Platz zu finden ; sie vermied ihn beinahe auffallend , und es schien ihm , als wenn sie überhaupt kalt und fremd gegen ihn sei . Er kam also in die Nähe Elsheims und Albertinens und sah es nicht ohne Eifersucht , wie freundlich Charlotte mit dem neu angekommenen Sänger sprach . Dadurch verstimmt unterhielt er sich um so eifriger mit Albertinen , die ihn gern anzuhören schien . Elsheim war sehr vergnügt über die eingefangenen Virtuosen und sagte zu Emmrich : » Erst jetzt fällt es mir bei , wie wenig ich bei meinen leidenschaftlichen Theaterversuchen meiner guten Mutter und ihres Enthusiasmus für die Musik gedachte . Wie wird sie sich freuen , wenn sie wiederkommt , und wir ihr Konzerte geben , vielleicht gar Belmont und Constanze teilweise oder ganz aufführen können . Dann erst wird sie mit unserm Theaterbau ganz zufrieden sein . « Man machte schon allerhand Projekte , und Leonhard stand zwar gesättigt und gestärkt vom Tische auf ; dennoch fühlte er , daß er der Ruhe bedürfe , um im Schlaf , wo möglich , alles das zu vergessen , was er an diesem Tage erlebt hatte . Fünfter Abschnitt Die alte Baronesse war wieder eingetroffen und heiterer , als es der Sohn erwartet hatte . Sie hatte in der Residenz fröhliche Tage verlebt , und ihre Begleiter und Verwandten mußten dort auch ihre Klagen über die eingebildete Beleidigung aufgeben , da sie auf Erkundigung von allen Seiten vernahmen , daß Goethe ein vornehmer Mann und großer Dichter sei . Sie nahm es also mit Heiterkeit auf , als ihr Sohn ihr sagte , daß er auf morgen , zu ihrem Geburtstage , ein Lustspiel von Shakspeare aufführen würde . Emmrich hatte das Kostüm so angeordnet , daß es geschmackvoll war , ohne irgend auf Gelehrsamkeit oder Genauigkeit Anspruch zu machen . Er hatte sich schon früher ungefähr so geäußert : » Der Dichter hat diesmal nicht , wie so oft , die Szene nach Italien gelegt . Italien galt ihm und den Zeitgenossen auch nur für ein Land der Poesie und Abenteuer . Die vielen kleinen sich ungleichen Staaten dort , die Welt von Novellen , die die Engländer sehr genau kannten , die vielen Reisen dahin hatten ihnen Florenz , Mailand , Venedig und Verona , sowie andere Städte und ihre Namen , sehr geläufig gemacht . In diesem poetischen Scherz von Zufällen und Seltsamkeiten aber wollte der Dichter die Sache noch weiter ab in eine fast unbekannte Region verlegen . Wollten wir nun die Bücher nachschlagen , oder aus älteren Gemälden die Trachten jener Illyrier uns versinnlichen , so könnte man in Gefahr geraten , daß unser verliebter , feingebildeter Fürst unserem Auge als ein Spaßmacher oder komischer Charakter erschiene , dessen Anzug uns zum Lachen stimmte . Der dramatische Dichter , vorzüglich im Lustspiel , kann nur Kraft gewinnen und die Zuschauer täuschen und überzeugen , wenn er Anspielungen , Sitten und Gesinnungen aus seiner Zeit nimmt . Dies haben die Engländer , vorzüglich Shakespeare , immer beobachtet . Denn dem so ist , so könnte leicht die Poesie mit dem sogenannten Kostüm im Widerspruch stehen und in Krieg geraten . Es ist also besser , eine allgemeine poetische Kleidung anzunehmen , die auf alle jene Zeiten und Stücke paßt , die sich in einem dichterischen Elemente bewegen . « Man hatte also die hergebrachte ältere italienische Tracht angenommen Der Herzog ging in weißen Unterkleidern und in saffrangelbem seidenem Mantel ; Malvolio schwarz , Tobias mit einem roten Mantel , und Andreas ledergelb . Viola ohne Mantel , in einem kurzen , himmelblauen , unter den Knieen zusammenschlagenden Überrock , Krause , sowie den Aufschlag an den Schultern weiß , einen roten Gütel eng um die Hüften , in welchem ein feiner Degen hing . Ebenso trug sich ihr Bruder . Olivia anfangs in Schleiern und in tiefer Trauer , gegen das Ende des Stücks in rosafarbnem Atlas . Der festliche Tag war nun erschienen . Für die Mutter des Gutsherrn war wieder ein eigener Sessel vorn , ziemlich nahe an die Bühne , hingestellt , welche etwa nur um drei Fuß erhöht war . Die Dienstleute und Dorfbewohner waren wieder zugegen ; auch die Gerichtshalter und einige Justizpersonen , sowie verschiedene Beamte und Verwalter aus der Umgegend hatten sich eingefunden . Die Baronesse war anfangs überrascht , daß der Saal anders eingerichtet , und das Theater in die Länge verlegt war . Die Bühne selbst machte einen angenehmen und heitern Eindruck , und kündigte ersichtlich an , daß sie zu einer Festlichkeit bestimmt sei . Der obere Balcon oder Altan wurde von den freistehenden Säulen getragen , deren ionische Kapitäler zierlich vergoldet waren . Unten war die kleinere Innenbühne mit rotseidenem Vorhang verdeckt . Auch die Treppen waren mit farbigen Decken verkleidet , so daß die Bühne an sich selbst sein konnte , was man wollte . Und wo spielt denn diese erste Szene im Original ? Im Zimmer , Saal , Vorhof ? Die Bühne , um sich nicht zu oft in poetischen Werken zu widersprechen , müßte eben fast immer nichts als die Bühne sein wollen , ohne daß ihr der Zuschauer die Rechenschaft abforderte , welchen zufälligen Raum sie eben darstelle . So war es bei den früheren Engländern , eigentlich auch bei den Franzosen zu Corneilles und Molières Zeiten . Selbst im Holberg finden wir noch diese unbestimmte Allgemeinheit . Als sich die Zuschauer geordnet hatten , und die Ruhe hergestellt worden , vernahm man einen Tusch von Trompeten und Pauken . Er erscholl von dem obern Altan , wo man viele Musiker in heiterer und bunter Tracht versammelt sah . Eine allgemeine feierliche Stille folgte dem Trompetengeschmetter . Alsbald trat aus der Gruppe der fremde Sänger festlich geschmückt hervor und sprach einen Prolog , den Elsheim gedichtet hatte , in welchem der Mutter Glück gewünscht wurde , daß dies Spiel sie erheitern möge , und wie sie es ebenfalls nehmen dürfe , für was