ganze ausdrucksvolle Gebärde . Wie ein Traum flog es in meiner Seele auf , daß er mich schon einmal gewarnt hatte ; aber ich fand in diesem häßlichsten Moment meines Lebens weder Zeit noch Klarheit , an das » Warum « zu denken . Einzig und allein von dem Blick beherrscht und in eine unbeschreibliche Verwirrung versetzt , stammelte ich : » Ich weiß es nicht ! « Was hatte ich gethan ? Mit dem letzten herausgestoßenen Worte wich der Zauber , und ich entsetzte mich vor meiner eigenen lügenhaften Stimme ... Wie , ich hatte eben vor all diesen Ohren erklärt , ich wisse nicht , ob meine Großmutter aus dem uralten , reichen Freiherrngeschlechte der Olderode stamme ? Lüge , Lüge ! Ich wußte es so genau wie die zehn Gebote Gottes , daß sie eine geborene Jakobsohn gewesen war - ich hatte sie als Jüdin sterben sehen und war ihr letzter Trost gewesen ... Zu welchem Zwecke diese entschiedene Verleugnung der Wahrheit ? Noch heute muß ich sagen : » ich wußte es nicht ! « Ich hatte fast mechanisch unter fremdem Einflusse gesprochen und fühlte nur unter tiefem Jammer , daß ich mich zeitlebens dieses Augenblicks schämen müsse ... Und wenn auch alle , so wie eben Dagobert , mir Beifall zugenickt hätten - was half es ? Einer richtete mich doch streng - er sah mich mit unverhohlener Bestürzung an , wandte sich ab und ging hinaus , und das war Herr Claudius . Ich rang mit mir , aber ich fand nicht den Mut , durch sofortige Offenheit den Fehler zu sühnen . Scham und die Furcht , mich lächerlich zu machen , verschlossen mir die Lippen ; auch wurde das momentane Schweigen , das meiner Antwort folgte , rasch abgeschnitten - der erste Stoß des Gewittersturmes fuhr jäh durch die Straße und warf in erstickendem Wirbel dürre Halme und Blätter und die graue Staubschicht des sonnenheißen Pflasters gegen die Fenster . Noch einmal zerschlug er die schwarze Wetterwand droben , ein intensiv gelber Strahl brach herein - er funkelte blendend auf den Glasscheiben der gegenüberliegenden Häuser und warf fahle Reflexe schwankend über die dunklen Gerätschaften und Wände des dämmernden Salons . Die Prinzessin erhob sich , während alle anderen erschreckt an die Fenster eilten ; auch mein Vater fuhr aus seinen interessanten Untersuchungen empor und kam schleunigst herüber . In meiner stillen Verzweiflung sah und hörte ich alles , was um mich her vorging , wie im Traume . Ich sah Herrn Claudius wieder eintreten , hoch und fest und völlig unbewegt in den Linien seines Gesichts ; aber ich wußte gerade in diesem Augenblicke erst , weshalb ihn die Prinzessin so unverwandt ansah , wenn er zu ihr sprach - er hatte dann genau das Licht in seinen Augen , wie das Bild dort , das Licht , welches sie » die Seele « nannte , und das der alte pedantische Hofmaler nicht zu malen vermochte ... Sie legte die Hand auf seinen Arm und ließ sich die Treppe hinabführen ; mechanisch nachfolgend , kam ich an Fräulein Fliedner vorüber , ihr milder Blick hatte etwas Kühles , Fremdes , als er mich traf - ach ja , sie hatte ja auch neulich im Glashause Dagoberts Warnung mit angehört und sah nun das schwarze Siegel der Lüge auf meiner Stirne - ich biß die Zähne auf die Unterlippe und schritt über die Schwelle ... Die seidenen Schleppen der Damen rauschten die Treppe hinab , und dazwischen hinein klang die lieblich schmeichelnde Stimme der Prinzessin - mir schien es , als habe sie noch nie in so weichen , herzlichen Tönen gesprochen ... Sie wolle noch einmal in » das interessante Patrizierhaus « kommen , versicherte sie Herrn Claudius - Fräulein von Wildenspring und der Kammerherr steckten die Köpfe zusammen , und dann nahm die impertinente Hofdame ihre Schleppe auf und warf mißtrauische Blicke auf die Treppenstufen , und Herr von Wismar fuhr fächelnd mit seinem Taschentuch durch die Luft , genau so wie Dagobert am Hügel gethan hatte - eine Demonstration gegen den fürstlichen Beschluß , wie sie sich drastischer nicht denken ließ . Charlotte ging hinter ihnen ; ich sah von der Seite , wie ihr Gesicht aufglühte und die scharfgeschwungene Linie ihres Mundes sich in sprachloser Erbitterung verzerrte - auch das berührte mich augenblicklich nicht ; aber jetzt fuhr ich empor aus der Betäubung , die mich gefangen hielt . » Bravo ! « flüsterte es neben mir . » Heideprinzeßchen hat sich tapfer gehalten - nun bin ich ruhig in betreff des Geheimnisses ! « Und Dagobert neigte sich so nahe und vertraulich zu mir , daß ich den Hauch seines Mundes fühlte ... Wäre mir plötzlich ein heimtückischer , schmerzender Schlag versetzt worden , es hätte mich nicht mehr aufbringen können als dieses Flüstern . Ich fühlte Groll gegen die braunen Augensterne , die mich anlachten - sie hatten mich zu der unbesonnenen Handlung hingerissen , und das Wehen des Atems , das lau meine Wange berührte , reizte und beleidigte mich - das war der Mann nicht mehr , für den ich jeder Anfeindung gegenüber mutig in die Schranken treten wollte - er war falsch , der schöne Tankred , und seine bewunderten kastanienfarbenen Locken waren Schlangen , die sich vor der Stirne niederringelten - meiner nicht mächtig , stieß ich mit der Hand nach ihm , dann lief ich wie toll die Treppe hinab und hing mich an den Arm meines Vaters , der neben der Prinzessin eben die letzte Stufe verließ . » Nun , nun , mein Kind , wir sind nicht in der Heide ! « verwies er mir lächelnd das Ungestüm . Das Höflingspaar war entsetzt zur Seite geprallt , als ich vorüberbrauste , und auch die Prinzessin wandte erstaunt den Kopf nach dem auffallenden Geräusch . » Schelten Sie mir die kleine wilde Hummel nicht , Doktor , « wehrte sie gütig . » Seien wir froh , daß ihr heiteres