und behauptet dabei noch , daß sie ihn geliebt . Als ob solch eine Mondscheinsprinzessin wüßte , was lieben heißt ! « Pastor Blümel widersprach der Aufgeregten warmen Herzens mit allen Gründen der Gewissenspflicht ; er nannte Lydias Forderung einen Akt kindlicher Pietät , eine Selbstopferung aus stark empfundener Familientreue ; worauf denn Sidonie eifernd erwiderte : » Nun , wie Sie wollen , Pastor . Aber was beweisen Sie mit Ihrer Entschuldigung , als daß auch die Familie ihre Jesuiten hat ? Abstrakte Idealisten , denen jedes Mittel das rechte ist für einen Zweck , von welchem ihr Herz nichts weiß . Ihren Vater mag Lydia geliebt haben ; ich traue es ihr zu , denn sie ist seinesgleichen . Aber liebt sie ihre Geschwister , die ihr so unähnlich sind , liebt sie nur ihre Mutter ? « » Lieben Sie Ihren Bruder etwa nicht , Sidonie , da Sie doch wohl kaum sich für seinesgleichen halten ? « wendete Frau Hanna ein . » Freilich liebe ich ihn , « antwortete Sidonie , » und eben darum , weil ich nicht seinesgleichen bin . - Ach , wie von Herzen möchte ich ihm doch ähnlich sein ! - Aber ich liebe ihn keineswegs , weil er mein Bruder , weil er ein Pflichtbegriff für mich ist ; sonst müßte ich auch meinen Großvater lieben . Ich liebe ihn , weil er liebenswürdig ist , mein Bertrand de Born , weil ich keinen anderen zum Lieben habe , weil ich gar nicht anders als ihn lieben kann . Wäre ein Fremder so wie er , Sie zum Exempel , Dezimus , ich liebte Sie wie ihn . « » Für welche schmeichelhafte Versicherung ich mich im Namen meines Dezem schönstens bedanke , « sagte Mutter Hanna lachend , und Sidonie lachte auch . Dezimus aber vermochte eine ritterliche Wallung nicht länger zu bemeistern . Denn bei aller Bewunderung für das glänzendste Meteor an seinem Jugendhimmel hatte er in dem Kampfe , der an demselben ausgebrochen war , mit Entschiedenheit Partei genommen für den treuen Abendstern , der sich aus seiner gesetzmäßigen Bahn nicht verdrängen ließ . So einfach , als ob es sich um einen mathematischen Folgesatz handelte , sagte er daher : » Warum will denn aber , gnädiges Fräulein , Ihr Herr Bruder nicht warten , bis seine Braut ihre edle Aufgabe vollbracht oder er selbst sich eine unabhängige Stellung errungen hat ? Einem , der begabt ist wie er , sind Tor und Tür ja nach allen Seiten hin aufgetan , und wie viel reiner muß die Freude des Zusammentreffens am Ziel mit dem Bewußtsein erprobter Kräfte sein ! « » Max und warten ! « hatte zu Anfang der Rede Sidonie belustigt der Pastorin zugeraunt . Jetzt beim Schluß des Vortrags sagte sie aber schon wieder in hellem Ärger : » Gut Heil Ihnen , Kandidat in spe , auf solchem Philisterwege . Zuvor aber beantworten Sie mir gefälligst die Frage : da die Demut doch noch weit mehr als die Lammsgeduld eine christliche Tugend ist , warum nahm denn Ihre fromme Lydia die Mittel zur Erfüllung ihrer edlen Aufgabe aus meiner Hand nicht an ? Durfte sie mir zutrauen , daß ich die Familie , in welche mein Bruder getreten war , in Dürftigkeit gelassen haben würde ? Wenn sie sich gegen ihre Gewöhnung einigermaßen beschränken mußte , nun so büßte sie eben ihres Vaters Schuld . So wäre es recht gewesen , so billig . Aber nein ! Zum Danksagen ist man zu erhaben . Ein Weltkind aufzugeben , ein anderes zu berauben , ist ganz in der Ordnung ; beiden das Gnadenbrot anzubieten , wohl gar noch Großmut , der bloße Gedanke treibt mir die Galle in das Blut ! Komme es , wie es mag , ich danke Gott , daß Max sich aus dieser tugendhaften Umstrickung losgerissen hat . Nun und nimmer würde er an der Seite dieser eisigen Jungfrau anders als elend geworden sein . « » In letzterem Punkte pflichte ich Ihnen bei , « versetzte Mutter Hanna ruhig . » Auf der anderen Seite jedoch muß ich meines Sohnes philisterhaften Vorschlag dahin ergänzen , daß ein Mann , mag er zehnmal ein Genie sein , das Heiraten bleiben lassen soll , wenn er nicht die Lammsgeduld besitzt , sich ein sicheres Brot verdienen zu lernen . Sie aber , Kind , sollten es sich zweimal überlegen und wenigstens eine Nacht hindurch beschlafen , ehe Sie so eklatant mit Ihrer Familie brechen . Bedenken Sie , daß vernünftige Menschen für ihre persönliche Würde weit weniger heikel als für die ihrer Anvertrauten zu sein brauchen ; sich selber würde Lydia getrost zugemutet haben , was sie ihrer Mutter nicht zumuten durfte ; wie Sie , Sidonie , Ihrem Bruder nicht , was Sie selber getrost sich zumuten dürfen . Lassen Sie ihn denn ziehen , wohin sein Genius ihn treibt . Mit ihm leben können Sie vor der Hand nicht ; bleiben Sie also hier , zunächst bei uns . Eine Vermittlung mit Ihrer Familie wird unschwer anzubahnen sein ; vielleicht nach mehr als einer Seite hin . Jedenfalls sind Sie die Großmütige , nicht Ihre Cousine , wenn Sie in eine Teilung der Revenüen willigen . « » Ja , liebe Sidonie , « nahm nun auch Vater Blümel wiederum das Wort , » ja , bleiben Sie bei uns und sammeln Sie feurige Kohlen auf Lydias Haupt . Das unglückliche Mädchen handelte gemäß seinem Grundgesetz , also recht . Es gibt aber kein weheres Geschick , als wenn wir unserem Gewissen nicht etwa bloß unser eigenes Glück , sondern das Glück derer , die wir lieben , zum Opferbringen müssen . Sie retten den Frieden einer Seele , Sidonie . « Sidonie blieb nicht unbewegt bei diesen Worten . Die erste Wallung war verdampft , und zu trotzigem Stolz war sie zu klug . Sie reichte den beiden alten Freunden über den Tisch hinüber die Hand