Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs , uns lang würde , erscheint die Zeit uns nie länger , als wenn in einen bestimmten Abschnitt derselben vielerlei , eigentlich nicht bedeutende , aber wechselnde Ereignisse sich zusammen drängen . Ist heute denn schon wieder Sonntag ? fragen wir nach einer in gemüthlicher Einförmigkeit vorüber geschlichenen Woche , und im entgegengesetzten Falle : sind es denn wirklich erst acht Tage , daß wir die Reise antraten ? Den ganzen Tag über hatte es Richard nicht gelingen wollen , nur zu einem unbelauschten Worte mit Helenen zu gelangen ; er fand sie sowohl als ihre Mutter fortwährend von Glück wünschenden Herrn und Damen umringt ; denn die Nachricht von der glücklichen Ankunft des Fürsten hatte schnell wie ein Lauffeuer sich verbreitet ; wirkliche Theilnahme , Etikette oder Neubegier , zogen die Besuchenden schaarenweis herbei , und nur aus der Ferne konnte Helena ihren Freund in ihren Augen lesen lassen , wie glücklich sie heute sich fühle . Auch bei der Mittagstafel , auf welche Richard sein Hoffen zuletzt gestellt hatte , ging es ihm nicht besser ; der Fürst sah von der großen Anzahl der Eingeladenen sich dermaßen umlagert , daß er kaum Zeit zu einem Händedruck und ein paar freundlichen Worten für seinen Pflegesohn übrig behielt . An einem solchen festlichen Tage den gewohnten Platz Helenen gegenüber an der Tafel behaupten zu wollen , wäre übrigens , in Richards Verhältnissen , eben so unschicklich als schwer durchzuführen gewesen ; und so blieb denn für dieses Mal ihm nichts weiter übrig als geduldiges Entsagen , und Hoffnung auf eine günstigere Zukunft . Doch viele Tage schwanden , ohne die mindeste Aussicht zur Erfüllung dieser Hoffnung zu gewähren . Richard sah in nie befriedigter Erwartung sie vorüber gehen . Sein Verhältniß zu Helenen blieb zwar unverändert , sie schenkte ihm jede Stunde , die sie dem mit der Anwesenheit ihres Vaters verbundenen geräuschvolleren Leben abmüßigen konnte . Heitrer , schöner , liebender als je , war sie seine Freundin , seine Beratherin , die innigste Vertraute seiner Gedanken ; aber sie blieb auch dem Vorsatze getreu , jeden Versuch das Gespräch auf Gegenstände zu lenken , die sie unerwähnt lassen wollte , zu vereiteln . Er sah , er fühlte , daß er die Schranken nicht überschreiten dürfe , die sie einmal für allemal ihm gestellt hatte , und ergab sich , zum Theil durch Gewohnheit bezwungen , endlich gelassen darein . Mittlerweile nahmen dringende , nicht aufzuschiebende Geschäfte , Besuche , Feste aller Art , die Zeit des Fürsten fortwährend dermaßen in Anspruch , daß er nur höchst selten eine Stunde für die Seinigen übrig behielt . Richard erhielt täglich neue Beweise seiner fortgesetzten väterlichen Fürsorge ; doch für die Aufklärung so manches ihm dunkel Gebliebnen , die er mit Recht erwarten zu dürfen glaubte , für die Befreiung von quälenden ihm unwiderstehlich sich aufdringenden Zweifeln , nach welcher er mit ungeduldiger Sehnsucht verlangte , wollte wochenlang kein günstiger Augenblick sich finden lassen . Richard benutzte jede dazu sich bietende Gelegenheit , dem Fürsten den Wunsch darnach vorzutragen , wurde aber immer , zuweilen mit gebietendem Ernste , meist aber mild und freundlich , zurück und auf eine nahe günstigere Zukunft hingewiesen . Ich errathe , was Du willst ; doch warum quälst Du Dich vor der Zeit mit unnützen Sorgen ? beruhige Dich , vertraue mir , und wenn Du mich unruhig werden siehst , so will ich Dir erlauben es ebenfalls zu werden . So sprach der Fürst sehr heiter und gelassen etwa vierzehn Tage vor dem , zu jener entsetzlichen Revue angesetzten Tage . Beleja Tserkoff ! Yakubowitsch ! flüsterte Richard mit bebender Stimme ihm leise zu . Andreas sah mit durchdringendem Blicke lange und forschend ihn an . Du willst es wohl darauf anlegen , hundert Jahre alt zu werden ? denn kluge Kinder leben nicht lange , sagt man ; daß aber solch ein alter Knabe wie Du sich noch mit dem Popanz einschüchtern lassen will , heißt doch die Sache etwas zu weit treiben ; erwiederte der Fürst , ein wenig gezwungen scherzend , aber doch freundlich . Von nun an glaubte Richard das Absichtliche in des Fürsten Betragen sich nicht mehr verhehlen zu können ; er sah wie so manche , der vertraulicheren Mittheilung günstige Stunde nicht nur unbenutzt vorüber gelassen , sondern sogar jede Gelegenheit dazu vermieden ward , und litt darüber mehr , als in Worten sich ausdrücken läßt . Des Fürsten Betragen ließ übrigens keine Abänderung seiner Gesinnung persönlich gegen ihn befürchten ; es schien im Gegentheil , als ob Andreas durch Verdoppelung der Beweise seiner väterlichen Liebe für das , nur in diesem einzigen Punkte ihm entzogene Vertrauen , ihn zu entschädigen wünsche ; gerade dies aber war es , was ihn in Verzweiflung setzte . Und Graf Stephan war noch immer an das Lager der peinlich langsam hinscheidenden Gattin gefesselt , und jetzt wirklich geistig unfähig , an irgend etwas andrem in der Welt Antheil zu nehmen ! Endlich wurde Richard eines Abends zum Fürsten gerufen ; erwartungsvoll trat er ins Zimmer , und sah Mr. Mitchels gemeine Figur , in breiter Aufgeblasenheit und tiefer Demuth über die ihm widerfahrene Ehre , hinter einem großen Tische etablirt , der mit Proben neu erfundner Fabrikate bedeckt war ; mit Modellen , Zeichnungen von Ackergeräth , Eisenbahnen , Tunnels , Dampf- und Spinnmaschinen und ähnlichen Wundern unsrer erfindungsreichen Zeit . How do you do ? krächzte die widerliche Erscheinung ihm entgegen . Es war als führe ein Dolchstich ihm in die Brust , er glaubte auf das bitterste sich verhöhnt , wandte sich , wollte zur Thüre , am liebsten zum Leben hinaus , wußte aber in der Verwirrung selbst nicht was er wollte , fühlte von zwei ihn umschlingenden Armen sich gehalten , und sah dicht vor sich die geliebten Züge , die freundlichen Augen des ihn umfangenden Fürsten , fast bittend ihn anlächeln . Das war nicht meine Absicht , gewiß das war