, daß Gott vergessen , man sich nicht mehr bewußt sei , daß man die guten Tage Gott zu verdanken hätte , da werde man Übermut und Hochmut finden , alle verachte man , sich selbst mache man zu seinem Götzen ; aber man solle nur sehen , wie schwer diese Leute die kleinste Widerwärtigkeit nähmen , wie sie sich sträubten und ärgerten , wie sie sich gebärdeten , wenn nicht alles nach ihrem Kopfe ginge , wie sie zagten in schweren Nöten , wie durch diesen Wechsel ein mürrisches Wesen sich ansetze , ihr Friede beständig getrübt sei , im Glück durch Übermut , im Unglück durch Kleinmut , in der Jugend durch Hoffart , im Alter durch Jammersucht . Man klage immer mehr über die Welt und das mit Recht , denn je mehr man der Welt die Herrschaft einräume über sich , desto elender werde man , ein welkend Laub im Winde , das nie weiß , wenn der Fuß kömmt , der es zertrittet oder ob es eine Welle dahinnimmt . » Würde man die Welt überwinden und an Gott sein Leben knüpfen , dann würden die Klagen über die Welt verstummen , sie würde wieder unser Paradies werden . So ist manche kleine Hütte , ob welcher man Gottes Auge offen sieht , ein köstlicher , friedlicher Tempel , während so manches große Haus nur Elend herberget , und immer mehr Elend , je größer es wird ; in ihm ists Nacht , denn Gottes Liebe scheinet nicht hinein , und daß auch über ihm Gottes Auge wacht , daran sinnet niemand . Sie wälzen sich in Not und Sorgen , in Jammer und Klagen , in Streiten und Zanken , in Neid und Ungenügen dem Grabe zu . Elend war hier ihr Teil , was wird ihnen drüben werden ? Und doch wäre Gottes Hand auch ihnen nahe , aber sie öffnen ihre Augen nicht , und wehe dem , der sie ihnen öffnen wollte ; im Übermute der Welt würden auch sie jetzt noch nach Steinen greifen . Ihr Kinder aber , vergesset es nie und nimmer , euer himmlische Vater waltet über euch , nicht blindes Ungefähr ; was kömmt , kömmt aus seiner Hand , darum vergesset nimmer Dank und Demut , Geduld und Zuversicht zu euerem getreuen Gott und Vater , der im Himmel ist . « So kinderlehrete der Pfarrer auf freundliche Weise in wechselnder Rede und Gegenrede . Es heimelete Anne Mareili gar sehr , denn alles das hatte es schon gehört , wenn auch nicht mit gleichen Worten , und manches Wort tauchte ihm auf aus der wunderbaren Kammer der menschlichen Seele , in welcher so manches unbeachtet vergessen liegt , welches in entsprechenden Augenblicken wieder zutage trittet , manches Wort , welches der Pfarrer nicht aussprach ; auch die alte Zeit tauchte ihm auf , in der es als lustiges , wildes Mädchen das alles hörte mit großer Andacht , aber ohne inniges besonderes Verständnis , wo es die Worte des Pfarrers hielt wie Perlen und Edelsteine , an denen man große Freude hat , aber ehrerbietig sie beiseite legt und keinen besondern nähern Gebrauch von ihnen zu machen weiß . Und so geht es zumeist ; es geht mit der Lehre auch , wie es mit Korn und anderem Samen geht , welches eine Weile im Schoße der Erde ruhen muß , ehe es zu eigenem Leben erwacht , was gar schnell aufgeht , verdorret schnell wieder . Das Leben ist es , welches des Herren Worte ausbrütet in den Herzen der Menschen . So wars ihm anfangs , als sei die alte lustige Zeit wiedergekehrt , aber so war es ihm nicht lange . Die Worte schienen ihm einen ganz anderen Klang zu haben als ehedem , sie glitten ihm nicht mehr so süß und sanft ins Herz hinein , sie bebten alle Falten erschütternd im Herzen wider , und wie ein Echo tönte es ringsum : Ja so ists ; das Leben gab ihm der Worte Verständnis , das zweischneidige Zeugnis ihrer Wahrheit , das Leben machte auf einmal lebendig , was wohlbewahrt in dunkler Kammer gelegen . Ja , über ihrem Hause war es trübe und finster , und drinnen fehlte der Friede und das Genügen und jedem Herzen Dank und Demut und Zuversicht ; denn ihrem Hause fehlte Gott , an sein Walten dachte niemand , ihm dankte niemand , auf ihn hoffte niemand ; wenn schon Lippen beteten , stumm blieben doch die Herzen , jedes Leben war los von Gott , und jeder führte es nach seinem Sinn und in eigener , eingebildeter Machtvollkommenheit . Wenn ein reicher Segen Scheuer und Spycher füllte , so dankte man nicht Gott , sondern aß und trank um so reichlicher an den Sichelten und tat um so wüster , und wenn das Wetter Verderben drohte , so grollte man mit dem Wetter , aber um besseres bat man den Herrn des Wetters nicht ; was dieses eintrage , jenes schade , so rechnete man , aber was der Herr zu diesem sage und zu jenem , so frug man nicht ; eines war des Andern Feind , jedes lauerte auf seinen Vorteil und des Anderen Schwäche , zwischen den selbstsüchtigen Herzen mittelte Gott nimmer , darum war daheim ein so düster und unheimlich Sein . Das hatte Anne Mareili schon lange gefühlt , aber so klar war es ihm nicht geworden , so klar war es ihm nie geworden , wie es selbst trotz der eigenen Unheimlichkeit erfasset sei und untertänig ihrem bösen Hausgeiste . War doch Gott ihm kein Trost , suchte es doch im Gebete den Frieden nicht , hatte doch all sein Glauben wenig Einfluß auf seine Stimmungen , suchte sein Auge in keiner Schickung Gott , war ja auch sein Leben eigentlich los von Gott , wenn es auch weder ungläubig noch lasterhaft war . War es aber nicht deswegen so in Ängsten , ein ratlos Laub im