . Als ein halbes Jahr um war , stellte Matthäus Stach die Frage , ob es Zeit sei , die nun Vorbereiteten zu taufen ; aber mein guter Schorlemmer , der den Unterricht geleitet hatte , meinte doch , daß es ihm geboten scheine , noch zu warten . Und so geschah es . Erst am zweiten Ostertage wurden vier Angehörige dieser grönländischen Erstlingsfamilie von der Macht der Finsternis losgerissen ; Kajarnak erhielt den Namen Samuel , seine Frau wurde Anna , sein Sohn Matthäus , seine Tochter Anna genannt . Darüber war große Freude in der Kolonie . Aber die Freude sollte nicht lange währen . Vier Wochen später kam Nachricht , daß der ältere Schwager , der sich auf kurze Zeit von uns entfernt und einem Jagdzuge nach dem Norden angeschlossen hatte , auf eine hinterlistige und grausame Weise ermordet worden sei , weil er den Sohn eines heidnisch gebliebenen Grönländers mit Christensprüchen totgehext habe . Zugleich wurde hinzugesetzt , daß die Angekoks in einer großen Verschwörung seien , um auch dem jüngeren Schwager Kajarnaks dasselbe Los zu bereiten . Da bemächtigte sich unserer kleinen grönländischen Gemeinde , sowohl der Getauften wie derer , die noch in Vorbereitung waren , ein Zittern und Zagen , und sie beschlossen , in den Süden zurückzukehren , wo sie unter ihren Verwandten sicherer zu sein hofften . Ach , wir mußten sie ziehen lassen , so schwer es uns auch wurde , und ich sehe noch Kajarnak , wie er bitterlich weinte und immer wieder uns Festigkeit gelobte und sich dann losriß ; und wie dann die Schlitten in langer Linie an uns vorüberfuhren , über Fiskenäs und Frederikshaab auf den Süden zu . « » Und hielt er Wort ? « » Wir hatten wenig Hoffnung , denn es war ein neuer Abfall über die Gemüter gekommen , und selbst solche , die sich in unserer Nähe hielten , gehorchten wieder den Angekoks . Wir waren betrübten Gemütes , auch ich , die ich nach meiner schwachen Kraft all die Zeit über meinem guten Schorlemmer getreulich zur Seite gestanden hatte . Ein Jahr verging , ohne daß Kunde von Kajarnak gekommen wäre , am wenigsten er selbst . Da feierten wir , es war am Johannistag , die Hochzeit von Anna Stach und Friedrich Böhnisch , und als wir bei unserem Mahl waren und erbauliche Lieder sangen , die , was dich vielleicht verwundern wird , von drei Violinen und einer Flöte begleitet wurden , da trat Kajarnak in den Brüdersaal und begrüßte uns . Die Freude war so groß , daß , wie von selber , aus dem Hochzeitsfest ein Fest des Wiedersehens wurde . Wir hatten ja unsern verlornen Sohn wieder oder doch den , den wir schon als einen solchen betrachtet hatten . Und nun mußte