einen anderen Maßstab brachte , sondern einen herzguten Menschen , dem die Welt wohl wie ein aus erbärmlichen Kleinigkeiten zusammengesetztes Wehhaus vorkommen mochte , der ihr auch wirklich zuweilen mit dem halben Gesichte zu lachen und mit dem halben zu weinen schien . Recht lieb ward ihr Hansjörg , als sie einmal zu merken meinte , was er niederspotten und was darüber aufrichten wollte . Er schien ihr etwas , ja ziemlich viel vom Jos zu haben , drum ging denn auch ihr das Herz auf , und sie sprach einen Gedanken aus , den die bitteren Klagen der Schwester in ihr geweckt hatten . » Dem Jos « , begann sie , » hast du vorgerechnet , es sollte jeder sein eigener Brotherr sein . Dem Jos wolltest du auch dazu helfen , warum nicht ebenso dir und den Deinigen ? Mit dem Geld , welches du in den Handel steckst , könntest du doch auch ein kleines Gütchen , eigene Arbeit kaufen . « » Ja , ein sehr kleines Gütchen , welches wohl Arbeit machte , mich aber nicht nähren hülfe . « » Warum nicht ? Andere Leute - « » Gut - andere Leute stehen auch nie auf dem Fleck Welt , wo ich just bin . Ein Bauerngut ist ein Werkzeug , wie eine Nadel , aber eins , das nur ein Kapitalist sich anschaffen kann . « » Es muß aber doch auch seinen Zins tragen . « » Nur den , der noch darauf liegt , und das ist in der Regel der wirkliche Wert des Anwesens . Man bringt aber auch ein Opfer , wenn man so ein Werkzeug will , man zahlt mehr als den wirklichen Wert . Auf einem großen Anwesen bringt man sich noch durch , auch wenn ' s gerade um das zu teuer ist , was man als eigenes Vermögen besaß ; drum trachten die Bauern , die sich doch mit dem Hofe nur abgeben , so sehr auf Vergrößerung ihres Grundbesitzes , daß im kleinen gar nicht mehr anzufangen ist . « Hansjörg mußte lange reden , bis es Dorotheen klar war , daß nur durch dieses Opferbringen für das Werkzeug der Preis der Bauerngüter bestimmt und mit dem durch den Holzhandel und dergleichen wachsenden Geldreichtum so regelmäßig hinaufgetrieben werde , daß es schon zum voraus zu berechnen sei . Es war ihr heute eine Erholung , sich mit solchen die ganze Aufmerksamkeit fordernden Gedanken zu beschäftigen . Um so schmerzlicher traf es sie , als Hansjörg schließlich sagte : » Nun siehst du , wie schwer es geht . Ich bin schon zu alt , um noch reich zu werden , du aber machst am klügsten , daß du auf den Stighof kommst . Dann , wenn einmal der dicke Hans weg ist , kann auch ich mein Glück bei der Zusel wieder versuchen . « » Ja , wenn ! « rief das Mathisle , wischte den Löffel hastig ab , ließ sein Messer zuschnappen und begann dann das übliche lange Tischgebet so schnell , daß die anderen ihm kaum zu folgen vermochten . Dorothee , der Hansjörgs letzte Worte einen doppelten Stich ins Herz gaben , hatte noch selten so zerstreut gebetet . Wohl hätte sie für die Eigenen sich zur Herrin auf dem Stighof heiraten lassen mögen , solange sie sich nicht besser kannte ; nun aber war das gegen ihr Gewissen . Sich schon so auf den Webstuhl gespannt und in hundert verschiedene Berechnungen eingezettelt zu sehen , kam ihr jetzt doppelt unheimlich vor . Dieser Hansjörg konnte so gut rechnen und sagen , was andere können und sollen , er aber tat nichts als reden . Wie anders war der Jos ! Die besprochene Berechnung - sie war richtig , und eine Menge Beispiele dafür konnten leicht in der nächsten Umgebung gefunden werden - kam gewiß von dem guten Burschen . Aber der rechnete dann auch für sich einen Weg heraus , auf dem er mit seiner armen Mutter in Ehren durch die Welt kommen konnte . Sie nahm sich vor , das dem Bruder ernstlich ans Herz zu legen . Dieser aber verließ gleich nach dem Tischgebet die Stube , indem er sagte , daß Dorothee nicht seinetwegen gekommen zu sein scheine und er daher auch nicht länger stören möge . Als es zum Nachmittagsgottesdienste läutete , wollte auch Dorothee mit ihrer Schwester , welche die fertige , wirklich zierliche Stickerei in ihr bestes Taschentuch eingeknüpft hatte , die düstere Behausung verlassen . Doch das Mathisle befahl ihr zu bleiben , da man noch allerlei zu besprechen habe . Er ging der Schwester nach , um die Haustüre zu schließen , und kam dann schnell wieder in die Stube zurück . Dorotheen ward himmelangst , obwohl der Vater jetzt bedeutend ruhiger schien , als da sie ihn zuerst gesehen hatte . In seinem unsicher und scheu herumirrenden Blicke suchte sie zu lesen , was nun kommen solle , bis er endlich fragte : » Warum hat dich der Kaplan heut ' nicht losgesprochen ? « » Weil ich nicht versprechen wollte , meinen Dienst sogleich zu verlassen . « » Aber was um Gottes willen hast du denn auch gebeichtet , du große Einfalt ? « » Eigentlich gar nicht viel . Er wollte nur wissen , ob Hans mir manchmal etwas geschenkt habe . « » Das geht doch die Herren gar nichts an ! « fuhr das Mathisle auf . » Soll man denn bloß für ihre Missionen und in ihre Klöster hinein schenken dürfen , die Eigenen seiner Dienstboten aber verhungern lassen ? Oh , geh mir doch mit dieser - « » Vater , ich bitte , redet doch nicht noch etwas Sündhaftes , erzürnet nicht auch den lieben Gott ! Was habt Ihr in dem Elend als seine Gnad ' und seine Liebe ? « » Er soll nur einmal kommen , dieser gerechte Gott , und soll gehörig dreinschlagen , daß man