ich sah sie von einem Schauder befallen , als wir auf einer unserer seltenen gemeinsamen Wanderungen durch die Stadt einer Schar tobender Waisenknaben begegneten . Als ich ihr nach 1806 - nicht zu meiner , nur zu ihrer eigenen Ausfüllung - den Vorschlag machte , eine Soldatenwaise zu adoptieren , da war ein Krampfanfall ihre Antwort , und nachdem die Sprache wieder zurückgekehrt war , sagte sie nichts als mit der flehendsten Gebärde : Bitte , bitte - nein ! Man gewöhnt sich an solchen Zustand , Fräulein Hardine . Mein Berufsleben wurde immer absorbierender . Ich war häufig auf Reisen , und wenn in Berlin , oft nur minutenweise in meinem Hause anwesend . Da bemerkte ich es denn kaum , daß sie von Jahr zu Jahr stiller und in sich gekehrter ward , ja daß wohl Tage vergingen , ohne daß ich einen Laut von ihren Lippen vernahm . Das Alter macht naturgemäß schweigsam , und was hätten wir im Grunde uns auch mitzuteilen gehabt ? Sie erlebte zuwenig und ich zuviel , aber doch nicht das , was zu häuslichem Austausch sich eignete . Die beängstigenden Zufälle hörten allmählich auf , ich fühlte mich beruhigt - bis , ja , es mögen jetzt drei Monate sein - Da konnte ich mir denn nicht länger verbergen , daß die stumme Apathie in eine seltsame Aufregung umgeschlagen war . Sie ging den ganzen Tag im Zimmer auf und ab und saß die Nächte mit offenen Augen in ihrem Bette , oder ich traf sie wohl auch nachts leise auf und nieder wandelnd . Mahnte ich sie zur Ruhe , so gehorchte sie ohne Widerspruch , legte sich und stellte sich schlafend . Sobald ich aber in meine Kammer zurückgekehrt war und sie sich unbeobachtet glaubte , richtete sie sich auf und begann ihre Wandelgänge von neuem . Sie schlummerte nicht , sie fragte nach nichts und antwortete nur mit stummen , aber deutlichen Gebärden ; sie nahm nur gezwungen die notdürftigste Nahrung . O daß das arme Hirn in dieser Zersetzung sich leise erschöpft hätte , aber seit gestern - - « » Seit gestern ? « drängte ich gespannt . » Seit gestern - - « Ein schriller Schrei aus dem Nebenzimmer unterbrach ihn . Er sprang auf und lauschte hinter dem Vorhang an der sacht geöffneten Tür . » Wer faßt es , Fräulein Hardine , « sagte er darauf , als es drinnen wieder still geworden war , » wer erträgt es , die friedfertigste Kreatur enden zu sehen unter den Qualen einer Mörderin , sie mit Gewalt vom Äußersten abhalten zu müssen , - - o Gott , Gott ! gestern in der Dämmerstunde ein unbewachter Moment , und - sie würde - - « Der Mann konnte nicht weiter ; auch ich stand erschüttert bis ins Mark . Seit Monden , wo der Sohn , eine Mutter suchend , das Land durchwanderte , und gestern , gestern , da er im Wahn seine Hand nach einer anderen ausstreckte , - - darf man an solche Sympathien glauben , an eine elektrische Strömung des verwandten Blutes ? » Dürfte ich sie sehen ? « fragte ich nach einer langen Stille den unglücklichen Mann . » Sie würde Sie nicht erkennen , schwerlich bemerken . Aber Sie , wie sollten Sie diesen Eindruck ertragen ? Fräulein Hardine - sie rast ! « » Führen Sie mich zu ihr , « sagte ich voranschreitend . Unter der Tür hielt ich an . » Eine Frage noch : ist es eine formlose Beklemmung , oder - - « » Es ist ein fixiertes Wahnbild , « versetzte Faber flüsternd , » das sinnloseste , - - oder sollte dennoch eine unterdrückte mütterliche Sehnsucht - - sollte ich zum zweitenmal genarrt - - ? Doch genug der fruchtlosen Grübeleien . Sie quält sich mit der verzweifelten Idee , eine Kindesmörderin zu sein . Nicht aber eines eigenen , neugeborenen Kindes , wie es ein häufiger Wahn irrsinniger Frauen ist ; nein , über einen Knaben tobt sie , einen Waisenknaben , den sie , sie selber totgeschossen haben will . Auf Viertelstunden tritt wohl eine Pause ein ; dann formt sie aus Kissen und Tüchern einen Knäuel , preßt ihn an ihr Herz und liebkost ihn wie eine Mutter ihr Kind ; bald aber zerreißt sie mit der Kraft der Raserei den Balg in Stücken , schleudert ihn von sich , schreit auf , sieht sich - oder wen ? - in einer teuflischen Umgebung , die sie die Schwarzen nennt , und kann nur mit Zwangsmitteln zurückgehalten werden , eine gewaltsame Befreiung aus dieser Seelenqual zu suchen . Und dennoch , dennoch , sollten Sie es glauben , Fräulein Hardine ? das engelhafte Gemüt hat sich auch in diesem Äußersten nicht bemeistern lassen . Vor dem trostlosen Gatten möchte sie ihre Folter auch jetzt noch verheimlichen . Still , still ! flüstert sie , sooft ich mich nahe . Da aber die Angst stärker ist als der Wille , wird sie immer unruhiger , windet sich , bäumt sich , stöhnt , bis ich mich entferne und sie wie erlöst aufatmet , um bald von neuem von dem gemordeten Knaben und den Schwarzen verfolgt zu werden . « Wir traten in das Krankenzimmer . Es war tageshell erleuchtet , denn die bedrohenden Gespenster wuchsen in der Dunkelheit . Zwei baumstarke Wärterinnen versahen den Dienst . Dorothee saß im Bett in unbezähmbarer Unruhe . Mit der einen Hand stieß sie eine kalmierende Arznei zurück , mit der anderen riß sie die Eisblase ab , die man auf dem Kopfe festzuhalten suchte . Das einst goldige Haar hing wie eine Silberwelle , von geschmolzenen Eistropfen überperlt , an den Schläfen herab , das Antlitz glich einer schneeigen Blüte , und die erweiterten Augen flogen in ruhelosem Flimmer auf und nieder . Das unglückselige Weib , im fünfzigsten Jahre , in den Banden des Wahnsinns , an der Pforte des Grabes