habe ich heute ein Pflänzlein gefunden , gepflückt und hier auf meine Mappe gelegt . Mich reut der Mord . Es ist so frisch und hold gestanden am Rain und hat seine kleinen Arme ausgestreckt , den lieben Sonnenschein zu umarmen . O , zürne mir nicht , du liebholdes Wesen , du bist in deiner Jugend gestorben , es hat dir ein Menschenauge gelächelt , es hat dich ein Menschenherz geliebt ... Und so geht es mir . Zu schluchzen hab ' ich angefangen , ich altes Kind . Und das heißt Pflanzenkunde treiben ? - Andreas , für die Wissenschaft bist du ganz und gar nicht zu brauchen , du bist ein Träumer . Letztlich habe ich wieder einmal das Zeichnen versucht , habe eine Karte von den Winkelwäldern gemacht . Hätte ich nur auch die Meßkunst gelernt ; das gäbe jetzt ein anregendes und nützliches Geschäft . Denn diese Gegend muß nun doch auch der Welt zurechtgelegt werden . Waldlilie im See Maria Himmelfahrt 1835 . Jählings ist was Unvorhergesehenes gekommen . Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben von meinem einstigen Schüler , unserm jetzigen Herrn . Hermann schreibt mir , daß er jene Kräuter , die ich ihm von einem Holzer gesandt , richtig verwendet habe und seither eine Linderung in seinem kränklichen Zustande empfinde . Dieser Umstand habe ihn auf den Gedanken gebracht , das Gebirge , welches er bisher ohnehin noch nicht kenne , zu besuchen und in der milden Frühherbstzeit einige Tage daselbst zuzubringen . Er beabsichtige ganz allein zu reisen , denn die Menschen , namentlich die Städter , seien ihm unsäglich zuwider ; das sei wohl eine Eigenheit seines abgespannten Zustandes , aber er könne sich derselben nicht entschlagen . An der Welt habe er sich krank genossen ; in der Ursprünglichkeit der Alpen , in ihren Wildnissen wolle er Heilung suchen . - Er erinnere sich noch an mich , seinen ehemaligen Lehrer ; er erinnere sich auch meiner Verdienste um die Winkelwäldler , und er bitte mich nun , ihm im Gebirge ein Führer zu sein und mich an dem bestimmten Tage in der Ortschaft Grabenegg einzufinden . Grabenegg , eine gute Tagereise von hier entfernt , ist keine Ortschaft ; es sind nur einige Steinschlagerhütten , die an der Zillerstraße stehen und von einem dort auslaufenden Berggraben den Namen haben . Ich habe mich denn an dem bestimmten Tag in Grabenegg eingefunden , habe dort den Waldherrn erwartet , der in einem gemieteten Wagen auch richtig angekommen . Dann bin ich mit ihm weiter gegen das Hochgebirge gefahren . Der Herr hat mich völlig erschreckt ; ich habe ihn schier nicht mehr erkannt , aber er hat mich auf den ersten Blick als den Andreas begrüßt . Sein Gruß ist höflich gewesen , und der arme Mann ist lebenssatt . Bis zum ersten Felsentore führt der Fahrweg . Hier hat der Herr das Fuhrwerk zurückgeschickt und wir sind auf rauhen Steigen , wie sie das Hochwild getreten , in die Wildnis hineingegangen , auf deren Höhen die Eisfelder liegen . Der Herr ist vorangeschritten , fast finster und trotzig , zuweilen mit der Begier des Jägers , der dem Hirsch auf der Fährte ist . Ich habe nicht gewußt , wohin und was der Mann will ; er auch nicht . Ich habe gewaltige Angst gehabt , daß wir für die Nacht kein Obdach finden könnten , habe dem Herrn dieses Bedenken mitgeteilt , er hat darüber eine Lache geschlagen und ist weiter gestürmt . Da ist mir jählings der Gedanke beigefallen : Andreas , du wanderst mit einem Irren ! - Wäre der graue Zahn vor mir niedergestürzt , so sehr hätte mein Herz nicht erschrecken können , als vor diesem Gedanken . Ich habe gefleht und gewarnt , ich habe ihn nicht zu halten vermocht ; nur an Hängen ist er stehen geblieben , hat einen Blick in den Abgrund getan , um sofort wieder weiter zu eilen . Alle Glieder haben ihm gezittert , große Tropfen sind ihm auf der Stirne gestanden , als er in der Abenddämmerung an einer Felsenquelle zusammengebrochen ist . Ich habe in derselbigen Stunde meinem lieben Gott alles , alles versprochen , wenn er uns ein Obdach finden ließe . Er hat mich erhört . Unweit der Quelle habe ich in der Kluft zweier Wände eine Klause entdeckt , wie solche gerne von Gemsjägern aufgerichtet und zum Schutze benützt werden . Und unter diesem Dache , mitten in den Schauern der Wildnis ist ein Feuer angemacht und dem Freiherrn aus Moos und Strauchwerk eine Ruhestätte bereitet worden . Wir verzehren , was wir bei uns haben , und trinken Wasser . Als das Mahl vorüber ist , lehnt sich der Herr aufatmend an die Mooswand und haucht : » Das ist gut , das ist gut ! « Und nach einer Weile richtet er sein Auge auf mich und sagt : » Freund , ich danke Ihnen , daß Sie bei mir sind . Ich bin krank . Aber hier werde ich genesen . Das ist ja das Wasser , von dem der angeschossene Hirsch trinkt ? - Ich hab ' es toll getrieben - toll ! Ist kein Spielzeug , der Mensch . Schließlich bin ich zum Glücke den Ärzten entkommen . Ich mag in keinem Metallsarg liegen , er riecht nach Prunk , nach erkünstelten Tränen - pfui ! « Zu meinem Troste ist er bald eingeschlummert . Ich habe die ganze Nacht gewacht und auf Mittel gesonnen , den armen , kranken Mann unter Menschen zu bringen . Wir sind weit ab ; wollen wir nach Winkelsteg , so müssen wir über das Gebirge . Am andern Morgen , als ich bereits ein neues Feuer angemacht habe und als schon Sonnenstrahlen durch die Fugen blicken , erwacht der Mann , übersieht anfangs wie staunend seine Lage und sagt : » Guten Morgen , Andreas ! « Hierauf hebt er sogleich an , sich reisefertig zu machen