ihre Formen ihr zu küssen gibt , das heißt , ihre Sprache , die ihr in die Seele spricht , wovon die Seele sich nährt , so ist es gewiß mit allen lebenden Kreaturen , die so weit sind , daß der Geist schon gelöst ist und selbst denken kann . - Alle Menschen erleiden dieselbe Berührung von der Natur , sie wissen ' s nur nicht , ich bin grade wie sie , nur der Unterschied ist , daß ich bewußt bin ; denn ich hab das Herz gehabt , dringend und mit leidenschaftlicher Liebe zu fragen , andre Menschen lesen ' s wohl als poetische Fabel , daß die Natur um Erlösung bitte , andre Menschen empfinden wohl eine Unheimlichkeit , wenn sie so in der lautlosen stillen Natur dastehen , es bedrängt ihr Herz , sie wissen weder den Geist zu wecken in sich , noch zu bezwingen , da gehen sie ihr fühllos aus dem Weg , ihr Inneres sagt ihnen wohl , hier geht was vor , du solltest dich dem hingeben , dann überkommt sie eine Angst , und sie ziehen sich wieder ins Gewohnheitsleben , wo eine Mahlzeit die andere verabschiedet , bis der Schlaf obendrauf sich einstellt , und dann ist der Tag und die Nacht herum ; und dafür hätte man gelebt ? - Nein , das ist nimmermehr wahr ! - der Gedanke hat mich schon lang verfolgt : » Warum lebst du doch ? « - besonders eben , wenn ich so manchmal bei Sonnenuntergang spazierenging - im Wald auf der Homburger Chaussee , da stand ich als still und fragte mich das , da hörte ich diese traurige Stille der Natur , da lag eine Scheidewand zwischen mir und ihr , da fühlt ich deutlich , daß ich nicht bis zu ihr drang ; da dacht ich , wenn ' s nicht eine lebendige nähere Beziehung gäb zu ihr , so würdest du das nicht so deutlich empfinden , du fühlst ja ordentlich in deiner Seele , wie sie traurig ist , also geht sie doch lebendig an dich heran , und du fühlst , daß sie einen Geist hat , der ihr allein angehört , und der sich mitteilen will , da faßt ich mir einmal ein Herz und wollte sprechen , da wußt ich nicht , sollt ich laut mit ihr sprechen wie mit den Menschen ; denn ans Küssen ihrer Form und so mit ihr sprechen , das war mir nicht deutlich , obschon gewiß ich es unbewußt im Kloster getan ; denn vom Kloster da kann ich Dir gar wunderliche Dinge sagen . - Ich dachte an einem Sonntagmorgen , als wir den Weg von Bürgel aus der Kirche zurückkamen , heut wollt ich am Nachmittag mir einen recht einsamen Platz suchen und wollt da mit ihr sprechen ganz laut , wie man mit den Menschen spricht , und es war mir ganz schauerlich , als ich aus einem großen Garten , wo wir zusammen mit andern waren , herausschlich und längs der Chaussee am Wald ging , dann den Bach verfolgte , der mir entgegengerauscht kam , und so kam ich an eine Stelle , wo Felssteine liegen , und der Bach teilt sich und muß Umwege machen und schäumt und braust , da blieb ich eine Weil stehen , das Brausen war mir grad so ein Seufzen , das lautete mir , als wär ' s von einem Kind , da redete ich auch zu ihr wie zu einem Kind . » Du ! - Liebchen - was fehlt Dir ? « - und als ich ' s ausgesagt hatte , da befiel mich ein Schauer , und ich war beschämt , wie wenn ich einen angeredet hätte , der weit über mir stehe , und da legt ich mich plötzlich nieder und versteckte mein Gesicht ins Gras , und im Anfang war ich ganz betäubt , daß ich gar nicht wußte , warum ich dahergekommen war , aber nach und nach besann ich mich , und nun , wo ich an der Erde lag mit verborgnem Gesicht , da war ich einmal zärtlich . Ach ! Ich sag Dir - tausend süße Dinge drängten sich aus meinem Seelenmund , ein Begehren , sie zu lieben , ich weiß nicht , wie ' s nachher gewesen ist , ich konnt ungern vom Platz aufstehen , aber da ward mir so heiß auf dem Kopf , und wie ich ihn aufhob , schien die Sonne so kräftig , und nichts war mehr düster und traurig , alles lebendig , ich war in der Seele , als hab ich ein neu Leben empfangen , und die Wellen im Bach , die über die Steine sich teilten , schienen mir voller zu rieseln und lauter , und ich mußte alles so tief ansehen , und da lernt ich gleich ihre Formen fassen , ich sah sie viel kräftiger an , und ich hatte unter zwei Tannen gelegen , die ihre Äste noch bis am Erdboden hängen hatten , und guckte die feinen Nadeln an , wie sie so gleichmäßig gereiht waren , und wie sie die klebrigen Knospen so schützend in ihrer Mitte tragen . Da dacht ich , ist doch kein Gedanke so kräftig und so wahr wie dieser Baum , und ich hab noch nichts gehört von Menschen sagen , wo der Gedanke gleich schon seine Knospe der Zukunft in sich bewahrte ; und drum ist auch alles platt und kein Leben drin ; denn alles was lebendig ist , das muß die ganze Zukunft in sich tragen , sonst ist es nichts , und alles Tun der Menschen muß so sein , sonst ist ' s Sünde , und da dacht ich , wie ist es möglich , daß jede Handlung gleich den Keim der Zukunft in sich fasse ? Aber da wußt ich ' s gleich , nämlich jede Handlung muß den höchsten Zweck haben , und ein hoher Zweck ist