Nur eines weiß ich genau : ich wollte , wir träfen uns wie gewöhnlich im chinesischen Pavillon auf unserer Gartenterrasse und nicht hier in der Fremde ! Gestern abend sah sich das Ding leicht genug an ; aber jetzt erst merke ich , weshalb ich eigentlich hier bin , und ich wurde viel drum geben , wenn ich den Leutnant in diesem Augenblick neben mir hätte , und wir könnten beide uns bei ihr anmelden lassen und mit der Visitenkarte zu gleicher Zeit herein und ihr an den Hals fallen : Da sind wir , Tonie ! Nur deinetwegen sind wir da , und ganz Krodebeck läßt grüßen ; und nun , Mädchen , wie geht es dir ? Und wie ist es dir diese ganzen langen langweiligen Jahre hindurch gegangen ? ... Da würde der Chevalier wie gewöhnlich alles übrige aufs beste besorgen , und ich könnte wie gewöhnlich mein Vergnügen und meine Freude im Winkel haben ! « Nun sah der Junker den Edlen von Haußenbleib gleichfalls in einer andern Beleuchtung als am Abend vorher . » Wie wird er mich empfangen ? Was habe ich ihm zu sagen ? Was kann ich ihm von Krodebeck aus Gutes bestellen ? « Es war ein großes Glück , daß in diesem Moment der Wagen hielt und der Kutscher die Tür aufriß ; in seinen Gefühlen gegen den Edlen war Hennig eben im Begriff , seinen Rosselenker an der Schulter zu packen und ihm den heftigen Wunsch auszudrücken : er möge umkehren und ihn bis auf weiteres nach der Leopoldstadt zurückfahren . Jetzt war er gezwungen , auszusteigen und seine , Geschicke zu erfüllen , und der Fiakerkutscher sah längere Zeit von seinem Bock aus nach ihm zurück und sprach nachdenklich : » Kruzitürken , ist mir all eins , was d ' Leut giftet ; aber den hätt ich doch drum fragn mögn . « Der Junker befand sich jetzt in der Vorstadt Mariahilf , ungefähr in jener Gegend , allwo die » Laimgrube « in die Mariahilfer Hauptstraße übergeht , und wenn wir es für passend hielten , könnten wir die Nummer des Hauses nennen , an welchem er nunmehr sehr betreten emporstarrte , ehe er es betrat . Wir nennen aus mehrfachen Gründen die Nummer des Gebäudes , in welchem sich die Privatwohnung des Edlen Dietrich Häußler von Haußenbleib befand , nicht ; aber da wir auch auf unsere Leser einige Rücksicht zu nehmen haben , dürfen wir es doch nicht ganz der Phantasie derselben anheimgeben , sich die Lokalitäten auszumalen . Hennig von Lauen sah ein stattliches Bauwerk vor sich , das in keiner Weise an Krodebeck und an den Lauenhof erinnerte . Zwei große elegante Läden nahmen zu beiden Seiten der Tür das untere Stockwerk ein : - ein Trauerwarenmagazin unter der wunderbar passenden Firma » Zur betrübten Hekuba « auf der Rechten - ein Modewarenmagazin unter dem ebenso treffenden Zeichen » Zur schönen Helena « auf der Linken . Die lebensgroßen , gar nicht übel gemalten Bildnisse der Trojanerin und Achäerin in ganzer Figur suchten so erschütternd und verlockend als möglich auf die vorbeiwandelnden Phäaken zu wirken und ließen ihnen jedenfalls die Wahl , im eiligen Vorüberstreifen einen Zug Zerknirschung aus dem düstern memento mori rechts zu schöpfen oder dem lachenden , verführerischen , aber etwas kostspieligen Leben links einen nickenden Wink zu geben . Eine Treppe hoch befanden sich die Geschäftszimmer einer Versicherungsgesellschaft , an welcher der Herr von Haußenbleib wohl auch in irgendeiner Art beteiligt war , obgleich er ein eigenes Büro auch noch tief im wimmelnden Mittelpunkt der innern Stadt in irgendeinem » hintern Trakte « besaß . Im dritten Stock wohnte der Edle , und darüber hinaus stieg der Bienenstock mit seiner summenden Bevölkerung bis hoch in den blauen Wiener Himmel hinein und gab noch einer wunderlichen Bevölkerung von Studenten , Jüngern der Kaiserlichen Kunstschule . Photographen und so weiter Licht genug und Schutz gegen Wind und Wetter fast zur Genüge ; und der Hausmeister wußte , welche Stellung ein Hausmeister diesem unberechenbaren Völkchen gegenüber einnimmt . Von neuem griff der Junker nach den Krodebecker Briefen in seiner Brusttasche . Die schönen jungen Damen , die , je nachdem sie das Leben oder den Tod dem Publikum gegenüber vertraten , in hellern oder dunkelfarbigern Toiletten hinter den Spiegelfenstern der Läden beschäftigt waren , sahen ihn bereits darauf an , ob sie ihre Rechnung auf ihn als glücklichen Erben oder als glücklichen Verliebten und Verlobten machen durften ; er aber hatte sie nunmehr nach beiden Seiten hin zu enttäuschen . Wie das Haus , in welchem Tonie Häußler in Wien wohnte , von außen aussah , mußte er allgemach wissen . » Es ist doch zu wunderlich , daß ich sie hier finden soll ! « seufzte er . » Aus der Ferne sah sich alles das ganz anders an , und so albern wie jetzt bin ich mir im Leben noch nicht vorgekommen . Bei Gott , ich habe Angst ! Verlegen bin ich schon häufiger gewesen ; aber jetzt habe ich Angst ! Und vor wem ? Um was ? O dummes Zeug und kein Ende , jetzt stelle ich dem Unsinn ein Bein ; nach zehn Minuten werden wir ja doch darüber lachen , und , auf Ehre , ich werde ihr beichten und mich herzlich gern von ihr auslachen lassen ! « Mit einem Sprunge war er im Hause und erstieg eilig die Treppen , und da er sein Leben unterwegs nicht bei der Nilassidantia versicherte , so erreichte er ohne weitern Schaden die Tür , an welcher eine glänzende Metallplatte ihm anzeigte , daß hier der Landsmann aus Krodebeck - nein , der Edle D. Häußler von Haußenbleib , Ritter des Erlöserordens usw. , unzweifelhaft seine Wohnung habe und daß man nur die Glocke zu ziehen brauche , um die arme Tonie hinter der polierten Pforte mit den geschliffenen Scheiben zu finden . Mit zaghafter Hand griff er nach dem blanken Messingknopf und horchte atemlos auf